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Lisa und der Teufel

Bava, Mario (Regie); Sommer, Elke; Savalas, Telly; Valli, Alida; Koscina, Sylva; Orano, Alessio

Rezension von Thomas Wagner
Aus der Reihe "The Films of Mario Bava"

Ein kleines Städtchen, irgendwo in Spanien: Bei einer Sightseeing-Tour wird die Aufmerksamkeit der amerikanischen Touristin Lisa Reiner von einem bizarren mittelalterlichen Teufelsfresko gefesselt. Kurz darauf wird sie von einer seltsam schönen Melodie in einen kleinen Antiquitätenladen gelockt, wo sie plötzlich einem Fremden gegenübersteht, der dem Teufelsbild wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Lisa flieht aus dem Geschäft und verirrt sich hoffnungslos in dem undurchschaubaren Gassenlabyrinth der Altstadt. Als sie dem Fremden erneut begegnet, trägt dieser eine Spieldose und eine lebensgroße Puppe bei sich – und wenig später wird Lisa vom lebendigen Ebenbild jener Puppe verfolgt... Schließlich wird es Nacht und eine alte Limousine kreuzt den Weg der verzweifelten Touristin. Es sind der vermögende Francis Léhar und seine Frau Sophia samt Chauffeur, und Lisa wird zur Mitfahrt eingeladen. Doch schon kurz darauf endet die Fahrt durch einen Motorschaden vor einer prächtigen alten Villa und man beschließt, die Bewohner um Hilfe zu bitten. Hier leben eine alte blinde Contessa, ihr Sohn Maximilian und deren Butler Leonardo, der - zu Lisas Schock - niemand anders als der teufelsgleiche Fremde aus der Altstadt ist. Maximilian, der sich recht schnell als leicht verwirrter Zeitgenosse entpuppt, glaubt in Lisa die Reinkarnation seiner toten Braut Elena zu erblicken und überredet seine ablehnende Mutter dazu, die Reisenden in der Villa übernachten zu lassen. Diese nehmen die Einladung dankbar an - nicht ahnend, daß der freundliche, melancholisch wirkende Maximilian komplett wahnsinnig ist...

“Lisa und der Teufel” (im Original “Lisa e il diavolo”, in Deutschland ursprünglich “Der Teuflische” betitelt) wurde 1972 in der Regie von Mario Bava gedreht und ist das vielleicht bezauberndste und verspielteste Werk des italienischen Horrormaestros. Nach dem großen Erfolg des zuvor entstandenem “Baron Blood” gab Produzent Alfredo Leone dem Regisseur hier die Gelegenheit, endlich einmal ein Projekt ganz nach eigenen Vorstellungen zu realisieren, bei dem keinerlei Einmischung von außen erfolgen würde. Bava nutzte diese Chance kompromißlos und so bietet der Film einen verträumten Querschnitt durch Bavas filmische Obsessionen und ist zugleich ein immens persönliches Werk des Regisseurs, in dem sich autobiographische Elemente ebenso finden wie zahlreiche Anleihen bei seinen Lieblingsautoren, -malern und –komponisten. Der Film wirkt geradezu “kunsttrunken” und besticht mit einer adäquat berauschenden Kameraarbeit, die mit einer Vielzahl verspielter Bildarrangements und Beleuchtungseffekte, raffinierter Spiegelungen und ausgeklügelt verwinkelter Voyeursperspektiven aufwartet. Die Musik schließlich, die bei allen von Bavas Filmen einen wichtigen Platz einnimmt, spielt auch hier wieder eine bedeutende Rolle und trägt entscheidend zur Atmosphäre des Films bei: Carlo Savina erschuf einen elegant-romantischen Soundtrack, der stellenweise an Ennio Morricones Kompositionen erinnert, andererseits aber auch immer wiederkehrend Motive des klassischen “Concerto per Aranjuez” von Joaquin Rodrigo suggestiv variiert.

