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Accelerando

Stross, Charles

Rezension von Oliver Kotowski

In den zwanziger Jahren des 21. Jh. führt das politische Theater ein bekanntes Stück auf: In Russland war der Kommunismus wieder zur Supermacht erstarkt, es gab einen neuen Kalten Krieg und der Kommunismus ist wieder untergegangen. Das Verhältnis der USA zur EU ist problematisch und im Nahen Osten – alles beim Alten. Doch der technische Fortschritt schreitet immer schneller voran. Eine der treibenden Kräfte ist der kongeniale Manfred Macx, der noch vor dem Frühstück sechs kreative Ideen hat, die er patentieren lässt und einer Open Source Institution zur Verfügung stellt – Manny ist ein moderner Kommunist, der nichts von der Idee des geistigen Eigentums hält. Er jettet in der Welt umher und macht andere Leute mit seinen Erfindungen reich. Die amerikanische Steuerbehörde glaubt jedoch nicht, dass er arm wie eine Kirchenmaus ist und schickt ihm seine Exfreundin Pamela hinterher, eine höchst begabte und rigorose Steuerfahnderin. Manny und Pam hatten ein ganz besonderes Verhältnis: Der freiheitsliebende Neokommunist sehnt sich insgeheim nach einer starken Hand, die ihm sagt wo es lang geht, die ihn züchtigt und demütigt – er ist ein Masochist. Pam dagegen ist ein Kontrollfreak und übernimmt gerne die Rolle der Domina. Zurzeit ist Manny vor ihr auf der Flucht in Europa unterwegs, wo er Bob Franklin treffen will, der irgendein Problem mit der Raumfahrt hat. Doch kaum in Amsterdam angekommen, wendet sich eine KI an ihn, die von den Russen fort und überlaufen möchte. Heraufgeladene Hummer, wie sich herausstellt. Manny stellt den Kontakt zwischen Hummern und Bob her – und macht damit einen weiteren großen Schritt in Richtung der technologischen Singularität, einem Punkt an dem dank unzähliger fortschrittlicher KIs die technologische Entwicklung für den Menschen jenseits des Begreifbaren liegt…

Physisch ist das Taschenbuch nicht auffällig: Mit seinen 558 Seiten ist es noch kein Ziegelstein, aber schon einigermaßen dick. Das Titelbild von Stephane Martinière zeigt eine futuristische Stadt mit hohen schlanken Türmen, zwischen denen Flugobjekte umherfliegen. Ein paar weiße Vögel lassen mich an eine Szene mit Tauben in einer Stadt auf dem Saturn denken. Neben dem schlicht gehaltenen Text findet sich noch ein zwölfseitiges Glossar, welches einige Begriffe und Anspielungen erläutert. Das Original trägt den gleichen Titel und ist 2005 veröffentlicht worden. Charles Stross, dessen Werke schon seit einiger Zeit als Geheimtipp gehandelt werden, kann Accelerando als Erfolg verbuchen: Es wurde 2006 mit dem Locus Award ausgezeichnet und immerhin für den Hugo nominiert; die Erwartungen sind also entsprechend hoch.

Erzähltechnisch ist Stross nicht innovativ. Es gibt drei Hauptfiguren, die jeweils einen eine Generation umfassenden Abschnitt dominieren: Manfred den ersten, seine Tochter Amber den zweiten und ihr Sohn Sirhan den dritten. Auch wenn die Geschichten auktorial erzählt werden, kommt ihren Blickwinkeln eine besondere Bedeutung zu. Neben den Hauptfiguren gibt es noch eine Vielzahl von Nebenfiguren, deren Blickwinkel den Fokus leicht erweitern. Es gibt einen Metastrang, in dem die Geschichte der kaputten Familie Macx verfolgt wird. Eng hiermit verknüpft ist die Entwicklung der Singularität. Untergliedert ist dieser, wie erwähnt, in drei Abschnitte, die sich wiederum aus jeweils drei Episoden zusammensetzen. Diese Episoden waren ursprünglich Kurzgeschichten, die Stross erst später zur Erzählung verband.
Die Sätze neigen zur Länge und es finden sich auch zahlreiche Einschübe – in Gedankenstrichen, Kommata oder Klammern. Übermäßig kompliziert sind die Sätze nie. Anders verhält es sich mit der Wortwahl. Gerade in den frühen Episoden vor der Singularität wimmelt es vor dem Programmierer und Hacker-Jargon entlehnten Wörtern. Wer sich mit der Thematik nicht auskennt, sollte sich vielleicht ein entsprechendes Wörterbuch zurechtlegen.
Überraschend war für mich die Anzahl der Eigenheiten, die man als Fehler betrachten könnte. So bleibt der Text beim Verständnis der zukünftigen Phänomen häufig in der gegenwärtigen Sprache verhaftet. Das Setting nach der Singularität erinnert an eine Far Future Fantasy, aber Router und Firewalls spielen immer noch eine große Rolle. Einige Redewendungen werden oft gebraucht – Amber hätte nicht so häufig eine Schnute ziehen müssen. Manches wirkt etwas schräg: Kann man auf einer Scheibe Leberwurst herumkauen?
Am negativsten wirkten aber die vielen kurz eingeschobenen Erläuterungen auf mich, sei es in Dialogen, in denen ein Sprecher etwas erläutert, was den Figuren bekannt sein dürfte, oder die kurzen Fremdwörter erklärenden Nebensätze.

