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Polyplay

Hammerschmitt, Marcus

Rezension von jpk

Haben Sie ihren Ausweis auch dabei, Genosse? Oberleutnant Kramer von der Volkspolizei der Deutschen Demokratischen Republik hätte da ein paar Fragen an Sie. Was haben Sie beispielsweise am 3. April April 2002 getan, so gegen 8:00 Uhr abends?

Moment einmal, werden Sie, lieber Leser, sich sagen. Was hat ein Vopo der DDR mich dies im Jahr 2000 zu fragen, da gab es die DDR schon lang nicht mehr. Falsch gedacht, dies ist ein Science-Fiction, der seinem Namen durchaus gerecht wird - wenn auch erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten erscheint der Roman als ein Krimi, der in den guten alten Zeiten des Anitkapitalistischen Schutzwalls spielt. Doch tatsächlich ist die Mauer auch in dem 2002 erschienen Buch von Marcus Hammerschmidt verschwunden. Nur wurde sie nicht in dem Drängen der ostdeutschen Bürger nach mehr Selbstbestimmung und Südfrüchten eingerissen sondern, um den verarmten und verwahrlosten Wessis die Segnungen sozialistischer Wissenschaft zu bringen. Die Wendehälse sind in dem Roman auf der Seite der Westdeutschen zu finden, wie beispielsweise Joschka Fischer, der es auch hier zum Außenminister geschafft hat, nur mit anderen Vorzeichen. Die Errungenschaft, die dies möglch gemacht hat ist ein Verfahren zur fast kostenlosen Energiegewinnung mit der gleichzeitigen nächsten Energiekrise seitens des Kapitalismus.

Skuril dreht der Autor den Wessis und Ossis den Spiegel um und zeigt deutlich, wie wenig wir uns bis heute angenähert haben. Marcus Hammerschmidt zwinkert mit dem Auge, wenn er von den Problemen der Wessis erzählt, die sich nicht anpassen können, und die Verachtung der Ossis schildert, die über die verarmten Westdeutschen schimpfen, die sich jetzt Sozialisten nennen, nur um vom Energiekuchen etwas abzubekommen. Dabei werden auch die ewig Unanpassbaren genannt, die Geschäftsleute, die wie Katzen immer wieder auf ihre Beine kommen, und die Punker, die sich immer auflehnen müssen, egal wogegen. Mit beiden versucht die etwas demokratisierte Staatsführung zurecht zu kommen und es gelingt ihr mehr oder weniger.

Oberleutnant Kramer hat jedoch anders geartete Schwierigkeiten und hier kommen wir erneut zu der gelungenen Mischung zwischen Science-Fiction, Realität und Krimi, die uns der Autor in dem Buch präsentiert. Denn der Volkspolizist hat einen Mordfall zu untersuchen, der ihn in die Welt der Computer schickt. Die kannte er mehr oder weniger nur vom Lochstreifen aus seiner Ausbildungszeit. Lediglich die Anwendung von Überwachungssoftware ist ihm einigermaßen vertraut. Doch was im Internetz (der DDR Version des Internets) passiert und was ein kundiger Hacker anrichten kann, das ist ihm schleierhaft. Doch mit Mordfällen kennt er sich aus und so geht er mit bewährten Mitteln an die Arbeit und kommt sofort in bekannte Schwierigkeiten. Denn der ermordete Jugendliche ist über Ecken mit den Parteioberen verklüngelt und dabei ist Fingerspitzengefühl angesagt. Man kommt erst spät dahinter wie der Roman zu seinem Namen kam und was das Computerspiel Polyplay bedeutet. Doch diese Erkenntnis will ich hier nicht vorwegnehmen, sondern jedem Leser überlassen, der sich das Vergnügen nicht nehmen will, das Buch zu durchschmökern. Dass es ein Vergnügen ist, liegt an dem seltenen Fall von wirklich gelungener Mischung verschiedener Genre zu einem Gusswerk. Der Science-Fiction Anteil ist so gut in den Krimi eingewebt, dass jeder Liebhaber des jeweiligen Genre bestens bedient wird. Zu keinem Zeitpunkt wird der Roman unglaubhaft. Marcus Hammerschmidt besitzt die seltene Gabe des Weglassens. Statt uns zu erklären, wie bestimmte technische Errungenschaften funktionieren, stellt er die historische und epische Geschichte in den Vordergrund. Oder um es mit Gene Roddenberry, dem Erfinder der Enterprise, zu sagen, der gefragt wurde wie der Warp-Antrieb des Raumschiffes funktioniert: "Er funktioniert gut, danke der Nachfrage".


Eure Meinungen:


Der Stil des Autors ist starke Geschmackssache. Habs gleich weitergeschenkt.
[Mr.X]

es ist sehr interesant weil die verhältnisse anders sind.
[marco schulz]

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[TqqumnMRpPMtleg]

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Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Spannend)

Brutalität:

(Brutal)

 

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Argument, Hamburg

 

Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Deutschland

Zeit:

2000

Autor:

Hammerschmitt, Marcus

Verlag:

Argument, Hamburg

Erschienen:

Dez. 2002

Kritiker:

jpk

ISBN:

3-886-19974-6

ISBN(13):

978-3-8861-997-7

EAN:

9783886199747

Typ:

Taschenbuch

 

Marcus Hammerschmitt

 

Marcus Hammerschmitt, Jahrgang 1967, studierte Germanistik und Philosophie und ist Autor zahlreicher Erzählungen, Kurzromane und Hörspiele. Seine stilistische Bandbreite ist beeindruckend, seine Leserschaft begeistert er durch seinen Ideenreichtum, seinen gesellschaftlichen Weitblick und seine außergewöhnlichen Charaktere. 

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