Aus all diesen Elementen erschuf Bava ein komplexes, surreales Märchen um Liebe, Tod, Wahnsinn, Geisterspuk und Nekrophilie. Hauptfiguren darin sind die von rätselhaften Träumen und Déjà-vus geplagte Lisa (wunderschön in Szene gesetzt: Elke Sommer, die bereits in “Baron Blood” unter Bavas Regie agierte) und der Butler Leandro (brillant verkörpert vom späteren “Kojak” Telly Savalas), ein Zeitgenosse voll bissigem Witz und ätzendem Sarkasmus, der sich recht bald als titelgebender, im Hintergrund die Fäden ziehender Teufel entpuppt (Übrigens hantierte Savalas in “Lisa” erstmals – Jahr vor “Kojak” - mit seinen später berühmt gewordenen Lutschern: Da die Contessa in ihrem Haus das Rauchen verbietet, greift Leonardo ständig auf Lollis zurück - in der ursprünglichen Fassung des Drehbuchs sollte es Kaugummi sein, was Savalas jedoch nicht originell genug erschien). Die anderen Protagonisten erscheinen - wie im Kontext des Films auch deutlich wird - eher als hin- und hergeschobene Schachfiguren in einem von übermenschlicher Hand inszenierten Spiel (was jedoch nichts über die Qualität der Besetzung aussagt, die durchweg zu überzeugen vermag - allen voran die großartige Alida Valli, die große alte Dame des italienischen Kinos, die u. a. auch in Bernardo Bertoluccis “1900” und Dario Argentos “Suspiria” mitwirkte).

Nach der Fertigstellung von “Lisa und der Teufel” fühlte Bava sich erstmals in seiner Karriere als Künstler bestätigt. 1973 wurde der Film bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt und vom Publikum begeistert aufgenommen. Nach dem Festival begannen allerdings die Probleme: Es fand sich kein Verleih für den Film; potentiellen Interessenten erschien er schlichtweg zu künstlerisch und zu abgehoben für das Massenpublikum. Um die entstandenen Verluste zu kompensieren beschloß Alfredo Leone nach einem runden Jahr den Film "publikumsorientiert" umzugestalten, d. h. sich kurzerhand an den Trend anzuhängen, den William Friedkins “Der Exorzist” ausgelöst hatte. So wurde “Lisa” um diverse Szenen gekürzt, um einige nachträglich gedrehte Passagen und eine neue Rahmenhandlung "bereichert" und kam schließlich zu einem haarsträubenden “Exorzist”-Abklatsch umgewandelt unter dem Titel “House Of Exorcism” (“La casa dell’esorcismo”) in die Kinos. Mario Bava erlebte zwar den Großteil der unrühmlichen Verwandlung seines Films mit, überwarf sich sich zum Ende der Neubearbeitung jedoch mit Leone, der den Film daraufhin allein fertigstellte. Doch um Mißverständnisse zu vermeiden sei es hier nochmals betont: Bei der vorliegenden DVD handelt es sich um die ursprüngliche, unverfälschte Fassung von “Lisa und der Teufel”.

Zuschauern, die leicht verdauliche Mainstream-Horrorkost bevorzugen, sei von “Lisa und der Teufel” abgeraten. Denen jedoch, die der Materie noch immer offen gegenüberstehen, kann dieser verrückt-poetische Zelluloidtraum als eines der schönsten Beispiele phantastischer Filmkunst nur dringend ans Herz gelegt werden.


Zur DVD-Umsetzung:

