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Das heilige Buch der Werwölfe

Pelewin, Viktor; Tretner, Andreas

Rezension von Christoph Mann


Viktor Pelewin dekonstruiert unter dem Mantel der Werwolfsmetaphorik die Wahrheitsfähigkeit der Sprache.

Das Motiv der Werwesen gehört zu jenen wenigen Dingen, die der menschliche Geist überall auf dem Erdball hervorgebracht hat. In metaphorischer Form zeugt es von einer auch von großen Gelehrten wie Siegmund Freud und George Herbert Mead aufgegriffenen Konstante des Homo Sapiens: In Gesellschaft ist er ein kulturell domnestiziertes Wesen, doch unter der geglätteten Oberfläche wartet ein an egoistischer Grausamkeit die lokale Fauna noch übertreffendes Tier auf seine Befreiung.

Der russische Erfolgs- und Skandalautor Viktor Pelewin legt in seinem neuen Roman „Das heilige Buch der Werwölfe“ die uralte und universelle Folie der Werwesen über die russische Gesellschaft auf dem Weg in die kapitalistische Moderne und seziert durch diese mystische Symbolik aus einer in der Endlosschleife der Pop- und Konsumkultur gefangenen Lebenswelt eine mitreissende Erzählung heraus, in deren Verlauf das Potential von Sprache und Geist überhaupt radikal in Frage gestellt wird.

Erzählerin dieses Romans ist die Werfüchsin A Huli. Mittels ihres Schweifs kann sie den Menschen Halluzinationen vermitteln, eine unentbehrliche Fähigkeit für das traditionelle Arbeitsfeld der Werfüchse – die Prostitution. Denn die im sexuellen Höhepunkt freigelassene Energie der anderen ist die Nahrung für die Ewigkeit des werfüchsischen Lebens. In der Beschreibung pädophiler und sadomasochistischer Szenen detailliert Pelewin weit genug, um seinen skandalösen Ruf zu behaupten, bewegt sich aber keineswegs auf pornographischem Boden, da die sexuelle Handlung niemals Selbstzweck, sondern stets Träger zynischer Menschenbeobachtungen und skurriler Dialoge ist. Die Absurdität des Bildes liegt im Kontrast von A Hulis lolitahaftem Äußeren und ihrem hochintellektuellem Geist.

Die realen Geschehnisse dringen in den ständigen Fluss ihrer Gedankenwelt ein. In dieser philosophiert das jahrtausendealte Mädchen über das Leben, die Welt und – natürlich – die russische Seele. Die Besonderheit werfüchsischen Denkens liegt darin, dass sie immer nur wiedergeben können, was einmal gehört wurde und so zur Auswurfmaschine von Zitaten quer durch den Weltgeist verdammt sind: Chinesische Philosophien, russische Autoren, Steven Hawkings, Computerspiele, französische Poststrukturalisten, Filme und eine weitere Masse an Markennamen des Geistes macht „Das heilige Buch der Werwölfe“ zu einem postmodernen Poproman in Patchwork-Tradition.

A Huli opfert ihre lange Lebenszeit den Größen des menschlichen Geistes und streunert als Literatur-Groupie durch die Weltgeschichte, immer wieder ihre Persönlichkeit neu erfindend um gesellschaftlich lebensfähig zu sein. Damit wird sie zum Symbol für eine Geisteswissenschaft, die bereits in der Antike an die Grenzen der Wahrheitsfähigkeit der Sprache gestoßen und seit da an darin gefangen ist, sich selbst immer wieder neu schreibend der Erosion des Wissens durch den kulturellen Wandel der Begriffe zu entziehen, getragen von der Illusion, durch die Entdeckung von Neuem auf einen Endzweck zuzusteuern. Im Kreis der Werwesen wird dieser Endweck das „Überwertier“ genannt, und von A Huli als die innere Vervollkommnung interpretiert. Damit stellt Viktor Pelewin sein eigenes literarisches Handwerk, und die menschliche Sprache überhaupt, in Frage - sein Werk gewinnt damit eine skandalöse Sprengkraft, die sich über die von A Huli oft und treffend geäußerte Kritik am Kapitalismus erhebt und Literatur und Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm heraus in den Kreis derjenigen zerrt, die sich moralisch als Mensch denken aber ihr wölfisches Handeln mit einem nihilistischen Zynismus rechtfertigen.

Ihren Gegenpart findet die schlaue Werfüchsin in dem Werwolf Alexander. Unverhohlen präsentiert Pelewin diesen als einen patriotischen Geheimdienstzugehörigen, dessen Sinngebung weniger von geistvollen Reflexionen als von direkten Glaubenssätzen geprägt ist. Geist trifft Macht, Frau trifft Mann, Fuchs trifft Wolf. Inmitten von A Hulis moralisch-geistiger Überlegenheitsillusion entflammt eine Liebe, deren Höhepunkt die beiden für den Augenblick eines Kusses in eine unschuldige Zuflucht vor einer versauten Welt führt, aber als mystischer Moment den rohen Wolf in einen braven Hund verwandelt. Der menschheitsgeschichtlichen Irrtum, der Geist könne die Macht und Gewalt domnestizieren, offenbart sich sehr schnell auch für A Huli: Der Hund hat ein fünftes, dornenbesetzes Glied, welches die körperliche Liebe in den Raum der Phantasie verbannt und ihm eine bisher ungeahnte Macht verleiht. So wie die Sowietunion in der Übernahme sozialwissenschaftlicher Theorien sich als Krone der staatlichen Schöpfung verstand, so wie das Militär triumphierend in der Atombombe die Physik pervertierte, so verfällt Alexander dem Glauben, das Überwertier geworden zu sein, es bildet sich eine unüberwindbare Kluft zwischen Fuchs und Wolf, zwischen Geist und Macht, und die Möglichkeit der Liebe, der Symbiose entpuppt sich als dieselbe Illusion wie die Idee der Wirklichkeit.

„Auf die Frage ´Was ist Wahrheit?´ gibt es nur eine richtige Antwort – zu schweigen. Wer zu sprechen anhebt, zeigt, dass er nichts weiß.“


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Es könnte ein bißchen besser beschrieben werden. Ich möchte ein bißchen über die wolfssprache wissen. und nicht über spiele.
[Sarah Martinoff]

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Russland

Zeit:

Gegenwart

Autor:

Pelewin, Viktor

Verlag:

Luchterhand LiteraturverlagLuchterhand LiteraturverlagLuchterhand Literaturverlag

Erschienen:

Sep. 2006

Kritiker:

Christoph Mann

ISBN:

3-630-87235-2

ISBN(13):

978-3-6308-723-3

EAN:

9783630872353

Typ:

Hardcover

 

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