Die größte Stärke des Buches ist der enorm hohe Anteil an originellen Ideen im Bereich des Transhumanismus. Die Durchdringung des Alltags von der Informationstechnologie, die Verknüpfung von menschlichen Geist und Software im Metacortex, der Einfluss von immer neueren und effizienteren Technologien auf die Wirtschaftssysteme und die Umwandlung der Planeten in gigantische Computer, die alle im Zusammenhang mit der Singularität stehen, sind nur die Spitze des Eisbergs.
Aufgrund der unglaublich vielen Ideen können diese dann auch nicht sehr vertieft werden; die Episoden liegen zumeist zehn Jahre auseinander und jedes Mal führt Stross dem Leser neue technische Wunder vor. Hier hätte weniger, ausführlicher behandeltes mehr sein können.
Das Herangehen, die Entwicklung der Gesellschaft in Bezug auf die Singularität episodisch über Generationen hinweg verknüpft mit dem Schicksal eine Familie darzustellen, ist ebenfalls sehr couragiert. Leider gelingt es meiner Ansicht nach nicht besonders, da Stross keine echten Probleme und Lösungen zeigt, sondern alles nur kurz anreißt, zum Teil die Probleme sogar zwischen den Kapiteln löst – eben waren sie noch gefangen, jetzt sind sie schon auf der Flucht und von der Befreiung wird in einer knappen Zusammenfassung berichtet.
Schlimmer noch sind die Figuren. Sie sind flache Exzentriker und beschränken sich zumeist auf eine Eigenschaft. Zum Teile erinnern sie an Wunscherfüllungsphantasien: Manfred ist überaus genial und bei allen (außer dem elterlich-autoritären Staat) beliebt. Die Frauen fliegen nur so auf ihn und er hat tabulosen Sex. Außerdem entwickeln sich selbst die zentralen Figuren kaum. Wirklich skurril ist aber das Verhalten einer Figur nach einer Sexszene am Ende der ersten Episode. "Sie wälzte sich von seinen Hüften herunter und nutzt den letzten Rest des Sekundenklebers dazu, ihre Schamlippen zu versiegeln," ist da zu lesen. Ein bis zwei Tage hält die Versigelung – mir drängt sich die Frage auf, wie die arme Frau wohl urinieren wird. Von da an konnte ich den Roman nicht mehr ganz ernst nehmen.
Generell fehlt es den Figuren an Reife – das mag ja bei einigen, besonders einer kaputten Familie, durchaus stimmig sein. Aber wenn keine der wichtigen Figuren skeptisch ist oder an Nachhaltigkeit denkt, wirkt das eigenartig. Da sollen die posthumanen Intelligenzen dem Menschen soweit voraus sein, wie dieser es dem Bandwurm ist, und trotzdem verhalten sie sich in diesem Punkt wie einfache Viren – besonders klug scheint mir ein solches Verhalten nicht zu sein.
Die Figur Pamela bringt diese Haltung auf den Punkt: Alles Nerds – Stross entwirft eine Zukunftsvision, in der Nerds die Kontrolle über das Geschehen haben.
Stross gibt an, 1999 Chefprogrammierer einer dotcom-Firma gewesen zu sein, als er mit der ersten Episode zu schreiben begann. Man spürt den Enthusiasmus, die grenzenlose Begeisterung für die neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie. Später spürt man die Enttäuschung nachdem die Internetblase geplatzt ist – die Figur Pierre verwendet sogar eine entsprechende Analogie. Stross scheint in diesen Geschichten viele eigene Erfahrungen zu verarbeiten – aber ambivalente Situationen oder Figuren schafft er trotz des Umschwenkens nie.
Schließlich gibt es noch zahllose Anspielungen, von denen einige eher grob sind, wie die auf die Cheshire Cat aus Alice im Wunderland; wesentlich defiziler sind dagegen solche, die sich mit KIs befassen.

Was bleibt abschließend zu sagen? Es ist kein schlechtes Buch; einige Episoden haben mir durchaus gefallen und ich hätte mir gewünscht, dass Stross daraus richtige Geschichten gemacht hätte. Doch Figuren, Plot, und phantastische Elemente, alles wird nur skizziert – das Buch liest sich wie ein in Sätze gefasstes Brainstorming. Es überrascht mich, dass eine Geschichte mit so vielen Schwächen so sehr gelobt wird. Außer der Sache mit den Schamlippen wird mir davon wohl nicht viel in Erinnerung bleiben.

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Wertung

 

Gesamt:

(Mittel)

Anspruch:

(Entspannend)

Spannung:

(Unterhaltsam)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

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Homepage Charles Stross
Heyne, München

 

Infos

 

Sprache:

Deutsch

Autor:

Stross, Charles

Verlag:

Heyne, München

Erschienen:

Sep. 2006

Kritiker:

Oliver Kotowski

ISBN:

3-453-52195-1

ISBN(13):

978-3-4535-219-7

EAN:

9783453521957

Typ:

Taschenbuch

 

Charles Stross

 

Der 1964 geborene Autor lebt in Edinburg, Schottland. Seine erste Kurzgeschichte erschien 1987. Weitere Short Storys folgten und verhalfen nach und nach zu größerer Popularität in SF-Kreisen. 2003 erschien sein Debütroman „Singularität“, der enorm gute Resonanzen erhielt und für den Hugo-Award nominiert wurde [mehr]

 

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