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Die Sünden der Suffragetten

Levine, Allan

Rezension von Anna Veronica Wutschel
Aus der Reihe "Sam Klein"

"Es war, als wäre sie aus dem Nirgendwo gekommen." Und seit sich die ebenso exzentrische wie intelligente Emily Munro 1911 im kanadischen Winnipeg niedergelassen hat, kann niemand mehr die attraktive junge Frau übersehen, vor allem nicht die Männer - natürlich. Ein Paradiesvogel mit der magischen Macht der Sinnlichkeit; man kennt das. Ein Schock ist es dennoch, als Emily, anstatt im Varieté-Theater amüsante Szenen zum Wahlrecht der Frauen vor ausverkauftem Haus zum Besten zu geben, draußen in einer verschneiten dunklen Gasse erstochen aufgefunden wird. Neben ihr liegt ihr feuriger italienischer Liebhaber Antonio Rossi, ebenfalls ermordet. Wen wundert es da, dass Alfred Powers, der hintergangene, wesentlich ältere Ehemann Emilys, für die Polizei der erste Tatverdächtige ist. Und in der Tat sieht es für Powers, einen respektablen Rechtsanwalt und ehemaligen Bürgermeister der Stadt, schlecht aus. Zwar behauptet er, seine erstochene Frau lediglich gefunden und ihren blutüberströmten Körper fassungslos in den Armen gehalten zu haben. Anstatt dann aber die Polizei zu rufen, sei er kopflos geflüchtet, nicht ohne die Tatwaffe mitzunehmen. Als der schockierte Rechtsanwalt dann auch noch ein Geständnis bei der Polizei ablegt, scheint der Fall so gut wie aufgeklärt...
Gut, dass ihm in einer derart prekären Situation sein Freund, der Privatdetektiv Sam Klein, zur Seite steht. Dass die ermordete Emily nicht nur die Frau seines Freundes, sondern auch die beste Freundin seiner eigenen Frau war, ist Grund genug, sich engagiert in den Fall zu stürzen. Und sehr bald führen ihn seine Recherchen in einen tiefen Sumpf aus Korruption, Drogenhandel, Lügen, sexuellen Abhängigkeiten und ´Perversionen´. Offensichtlich war Antonio Rossi, Emilys Geliebter, in dunkle Machenschaften verwickelt. Aber auch Emilys Vergangenheit ist undurchsichtig, und erst eine Reise nach New York führt zur Lösung des Falls, denn die Motive des Mörders liegen offensichtlich in der Vergangenheit seiner Opfer.

Der Verlag wäscht seine Hände in Unschuld, ist doch der - ich wage zu behaupten - nicht unbedingt verkaufsfördernde Titel "Die Sünden der Suffragetten" die (nahezu) wortgetreue Übersetzung des Originaltitels. Das klingt fast abschreckend (frauenrechtlerisch) und ist zudem leicht irreführend. Zwar geht es durchaus um die Suffragetten, eine Frauengruppe um die historisch interessante Nellie McClung, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso für das Wahlrecht der Frauen wie auch für die Prohibition kämpfte. Doch das historische Panorama, das Allan Levine dem Leser erschließt, ist wesentlich vielschichtiger und weitaus spannender als der Titel vermuten lässt.

Der hartgesottene jüdische Privatdetektiv Sam Klein, der einer Konfrontation nur ungern aus dem Weg geht, ist eine ebenso originelle wie sympathische Figur. Der ehemalige Rausschmeißer im größten Bordell der Stadt hat sich inzwischen nach einigen spektakulären Fällen (u.a. Sam Kleins erster Fall: "Mit falscher Zunge", 2001) Ansehen als selbstständiger Detektiv erarbeitet. Als Einwanderer, Jude und Ehemann der Ex-Prostituierten Sarah, der vormals beliebtesten Hure der Stadt, ist sein Stand als ewiger Außenseiter nicht leicht. Und auch wenn ihm eben diese Außenseiterperspektive einen vorurteilsfreieren oder offeneren Blick erlauben mag als vielen anderen, scheinen seine Ansichten doch ab und an etwas zu hellsichtig. Immer wieder klingt in Kleins Betrachtungen des Zeitgeschehens die Stimme des Autors heraus. Der Autor jedoch erzählt rückblickend über die historische Epoche zu Beginn des 20. Jahrhunderts und bereitet sie immer wieder analysierend auf. So entsteht eine gedrosselte Unmittelbarkeit des Geschehens und diese mag das fehlende I-Tüpfelchen an "Die Sünden der Suffragetten" sein. Die Krimihandlung ist trotz der konventionellen Ausgangssituation - betrogener Ehemann, getötetes Liebespaar - sehr gut konstruiert, und die Spannung hält sich mit zahlreichen falsch gelegten Spuren bis zum Schluss. Doch der Autor, der neben dem Bücherschreiben Geschichte lehrt, bemüht sich vor allem einen faszinierenden historischen Hintergrund zu erschaffen, vor dem die Figuren dann teilweise etwas hölzern agieren. Zu wenig erleben bzw. erfahren die Figuren ihr (historisches) Leben, widerfährt ihnen ihr Schicksal, zu sehr bleibt - zumindest mir - eben dieses in der Beschreibung und analysierenden Betrachtung verhaftet. Aber das ist ein Manko, über das man ohne weiteres hinweglesen kann, schließlich sind die oben erwähnten Beschreibungen gerade Levines Stärke: florierender Opiumhandel, spiritistische Sitzungen, die Anfänge von Freuds Psychoanalyse, Moralvorstellungen und ´Perversionen gegen die Natur´ sind ebenso spannend wie das ewige ´Problem der Ausländerfrage´. Und so wird eindringlich geschildert, wie der sich entwickelnde kanadische Staat ein schwer wiegendes Problem in den Immigranten-Strömen sah. So dramatisch die Vorurteile und die Benachteiligungen für die Einwanderer waren, ist es rückblickend durchaus amüsant zu lesen, wie diese ´Ausländer´ die vor noch gar nicht langer Zeit selbst in Kanada eingewanderten Engländer und Schotten beunruhigten, denn wie sollte sich aus einem derartigen Völkergemisch ein kanadischer Staat gestalteten lassen?

Insgesamt hat Allan Levine eine gelungene Krimihandlung vor einer großartigen historischen Kulisse entwickelt. Es ist ebenso faszinierend wie teilweise amüsant zu sehen, wie sich die zeitgeschichtlichen Probleme über fast ein Jahrhundert hinweg kaum verschoben haben. Denn bei allem Fortschritt gleichen sich damals wie heute die elementaren politischen Machtfragen wie auch die essentiellen Fragen nach kultureller und sexueller Identität wie auch - nicht zu vergessen - die ganz persönlich menschelnden Problemchen. Ein äußerst empfehlenswerter historischer Krimi, der keine neuen Maßstäbe setzt, seinem Subgenre aber voll und ganz gerecht wird und der keinesfalls an seinem sperrigen Titel scheitern sollte!

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Spannend)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Kanada, Winnipeg

Zeit:

1914

Serie:

Sam Klein

Autor:

Levine, Allan

Verlag:

btb, München

Erschienen:

Sep. 2004

Kritiker:

Anna Veronica Wutschel

ISBN:

3-442-72906-8

ISBN(13):

978-3-4427-290-7

EAN:

9783442729067

Typ:

Taschenbuch

 

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