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Der Kameramörder

Glavinic, Thomas

Rezension von Claus Kerkhoff

Hauptfiguren der Rahmenhandlung sind zwei befreundete junge Paare, die sich in einem auf dem Lande liegenden Ferienhaus in der Steiermark treffen und das Osterwochenende miteinander verbringen wollen. Am Anfang herrscht Normalität: Man geht spazieren, führt belanglose Smalltalks, kocht gemeinsam, spielt Tischtennis und guckt immer wieder TV. Und mit dem Fernsehen tropft der Horror in die Idylle: Ein offensichtlich perverser Kameramann hat zwei Kinder gezwungen, von einem Baum zu springen und sich vor der Kamera umzubringen. Die beiden Männer zeigen sich fasziniert, während die beiden Frauen angewidert sind. Das Grauen kumuliert, als ein Sender – natürlich unter dem Zwang zur Informationspflicht – das Video präsentiert. Von morbider Faszination getrieben kleben die beiden Paare vor der Mattscheibe, im Banne eines Verbrechens, dass sich in ihrer unmittelbaren Umgebung zugetragen hat. Die Steiermark wird zum Aufmarschgebiet der Medien: Herrscharren von Reportern fallen in die Steiermark ein und erzeugen ein „Jagt den Mörder“-Klima, in dem es beinahe zu Lynchmorden an Unschuldigen kommt. Und unbarmherzig fokussiert die Erzählung auf die beiden befreundeten Paare, die am Bildschirm den Fortgang der polizeilichen Ermittlungen verfolgen und schließlich die Verhaftung des Mörders live erleben. Bildschirmrealität und Realität fließen ineinander über und werden eins. Denn einer von ihnen ist der perverse Mörder !

Man habe ihn gebeten, alles aufzuschreiben, und das tut er - der Kameramörder. So beginnt der Roman und in einem nüchternen Protokollton berichtet der Täter von der medialen Betroffenheit, von der Lust und dem Kitzel eine perverse Tat am Bildschirm live mitzuerleben, von der Sensationsgier der Medien, die die Emotionen der Zuschauer solange aufpeitscht, bis sie sich in eruptiver Gewalt entlädt. Und wir – die Leser – sehen und erleben die ungeheuere Tat mit den Augen des Ungeheuers.

Der Autor Thomas Glavinic hat für „Der Kameramörder“ den „Friedrich-Glauser-Krimipreis 2002“ in der Kategorie „Roman“ erhalten. Die Jury schreibt in ihrer Begründung, dass Glavinic „mit einer reduzierten, spröden Sprache (Glavinic) den Leser in grausige Szenen zieht und ihn mit seinem bösen Helden fiebern lässt.“ Glavinics Roman zielt dabei auf die Darstellung des sensationslüsternen Boulevardjournalismus und des Wechselspiels von Quote und Zuschauerinteresse ab. Ihm geht es darum zu zeigen, dass der Zuschauer bzw. Leser selbst Teil dieser Spirale ist. Und damit das funktioniert, sieht und erlebt der Leser – zunächst darum nicht wissend - die ungeheuere Tat mit den Augen des Ungeheuers. Glavinic zeigt uns auf, dass wir, vielleicht auch aus morbider Faszination, in den Bann solcher medialen Ereignisse geraten können und uns dann zum Voyeurismus verführen lassen.
Glavinic wurde von Kritikern für sein „gewagtes Sprachexperiment“ überschwenglich gelobt. Ob dieser spröde, beinahe teilnahmslose Protokollton die einzige taugliche Erzählweise darstellt, mit der ein solches Sujet dargestellt werden kann, möchte ich bezweifeln. In mir hat dieser Erzählstil von Anfang an, einen großen Widerwillen gegen den Erzähler erzeugt. Einzig die Schilderung der Qualen der drei Kinder hat mich zerrissen und in mir eine fast grenzenlose Wut auf den Täter erzeugt.
Grosses Lob verdient Glavinic dafür im Rahmen einer Kriminalhandlung den sensationslüsternen Boulevardjournalismus und das Wechselspiel von Quote und Zuschauerinteresse zum Thema gemacht zu haben. Glavinic hat damit die Grenzen des Genres geweitet. Wenn Glavinic darüber hinaus mit seinem Roman die Leser zum Nachdenken über die Moral der Medien und über seine eigene Rolle in der medialen Rezeption angeregt hat, hat der Autor gezeigt, das der Kriminalroman auch Literatur ist. Das ist nicht gering zu schätzen.

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Unterhaltsam)

Brutalität:

(Brutal)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Österreich

Zeit:

Gegenwart

Autor:

Glavinic, Thomas

Verlag:

dtv, München

Erschienen:

Okt. 2003

Kritiker:

Claus Kerkhoff

ISBN:

3-423-20618-7

ISBN(13):

978-3-4232-061-1

EAN:

9783423206181

Typ:

Taschenbuch

 

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