 | Planet der Habenichtse Rezension von Miara Der junge Physiker Shevek lebt auf dem Annares. Auf dieser Welt gibt es kein Geld, kein Eigentum, keine Regierung und auch keine Gefängnisse. Annares ist ein Planet, der nur über wenige Ressourcen verfügt. Das ist auch der einzige Grund, weshalb man auf Annares noch Kontakt zu Urras hält. Das ist der Planet, von dem die Bevölkerung ursprünglich stammt. Weil dort die Gesellschaft extrem andersartig ist und das verkörpert, was für einen Bewohner Annares negativ ist, gibt es außer einigen Handelsschiffen keinerlei Kontakte zur Bevölkerung von Urras. Shevek ist der erste Mensch, der den Planeten Annares verlässt, um nach Urras zu gehen. Das bedeutet für ihn allerdings, dass er nie wieder nach Annares zurückkehren kann. Denn man möchte hier nichts mehr mit jemanden zu tun haben, der von Annares weg gehen möchte, sei es auch nur, um wissenschaftliche Ansichten auszutauschen. Und so kommt es bei Sheveks Abreise auch zu Protesten und Beschimpfungen. Auf Urras lernt Shevek, der unter den einfachen Bedingungen auf Annares aufgewachsen ist, eine völlig andersartige Welt mit vielen Pflanzen und Annehmlichkeiten für Menschen kennen. Er hat schon lange bemerkt, dass auch hier Menschen leben, die wie er für die Wissenschaft leben. Aber schnell bemerkt er auch, dass auf Urras nicht alles so wie versprochen ist und die Machthaber auf Urras ihre eigenen Vorstellungen von Sheveks wissenschaftlicher Forschung haben. Immer mehr merkt Shevek im Laufe der Zeit, dass zwar Annares nicht nur Vorteile hat, dass ihm aber die Nachteile auf Urras doch mehr stören, als er das am Anfang bedachte ... Der Roman Planet der Habenichtse ist ein sehr anspruchsvolles Buch, das eher für Leser geeignet ist, die sich auch Gedanken über die Zukunft oder Zukunftsvisionen machen und bei denen die Hauptpriorität nicht Kämpfe oder Abenteuer sind. Dennoch bietet das Buch auch eine gewisse spannende Unterhaltung. Ich selbst habe mich durch den Titel täuschen lassen und habe mit einem eher humorvollen Roman gerechnet. Das allerdings ist "Planet der Habenichtse" auf keinen Fall. Es ist eine utopische Vision, in der der Leser durch die Figur des Shevek sowohl den für ihn neuen Planeten Urras als auch seine bisherige Heimat Annares kennen lernt. Meiner Ansicht nach ist das Hauptanliegen hier, zwei sehr extreme Welten darzustellen. Das Extreme bezieht sich hier nicht auf fremdartige Welten, sondern eher darauf, wie fremdartig und unterschiedlich Gesellschaften werden können. Beide Welten, sowohl Annares als auch Urras, sind so dargestellt, dass man sie sich als Zukunftsvisionen der Erde vorstellen könnte. Und beide Gesellschaftsformen sind meiner Ansicht nach sehr extrem, auch wenn mir persönlich Urras unserer Gesellschaftsform ähnlicher vorkommt als Annares. Für meine Leser zur Kurzinformation zu Annares und Urras. Annares ist meiner Ansicht nach ein Planet, der so ist, wie ich mir früher den extremen Kommunismus oder auch Sozialismus vorgestellt habe. Alle Menschen sind gleich, Frauen haben die gleichen Rechte und auch Pflichten wie Männer. Es ist faszinierend, aber interessant hier mitzuerleben, dass es funktioniert, auch ohne Geld eine Gesellschaftsform zu entwickeln. Es gibt weder besonders Reiche noch besonders Arme. Alle sind tatsächlich gleich. Allerdings wird mir persönlich die Gleichheit zu extrem betrieben. So wird jeder, der nur ein klein wenig individuell denkt, in eine Art Umerziehung gesteckt. "Egoismus", also an sich selbst auch nur in kleinsten Dingen denken, ist etwas, das auf Annarres mehr als nur verabscheut wird. Diese Art von Egoismus wäre aber auch der Fall, wenn zwei Menschen, die sich lieben, ihre Liebe und ihre Zusammengehörigkeit behalten könnten. Und so bemerkt man anhand der Erlebnisse von Shevek, wie schnell auf Annares zwei zusammengehörige Menschen getrennt werden. Da landet schon einmal der eine in der Wüste und der andere auf der anderen Seite des Planeten. Denn natürlich geht die Gesellschaft vor solch einem Egoismus wie der Idee einer Liebe oder einer Familie. Urras entpuppt sich als das genaue Gegenteil von Annares. Während mir die Gesellschaft hier anfangs unserer Gesellschaftsform (Demokratie und auch Kapitalismus) ähnelte, so erkennt man während des Lesens doch gravierende Unterschiede. So als sei Urras eine Möglichkeit, was passiert, wenn ein Sozialsystem kippt oder einfach soziale Parts einfach nicht beachtet werden. Frauen haben nicht die Rechte wie Männer, auch wenn sie der Meinung sind, sie würden im Hintergrund die Männer steuern. Arbeitende Frauen sind ein Fremdwort, Frauen sind eher hübsche Gesellschaft für die Männer. Eine Mittelschicht wie bei uns gibt