 | Das Testament des Dr. Cordelier Renoir, Jean (Regie); Barrault, Jean-Louis; Bilis, Teddy; Vitold, MichelRezension von Thomas Wagner Dr. Cordelier (Jean Barrault), einst ein angesehener Psychiater mit einer gutgehenden Praxis, hat sich seit einigen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, um sich nur noch seinen Forschungen zu widmen. Er experimentiert mit einem Serum, das die eigentliche menschliche Seele mit all ihren verdrängten, unterdrückten und verborgenen Seiten sichtbar machen soll. Bei einem Selbstversuch zeigt Cordeliers Droge auch prompt eine radikale Wirkung: Er verwandelt sich in Opale, einen Menschen, der nur seinen Trieben und Instinkten gehorcht und jegliche Moral und Autorität ablehnt. Bei seinen Streifzügen terrorisiert Cordeliers selbstgeschaffenes Alter Ego Paris. Zunächst sind es nur die boshaften Gemeinheiten eines unberechenbaren Rowdys, doch schließlich schreckt Opale auch vor Mord nicht zurück. Cordelier hat keine Macht mehr über dieses anarchistische „Monster“ aus seinem eigenen Innern, die Verwandlungen vollziehen sich inzwischen außerhalb seiner Kontrolle... Jean Renoir (1894-1979), Sohn des Impressionisten Auguste Renoir, gilt zu Recht als einer der bedeutendsten Regisseure aller Zeiten und schuf u. a. mit seinem Antikriegsdrama „Die große Illusion“ (1937) einen Meilenstein der Filmgeschichte. Bei seinem 1959 entstandenem Spätwerk „Das Testament des Dr. Cordelier“ handelt es sich um eine Adaption von Robert Louis Stevensons Novelle „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, einem Stoff der seit der Stummfilmzeit bereits über dreißigmal (TV-Produktionen inklusive) verfilmt wurde. Neben Rouben Mamoulians Klassiker „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ aus dem Jahre 1931 gilt Renoirs Film dabei als die herausragendste und gelungenste Version. Zwar wird die Handlung von London nach Paris verlegt, die Namen der Protagonisten von Jekyll und Hyde in Cordelier und Opale geändert, und die ganze Geschichte statt im späten 19. Jahrhundert in der Gegenwart angesiedelt, doch trotz dieser Modifikationen hält sich das Drehbuch essentiell sehr stark an Stevensons Vorlage, denn es sind die verlogenen Zwänge und die Doppelmoral der gehobenen Gesellschaft, an denen Jekyll-Cordelier hier leidet und denen er zu entfliehen versucht: In seiner Jugend wurde ihm eine Affäre mit einem Dienstmädchen von seiner Mutter untersagt; unfähig später eine normale Beziehung mit einer Frau einzugehen, ging er schließlich dazu über, seine Patientinnen (natürlich allesamt Angehörige der High Society) unter Drogen zu setzen und zu mißbrauchen. Schließlich zieht er sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, um nun in in aller Heimlichkeit mit seinem Serum zu experimentieren, dank dem es ihm möglich ist, in der Gestalt Opales wenigstens zeitweise dem verhaßten „goldenen Käfig“ seiner gutbürgerlichen Existenz zu entfliehen. Und natürlich muß diese künstliche Zweiteilung der menschlichen Natur – genau wie in Stevensons Novelle – mit einer Tragödie enden. Jean Renoir ließ sich bei der Inszenierung dieses zeitlos aktuellen Stoffes von den (1959 noch sehr modernen) Möglichkeiten des Fernsehens inspirieren. Der in Schwarzweiß gedrehte Film entstand mit teilweise acht simultan laufenden Kameras in einem Fernsehstudio – übrigens tritt Renoir zu Beginn selbst dort auf und spricht die Einleitung -, was einen Großteil des endgültigen Schnitts ersparte und zugleich für eine fast schon dokumentarisch anmutende Kontinuität im Erzählfluß sorgt. Die Geschichte strotzt vor bissigen Seitenhieben auf die Verlogenheit der Bourgeosie und orthodoxe Allwissenheitsphantasien der etablierten Wissenschaft, entspinnt zugleich jedoch auch ein, auf die Person Cordeliers fokussiertes, menschliches Drama. Daß gerade auch letzteres hervorragend funktioniert, ist nicht zuletzt Hauptdarsteller Jean-Louis Barrault zu verdanken, der u. a. durch die Hauptrolle in Marcel Carnés Drama „Die Kinder des Olymp“ (1945) zu Weltruhm gelangte. In der Doppelrolle Cordelier/Opale vollbringt Barrault eine wahre Meisterleistung: Während er den Wissenschaftler Cordelier als innerlich zerrissenen, verklemmt-zurückhaltenden Vertreter des gebildeten Großbürgertums porträtiert, verwandelt er sich als triebgesteuerter Anarchist Opale – auch ohne großes Make Up (mehr als ausgepolsterte Wangen und eine struppige Perücke sind nicht von Nöten) – in einen völlig anderen Menschen, der keinerlei Ähnlichkeiten mehr mit seinem anderen Ich aufweist. Sein Opale ist eine faszinierende Mixtur aus leicht tolpatschiger Unbeholfenheit, die auf den ersten Blick sogar leicht liebenswert wirkt und einem unberechenbaren, immensen Potential an Wut und Bosheit, der er stets aufs neue freien Lauf läßt. Wenn er mit seinem Spazierstöckchen durch die Straßen flaniert und gehässig seine Mitmenschen taxiert, wirkt er fast wie ein teuflisch-pervertiertes Spiegelbild Charlie Chaplins – ein böser Clown auf der Suche nach neuen Opfern, auf einem Rachefeldzug gegen die Gesellschaft, die seine Existenz mitverschuldet hat. Daß das kleine Label Anolis Entertainment ein Gespür für den richtigen Umgang mit Filmklassikern hat, dürfte spätestens seit der im vergangenen Jahr erschienenen Hammer Edition bekannt sein. Mit „Das Testament des Dr. Cordelier“ präsentiert das Label (im Vertrieb von e-m-s) nun einen der wohl faszinierendsten Genrevertreter überhaupt und hat auch hierbei wieder eine qualitativ vollauf überzeugende Umsetzung realisiert. Zunächst ist ist die gelungene Aufmachung der DVD zu loben; das Cover wird wieder einmal von einem alten Originalplakat geziert und ein beliegendes Booklet bietet einen sehr informativen kleinen Überblick über Jean Renoirs Leben und Werk. Die Bild- (1:1,33) und Tonqualität (DD 2.0 Mono, Deutsch und Französisch, deutsche Untertitel sind einblendbar) sind sehr gut ausgefallen. Der einzige Kritikpunkt bietet sich bei dem doch etwas spärlich geratenen Bonusmaterial, denn außer dem Originaltrailer, einer kleinen Bildergalerie und der alten deutschen Titelsequenz wird leider nichts geboten. Angesichts der Qualität dieses Films ist dies jedoch verzeihlich.
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| vollständige Information über den Film und seinen Hintergrund [Wilfried Lyhs] |
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