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Malastrana

Lado, Aldo (Regie); Sorel, Jean; Thulin, Ingrid; Adorf, Mario

Rezension von Thomas Wagner

Gregory Moore (Jean Sorel), amerikanischer Auslandskorrespondent, wird in Prag tot aufgefunden. Eine Todesursache ist auf Anhieb nicht erkennbar und auch die Leichenstarre will sich nicht in der üblichen Zeitspanne einstellen. Doch während die Mediziner ebenso wie Moores Freunde und Kollegen noch am Rätseln sind, ahnt niemand, daß der vermeintliche Tote in Wirklichkeit noch lebendig und bei Bewußtsein ist. In einen Zustand todesähnlicher Katalepsie ohne jegliche nachweisbare Lebensfunktionen versetzt und unfähig sich auf irgendeine Art zu artikulieren, verfolgt Moore verzweifelt die Untersuchungen der Ärzte. Nach und nach kehren auch seine Erinnerungen zurück und der Zuschauer erfährt durch die Gedanken des Scheintoten die seltsame Vorgeschichte: Moore wollte seiner tschechischen Geliebten Mira (Barbara Bach) die Ausreise in die USA ermöglichen und hatte schon alle erforderlichen Papiere besorgt. Doch eines Tages verschwand das Mädchen spurlos. Moore, der der einheimischen Polizei mißtraut, beginnt – unterstützt von seinen Kollegen Jack (Mario Adorf) und Jessica (Ingrid Thulin) – auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Seine Recherchen ergeben, daß in den letzten Jahren schon eine ganze Reihe junger Frauen spurlos in Prag verschwand und schließlich kommt er einem mysteriösen Geheimbund auf die Spur...

Die deutsch-italienische Coproduktion “Malastrana” entstand 1971 in der Regie von Aldo Lado und ist eines der ungewöhnlichsten Kapitel in der italienischen Thrillergeschichte. Der Film ist keinesfalls ein typischer Giallo; die für dieses Subgenre typischen Zutaten wie maskierte Killer, kunstvoll inszenierte Morde oder erotische Obsessionen sucht man hier vergebens. Stattdessen verbinden sich Stilmittel des Horror- und Kriminalfilms zu einem bitterbösen Paranoia-Thriller mit okkulten Elementen. Im Schnittwechsel zwischen Gegenwart (= Leichenschauhaus) und Vergangenheit (= Moores Untersuchungen) baut sich die Story puzzlegleich auf und strebt mit schleichendem, aber sich stetig steigernden Grauen dem schrecklichen Finale entgegen. Der Film bietet keine Tour de Force der Schockeffekte, sondern nimmt sich ausgiebig Zeit, um die Handlung zu entwickeln, die Charaktere vorzustellen und die beklemmende Atmosphäre wachsen zu lassen. Die okkulte Facette der Story – ein Bund unsterblicher Greise, der sich auf Kosten der Jugend turnusmäßig das ewige Leben und die Macht sichert – ist nichts anderes, als eine politische Metapher auf Totalitarismus und menschenverachtende Systeme (man bedenke in diesem Kontext auch, daß der Prager Frühling noch nicht lang zurücklag). Das Individuum findet sich hilflos in einem alles umspannenden Netz aus Kontrolle, Intrigen und Lügen wieder; einer System-Maschinerie ausgeliefert, die zur Erreichung ihrer Ziele ohne Probleme über Leichen geht. Natürlich ist diese verrottete Moral machtbesitzender Zeitgenossen ein grenzübergreifendes Übel und fand sich ebenso dies- wie jenseits des Eisernen Vorhangs. Daß es möglich war, “Malastrana” in der damaligen CSSR zu drehen, erstaunt im Nachhinein trotzdem; offensichtlich hatten die verantwortlichen Funktionäre kein sonderlich ausgeprägtes Interesse an dem Drehbuch. Die titelgebende Malá Strana ist übrigens einer der ältesten Stadtteile von Prag und bot eine wirklich wunderschöne Kulisse für die hier erzählte Geschichte – ein faszinierendes Gespinst verwinkelter Altstadtgassen, die zugleich einladen, zugleich aber auch dunkle und uralte Geheimnisse erahnen lassen. Der mysteriöse Zauber der Stadt Kafkas trug gewiß nicht unwesentlich zu der gelungenen Stimmung des Films bei.