es auf Urras auch nicht. Entweder gehört man zu den Mächtigen und Reichen, die in Saus und Braus leben, oder man gehört zur "Unterschicht" und erhält in Krankenhäusern noch nicht einmal medizinische Versorgung. In manchen Momenten fragte ich mich, ob hier die Autorin schon heutige Verhältnisse berücksichtigte und vielleicht nur überlegt, was wäre wenn. Also was wäre, wenn die Gesellschaft in die eine oder andere Richtung der Gesellschaft abschwenkt. Erst später habe ich gelesen, dass die Autorin Ursula K. Le Guin bekannt dafür ist, sozialkritische Romane zu schreiben. Interessant ist der Roman somit für Menschen, die sich für Sozialkritik bzw. Vorstellungen verschiedener meiner Ansicht nach extremer Gesellschaftsformen interessieren. Das Ganze ist eingewebt in die Geschichte um einen jungen Mann, der mehr möchte, als nur ausgegrenzt auf einem "abgeschotteten" Planeten zu leben. Shevek ist die Person in dem Buch, mit der ich mich noch am meisten identifizieren konnte. Er ist nicht nur ein großer Denker mit einer Idee, die für die gesamte zivilisierte Welt (hier sind nicht nur Urras und Annares gemeint) eine große Rolle spielt und die Raumfahrt verändern könnte. Nein, er ist ein Mensch, der weder ein extremer "Anarchist" ist noch ein Mensch, der es gut heißt, dass es einigen Menschen schlecht geht, damit andere besser leben können. Shevek ist ein mutiger und dennoch ein ruhiger und besonnener Mensch. Und dennoch wird der junge Wissenschaftler mehr in die Politik hineingezogen, als er sich wünscht. Auf eine Art ist er dadurch auch als naiv anzusehen. Oft wird er auf Urras gerade durch andere Personen auf Dinge aufmerksam gemacht, die ihm dann erst bewusst werden. Faszinierend finde ich persönlich, dass weder die eine noch die andere Welt für mich positiv waren. Dabei sind beide Welten das, was vielleicht Extremisten bei der Idee "Kapitalismus" oder "Anarchismus" verherrlichen würden. Ich selbst wollte weder auf Annares noch auf Urras leben. Ein wenig zeigt dieser Roman dem aufmerksamen Leser, dass eine gute Mischung doch besser ist, als ein "Extrem" in eine Gesellschaftsform. Insgesamt halte ich "Planet der Habenichtse" für ein anspruchsvolles und nicht sehr einfaches Buch, das mir persönlich gute Unterhaltung geboten hat. Die Geschichte um Shevek selbst ist leider eher Nebensache, da sehr detailliert auf die Gesellschaftsunterschiede eingegangen wird. Das geschieht immer wieder mit Einblendungen, so dass man oft direkte Vergleiche zwischen Urras und Annares hat. Ich selbst habe im Roman durchaus bemerkt, dass die Autorin diesem Anarchieplaneten den Vorzug gibt, obwohl sie auch dessen Nachteile nennt. Allerdings stört das nicht dabei, wenn man persönlich lieber diesen "Kapitalismusplaneten" Urras ein wenig verändern würde. Denn der Roman gibt beiden Planeten auch Chancen durch den Verlauf, insbesondere durch Shevek und dem, was dieser auf beiden Planeten auslöst. Ich selbst habe diesen Roman genossen, zudem ich lange nicht mehr ein Buch gelesen habe, in dem ich auf so interessante Weise etwas über eine mögliche Erdvision gelesen habe. Vieles ist so dargestellt, dass es möglich und vorstellbar ist. Das gilt sowohl für Annares als auch für Urras. Etwas erschreckt hat mich in dem Buch "Planet der Habenichtse" das Schicksal der Terraner, auf das hier auch am Ende kurz eingegangen wird. Und diese Zukunftsvision halte ich durchaus für möglich, wenn auch für keinesfalls wünschenswert. "Planet der Habenichtse" ist meiner Ansicht nach ein Buch, das man durchaus auch in der Schule lesen und diskutieren sollte. Das Buch mit seinen zwei so unterschiedlichen Welten bietet eine gute Grundlage, über Vor- und Nachteile verschiedener Gesellschaften nachzudenken. Manchmal wirkt es auch wie ein ironischer Seitenhieb auf unsere Gesellschaft. Der Schreibstil hat mir hier sehr gut gefallen. Denn es ist meiner Ansicht nicht leicht, zwei Gesellschaften vergleichend zu beschreiben und daraus dennoch einen interessanten Roman zu lassen, der nicht zu beschreibend ausfällt. Ursula K. Le Guin hat es geschafft, dass man in den Bann dieses Buches gezogen wird und manchmal abgestoßen aber auch an anderen Stellen angezogen wird von diesen Lebensarten und -ansichten. Besonders gut finde ich es, dass ich mir diese Gesellschaften aber beide gut vorstellen kann.
Eure Meinungen:
| ich liebe diesen Roman, das Bild hat mich zuerst abgeschreckt (ich habe eine ältere Version des Buches als abgebildet, da sieht man auch die "karge Landschaft" von Annares), aber nach einigen Seiten ließ mich die Geschichte nicht mehr los. Ich bin noch nicht ganz am Ende des Romans angelangt. [Victoria] |
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