Mit “Lisa und der Teufel” präsentiert e-m-s nun den fünften Teil der Reihe “The Films of Mario Bava” und legt damit eine weitere deutsche DVD-Erstveröffentlichung vor. Das Bild (Widescreen 1.85:1 anamorph) erfreut mit kräftigen Farben und schönem Kontrastreichtum, der Mario Bavas Farbspielereien bestens zur Geltung bringt. Die Bildschärfe wirkt zwar in manchen Details ein wenig zu weich, ist alles in allem jedoch wesentlich besser ausgefallen, als bei der US-DVD von Image Entertainment. Verschmutzungen oder störendes Bildrauschen treten so gut wie nicht auf. Der Ton (Deutsch, Englisch und Italienisch in DD 1.0 Mono, deutsche Untertitel einblendbar) variiert qualitativ: Am besten schneidet die italienische Fassung ab, zwar wirken die Stimmen z. T. etwas blechern, jedoch erscheint die Abmischung von Dialog und Musik optimal ausgewogen und auch der Rauschfaktor hält sich in Grenzen. Im Vergleich dazu muß man bei der englischen Tonspur einige Abstriche machen, berücksichtigt man das Alter des Films, ist die Qualität aber auch hier noch befriedigend ausgefallen und übertrift abermals die der amerikanischen Veröffentlichung. Daß die Hauptdarsteller – inkl. Elke Sommer und Telly Savalas – sich hier selbst synchronisiert haben, ist übrigens ein weiterer Pluspunkt für die englische Fassung: Die Dialoge erscheinen darin am lebendigsten und natürlichsten, und harmonieren perfekt mit der erzählten Geschichte. Die deutsche Synchronfassung wirkt im Vergleich dazu furchtbar hölzern und streckenweise unfreiwillig komisch. Zwar waren hier durchaus professionelle Sprecher am Werk, doch scheint von ihnen niemand diesen Film sonderlich ernst genommen zu haben, was sich in teils schon ärgerlich lustlosen oder theatralisch übertriebenen Intonationen niederschlägt. Die Tonqualität der Dialoge ist zwar sehr sauber und rauschfrei ausgefallen, jedoch klingt die Musik streckenweise viel zu leise. Wer also einen optimalen Filmgenuß haben will, sollte die englische oder italienische Sprachfassung wählen.

Das Bonusmaterial ist im Vergleich zu den vorangegangenen Titeln der Mario Bava-Reihe etwas spärlich ausgefallen. Neben dem Originaltrailer finden sich hier Bio- und Filmographien von Mario Bava und Elke Sommer (warum nicht auch von Telly Savalas?) sowie drei alternative Szenen (insgesamt knappe 6 Minuten), die etwas expliziter mit Sex und Gewalt aufwarten. Auf eine Bildergalerie muß man leider verzichten, was in dieser Reihe schon eine kleine Entäuschung ist. Nun muß man fairerweise anmerken, daß sich aufgrund der chaotischen Veröffentlichungsgeschichte des Films wenig bzw. kaum geeignetes Bildmaterial auftreiben lassen dürfte. Es wäre jedoch durchaus auch interessant gewesen, Plakate u. ä. zu der umgestalteten Version “House Of Exorcism” zu präsentieren (und dazu gibt es definitiv einiges an Material). Schade auch, daß man sich nicht dazu entschließen konnte, den kompletten “House of Exorcism” auf einer zweiten Disc als Bonusbeigabe beizulegen (so z. B. in Italien und den USA geschehen). Für Bava-Fans wäre dies als Vergleich zur Originalversion hochinteressant gewesen und eine Doppel-DVD würde selbstverständlich auch einen höheren Preis rechtfertigen. So bleiben die Extras alles in allem leider etwas kärglich, was jedoch den positiven Gesamteindruck der Veröffentlichung nicht all zu sehr trüben sollte. Die Aufmachung der DVD ist wieder einmal sehr schön geraten: Das Amaray-Case steckt in einem schön gestalteten Pappschuber (Artwork von Schuber und Case sind unterschiedlich). Außerdem liegt auch wieder ein achtseitiges Booklet bei, diesmal mit Liner Notes von Marcus Stiglegger.

Datenbank:0.0010 Webservice:0.0939 Querverweise:0.0203 Infos:0.0006 Verlag,Serie:0.0007 Cover:0.0001 Meinungen:0.0026 Rezi:0.0001 Kompett:0.1195

 

Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Spannend)

Brutalität:

(Brutal)

Ton:

(Mittel)

Bild:

(Gut)

Menüs:

(Gut)

Ausstattung:

(Mittel)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Italien/Deutschland/Spanien

Zeit:

1972

Serie:

The Films of Mario Bava

Autor:

Bava, Mario

Verlag:

EMS

Erschienen:

Mar. 2007

Kritiker:

Thomas Wagner

Typ:

DVD

 

Mario Bava

 

Am 31. Juli 1914 einen Tag nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs – wurde Mario Bava in der italienischen Küstenstadt San Remo geboren und schon in frühester Kindheit mit der Welt der Kunst und des Kinos konfrontiert. Sein Vater Eugenio Bava (1886 – 1966) arbeitete eigentlich als Maler und Bildhauer, hatte sich zu Beginn des 20 [mehr]

 

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