Schattentänzer Rezension von Hyndara Es gab eine Zeit, in der ein Phantastik-Begeisterter sich seine Lektüre mangels Übersetzungen im Original zulegen mußte. Die meisten Verlage hatten sich auf einige „große Namen“ eingeschossen, deren Werke sie übersetzen ließen. Wer darüber hinausgehen wollte, mußte sich eben seinen „Stoff“ an der Quelle holen. Manch ein Leser wird sich jetzt fragen: Warum hat sie das in der Vergangenheitsform geschrieben? Nun, der Grund ist einfach: Für mich gehört diese Zeit nahezu der Vergangenheit an. Denn nach dem Festa-Verlag hat sich nun ein zweiter, noch recht junger Verlag gefunden, der es sich auf die Fahnen beschrieben hat, jene Werke nach Deutschland in deutsch zu holen, die sonst für unsere Sprache wohl verloren wären: Eloy Edictions unter der Federführung von Walter Diociaiuti. Eloy Edictions ist inzwischen schon zu einem offenen Geheimtip für alle Horror-Begeisterten geworden. Und wer einmal das Glück hatte, mit dem Macher hinter den Kulissen irgendwie Kontakt zu bekommen, der wird angenehm überrascht sein. Walter Diociaiuti ist ein Kenner der Horror-Literatur. Die Werke, die in seinem Verlag erscheinen, kennt er und steht absolut hinter ihnen - teils sogar als Übersetzer. Die vorliegende Anthologie von Paul Kane bildet da keine Ausnahme. Und, angenehme Überraschung, der Autor bietet wesentlich mehr als den billigen Horror, der uns hierzulande doch immer noch viel zu oft vorgesetzt wird. Insofern stimme ich mit dem Vorwort von Simon Clark mehr als überein: Dieses Buch möchte man immer wieder lesen. Doch zum einzelnen: Den Auftakt bildet die Geschichte „Die Folterer“, in der ein Mann eben jenen ausgesetzt ist, nachdem er vor mehreren Tagen von ihnen entführt wurde. Ein peinliches Verhör folgt dem nächsten, ohne daß er weiß, was diese Männer von ihm wollen. Das Ende kommt überraschend, und auch die einzelnen Methoden sind gut recherchiert. Dennoch mag mir irgendetwas hier noch nicht so ganz schmecken, zugegeben. Ein Problem hat der Protag der nächsten Geschichte nicht. Er besitzt vielmehr eine Begabung, er kann „Astral“ reisen - also mit seinem Geistkörper durch die Welt und darüber hinaus ziehen. Und bei einer dieser Reisen findet er etwas heraus, das er nicht hätte herausfinden dürfen. Hier ist es vor allem die Beschreibung der Astralreisen, die wirklich fasziniert. Und, im Gegensatz zu manch anderem englischsprachigem Autor, hätte ich mir hier etwas mehr Beschreibung gewünscht. Klasse Geschichte! „Das Gesicht des Todes“ sucht der junge Doktorant Jonathan. Es läßt ihn nicht mehr los, nachdem er als Kind Zeuge des Todes seines Vaters gewesen ist. Irgendetwas ist da - und das will er finden und protokollieren. Um jeden Preis! Interessant, wie Kane hier die ohnehin schon leicht gruselige Atmosphäre einer Leichenhalle noch weiter verdichtet, um zum Punkt seiner Story zu kommen. Ein erstes Highlight. „Schattenschreiber“, so nennt man den bekannten Schriftsteller Herbert Lynch, der sehr von der Welt zurückgezogen auf einem einsamen Felsen im Meer lebt. Kein Wunder also, daß der erzählende Protag mehr als stolz ist, als er von seinem Idol eingeladen wird, um ein Interview durchzuführen. Doch leider kommt es anders als erwartet ... Kane ist ein Meister darin, Bilder in die Köpfe seiner Leser zu projezieren. Bilder, die eigentlich allzu bekannt sind, um sie dann im nächsten Moment komplett auf den Kopf zu stellen. Ein besseres Beispiel als „Schattenschreiber“ gibt es in dieser Anthologie nicht. Faszinierend, ja, wirklich viktorianisch. Wow! Kelvin Temple hatte sich den Abend doch etwas anders vorgestellt. Vor allem, was die „Beute“ anging. Doch so wie es ist, ist es ein wahrer Horror für den jungen Mann - ein Horror, den er selbst verschuldet hat. Ein persönliches Wort zu dieser Geschichte: WAS haben SCHWARZE Katzen eigentlich den Autoren getan? Als Dosenöffner/Schmusebeauftragte eines schwarzen Katers trete ich hiermit für die Rechte dieser mißverstandenen Kreaturen ein und fordere alle Autoren dazu auf, sich gefälligst mal anderen Farben zuzuwenden, ansonsten ... mein Kater hat spitze (wenn auch nicht mehr viele) Zähne und scharfe Krallen (harhar). Im „Sternteich“ soll die Heilung aller Gebrechen der Menschheit zu finden sein. Also machte sich schon vor Jahren eine Expedition auf, diesen Sternteich zu finden - keiner kehrte zurück. Nun ist es der Sohn des damaligen Expeditionsleiters, der nicht nur auf der Suche nach diesem geheimnisvollen Gewässer, sondern auch noch auf der nach seinem Vater ist - mit fatalen Folgen. Und wieder diese faszinierenden Bilder einer längst vergangenen Zeit. Kane versetzt seine Leser hier direkt in eine Horror-Abenteuergeschichte, wie sie aus der Feder eines Henry Rider Haggard hätte stammen können. Zum Highlight reicht es nicht ganz, aber ein „überdurchschnittlich“ ist schon noch drin. Chloe fürchtet die „Besuchszeit“, in