“Malastrana” war das Regiedebüt Aldo Lados und mutet dafür erstaunlich gelungen und professionell an. Kameraführung, Ausleuchtung, Schnitttechnik und der Einsatz von Geräuschen und Musik – all das wirkt gekonnt, stets passend und läßt den Film vortrefflich funktionieren. Der düstere Soundtrack von Ennio Morricone tut ein übriges, um die Atmosphäre subtil zu verstärken. Auch an der Besetzung gibt es wenig auszusetzen: Jean Sorel – ein französischer Schauspieler der in den 60er/70er Jahren in zahlreichen italienischen Thrillern mitwirkte – ist perfekt in der Hauptrolle des immer paranoider werdenden Gregory Moore. Ihm zur Seite stehen die Schwedin Ingrid Thulin (de u. a. auch mit Regisseuren wie Bergman und Visconti zusammenarbeitete) und der großartige Mario Adorf, dessen Rolle hier zwar nicht sonderlich groß ist, von ihm aber wieder einmal souverän und überzeugend ausgefüllt wird. Eher in den Bereich des Obskuren fällt der Kurzauftritt des Ballermann-Schlagerhelden Jürgen Drews, der hier als Hippiebarde zur Wanderklampfe einen englischen Song zum Besten geben darf.

Zur DVD-Umsetzung:

Koch Media präsentiert diesen Klassiker wie gewohnt in einem hübsch aufgemachten Digipack im Pappschuber und natürlich in ungeschnittener Fassung (die in der damaligen deutschen Version nicht enthaltenen Szenen werden in der englischen Fassung mit deutschen Untertiteln wiedergegeben). Die Bildqualität (2.35:1) ist für das Alter des Films sehr gut ausgefallen, offensichtlich lag hier das gleiche Master zu Grunde wie bei der US-Veröffentlichung (“Short Night Of Glass Dolls”) von Anchor Bay. Beim Ton (DD 2.0, Deutsch und Englisch, Untertitel einblendbar) muß man halt altersbedingt kleine Abstriche machen: Bei der deutschen Synchronfassung fallen in den Dialogen gelegentlich leichte Übersteuerungen und Zischlaute auf, die etwas leisere englische Fassung klingt in der Hinsicht sauberer. Beide Sprachfassungen bieten jedoch eine ausgewogene Abmischung von Dialog und Musik. Natürlich werden auch wieder einige Extras geboten: Der interessanteste Bonusteil wäre wohl das ca. 23minütige Interview mit Mario Adorf, das exklusiv für diese DVD produziert wurde. Darin kann der Schauspieler sich zwar kaum noch an die Dreharbeiten zu “Malastrana” erinnern, weiß aber jede Menge anderer interessanter Anekdoten aus der damaligen Zeit zu berichten. Ferner gibt es den englischen Trailer, eine Bildergalerie und selbstverständlich auch wieder ein 8seitiges Booklet mit Liner Notes des Italo-Spezialisten Christian Keßler. Als besonders kuriose Beigabe gibt es auch noch einen Audiokommentar von Jürgen Drews. Im Film beschränkte sich die Rolle des “Königs von Mallorca” ja glücklicherweise auf einen Kurzauftritt und dementsprechend weiß Drews auch herzlich wenig über die Dreharbeiten oder Hintergründe zu berichten und ergeht sich stattdessen in Erinnerungen an die 70er Jahre. Dies ist zwar stellenweise recht amüsant (zumal Drews sich auch selbst nicht zu ernst nimmt), wirft jedoch trotzdem die Frage nach Sinn oder Unsinn eines solchen Extra-Features auf. Ein Interview mit Regisseur Aldo Lado z. B. (auf der US-DVD von Anchor Bay enthalten) wäre doch wesentlich interessanter gewesen.

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Unterhaltsam)

Spannung:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Vertretbar)

Ton:

(Mittel)

Bild:

(Gut)

Menüs:

(Gut)

Ausstattung:

(Gut)

 

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Infos Aldo Lado:
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Koch Media

 

Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Italien/Deutschland

Zeit:

1971

Autor:

Lado, Aldo

Verlag:

Koch Media

Erschienen:

Apr. 2006

Kritiker:

Thomas Wagner

Typ:

DVD

 

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