der sie sich ihrer Mutter stellen muß. Warum? Nun, das mag der Leser selbst herausfinden. Es geht also auch ohne Blut und Gemetzel. Schöne Geschichte - und ein paar Tränchen glitzerten in meinen Augenwinkeln ... Was versteht man unter „Fassaden“? Nun, sicher nicht das, was der Protag der gleichlautenden Geschichte meint. Und was das ganze mit Kunst zu tun hat? Lassen wir uns überraschen. Als Monolog geschrieben, entwickelt diese Story rasch eine sehr hohe Dynamik. Zündend fand ich vor allem die Auflösung. „Im Herzen des Labyrinths“ ist nicht immer alles so, wie es scheint. Und wer dieses spezielle Labyrinth besucht, der wird ... Nun, das kommt darauf an. Blut und Gemetzel, das gibt es doch tatsächlich auch bei Paul Kane. Und irgendwie ... doch, die Story hat was. Und jetzt eins meiner persönlichen Highlights: „Die Bones-Brothers“ sind wieder in der Stadt, und sie mischen dieselbige mal so richtig auf. Herrlich! Horror auf die humorige Weise zu transportieren ist nicht einfach, aber umso besser, wenn das Ergebnis stimmt. Lachsalven garantiert, superklasse - Zugabe! Das „Nachtleben“ ist heutzutage für viele faszinierend. Nächte implizieren auch so viel. Allerdings wohl kaum das, was Neil damit verbindet. Die ganze Zeit über fragte ich mich, was diese Geschichte in einer Horror-Anthologie zu suchen hatte - bis ich zum Schluß kam. Auch wenn Kane immer den gleichen Trick anwendet, hier kommt er wirklich überraschend. „Der Blick des Hypnotiseurs“ ist alles andere als einfach zu ertragen. Viel zu machtvoll, viel zu zwingend ist er. Das muß auch Gareth erfahren, auf sehr schmerzvolle Weise. Hier ist es merkwürdigerweise gerade der Titel, der impliziert (einen alten Poe-Titel), mit der Story danach hat das ganze dann nicht mehr so viel zu tun. „Opas Sessel“ ist nicht ganz geheuer, findet Max. Irgendetwas geht mit diesem Möbel vor, seit sein Großvater gestorben ist. Nur was? Als Tagebuch geschrieben. Und hier ein dickes Lob an den Autor, wie gut er die Wortwahl eines Kindes kopiert hat. Die Story an sich ... Mir fällt nur ein Wort ein: Schön! Nur ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt: Wenn man sich selbst mit Geistererscheinungen beschäftigt, ist es einfach zu offensichtlich, was und warum es vorgeht und auf welche Berichte Kane sich hier stützt. Dennoch ein fast Highlight für mich. „Die Krankheit“ trifft Gus ganz unvorbereitet, aber dafür umso heftiger. Und nicht einmal die Ärzte können ihm sagen, was eigentlich mit ihm los ist und warum es geschieht. So siecht Gus denn dem Tod entgegen - oder etwas anderem? Diese Story ist einfach der Hammer! Eindringlich, überzeugend, knallhart. Als Leser muß man immer wieder schlucken. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als den Highlight-Punkt zu vergeben. So soll Horror sein! „Verdunkelung“ ist wahrscheinlich das schlimmste, was Kelly sich vorstellen kann. Und doch wacht sie eines Abends auf und findet sich in der absoluten ... Schwärze. Ein Alptraum beginnt. Leider kommt diese Geschichte nach dem direkten Genuß der „Krankheit“ nicht ganz so gut, man muß sie schon mit einigem Abstand lesen. „Die Flamme des Sankt Augustus“ soll die Zukunft zeigen, so hofft der erzählende Protag, als er das geheimnisvolle Kloster findet. Nun, sie zeigt eine Zukunft, aber nicht die, die er sich gewünscht hätte ... Für meinen Geschmack etwas zu plakativ, wenn auch gut erzählt. Eher Dark Fantasy als tatsächlicher Horror, wenn man vom Schluß absieht. Und das letzte Highlight kündigt sich an: „Die Beharrlichkeit Dalis“. Eine Handlung hier zu beschreiben, würde zu weit führen. Sagen wir, Kane entführt seine Leser in eine surreale Welt, in der alles möglich scheint, und sei es noch so abwegig. Wow! Die letzte Geschichte des Bandes trägt den Titel „Im Auge des Betrachters“, und dies sollte durchaus wörtlich genommen werden. Kane führt mit dieser Geschichte seine Idee in „Astral“ fort, und das sehr gelungen. Nun weiß ich doch endlich, wen ich für die ganzen Unglücke in meinem Leben verantwortlich machen kann. Na wartet! Alles in allem bleibt ein Buch, das Horror in so vielschichtiger Weise anbietet, daß für jeden etwas dabei sein dürfte. Von Geistergeschichte bis zu splatterhaftem Gemetzel reicht die Palette von Paul Kane. Ein gutes Buch, das viele Anhänger finden dürfte - mich jedenfalls hat es überzeugt. Herstellerinfo: Ein Mann wird gefoltert, ohne den Grund zu kennen. Ein junger Arzt hat eine Obsession: Was fühlt ein Mensch im Moment seines Todes? Kelvin und seine Freunde gehen aus, um Spaß in der Stadt zu haben, aber sie erleben einen Albtraum. Warum hat Kelly Angst vor der Dunkelheit ... Die schon in England unter dem Titel „Touching the Flame“ erschienene Anthologie entführt den Leser in eine surreale Welt der Angst, in der eine beklemmende und bedrohliche Atmosphäre herrscht.
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