 | Das etruskische Ritual Rezension von Anna Veronica Wutschel Der junge Archäologe Fabrizio Castellani ist in den Archiven des Instituts für Restaurierung in Florenz auf eine spektakuläre Entdeckung gestoßen. Sollten sich seine Annahmen bestätigen, könnte er durch eine Publikation großes Aufsehen erregen. Daher begibt er sich unverzüglich in das toskanische Volterra, um die Statue eines Knaben, die auch geheimnisvoll Ombra della Serra (Schatten des Abends) genannt wird, näher zu untersuchen. Doch bereits am ersten Abend im Etruskermuseum erhält er eine anonyme Warnung, er solle den Jungen, also die Statue, in Frieden lassen. Noch in derselben Nacht hört er schreckliche Laute, als sei ein riesiges Raubtier in der Nähe. Und tatsächlich scheint ein Tier von unbekannter Größe in der Gegend um Volterra Menschen zu jagen. In den nächsten Wochen fallen dieser Bestie immer mehr Bürger Volterras auf entsetzliche Weise zum Opfer. Fabrizio Castellani erhält indes den Auftrag, ein von Grabräubern geöffnetes Etruskergrab freizulegen. Als Fabrizio den Sarg öffnet, bietet sich ihm ein Bild von unvorstellbarer Grausamkeit. An dem vor 2500 Jahren Getöteten wurde ein etruskisches Ritual vollzogen, dessen Fluch durch die Graböffnung zu neuem Leben erweckt worden sein könnte… Der Autor Valerio M. Manfredi ist renommierter Archäologe und hat bereits mit großem Erfolg mehrere historische Romane und ‘Archäologiethriller’ publiziert. So scheint ein fundiertes fachliches Wissen wie auch eine gewisse Routine beim Schreiben gegeben. Ich kenne die anderen Texte des Autors nicht, und vielleicht habe ich daher völlig falsche Erwartungen an Das etruskische Ritual gestellt. Insgesamt ist der vorliegende Roman nämlich eher eine Enttäuschung. Der Stil des Autors ist weitab von Originalität und kombiniert das interessante historische Fachwissen mit seichter Handlung, die in blutiges Gemetzel übergeht. Papierne Dialoge werden eindimensionalen Figuren in den Mund gelegt, so dass letztlich keine der Personen überzeugen kann oder lebendig wird. Vor allem Fabrizio, dem Kamillentee trinkenden italienischen Gigolo-Archäologen, nimmt man seine Rolle kaum ab. Letztlich beeindruckt Das etruskische Ritual durch unzählbare Zufälle und unglaubwürdige, spektakuläre Polizeieinsätze, bei der mehrere Suchtrupps mit Helikopter innerhalb von wenigen Minuten vor Ort sind. Seltsam ist auch, dass sich, seit die wilde Bestie die Gegend um Volterra unsicher macht, immer mehr Menschen des Nachts ins freie Gelände außerhalb der Stadt begeben, allen voran der ängstliche Fabrizio, der in spontanen Aktionen seine Furcht eben solange vergisst, bis es fast zu spät ist. Wer dann noch mit Volterra oder anderen toskanischen Städten mit ihren unzähligen dunklen Gassen und alten Palazzi vertraut ist, der wird kaum glauben, dass es Manfredi nicht gelingt, in diesen für Grusel praktisch prädestinierten Städten eine schaurige Atmosphäre zu kreieren. Schauerlich wird es durch altbekannte Szenen, die an unzählige Horrorfilme erinnern und bei mir den ‘King Kong-Effekt’ hervorrufen, dass ich nämlich eher mit der ‘wilden Bestie’ mitfühle, als mit den Graböffnern zu sympathisieren. So ruft Das etruskische Ritual bei mir keine große Begeisterung hervor, lediglich die Grundidee, die Manfredi konsequent bis zum Schluss auskomponiert hat, konnte mich überzeugen. Wer allerdings gern Romane mit historischem Hintergrund und seichter Liebesgeschichte liest und sich von blutig zerfetzten Leichen nicht abschrecken lässt, dem wird Das etruskische Ritual womöglich besser gefallen! Hier wendet sich aber das Blatt, denn wer nicht selbst lesen will, der hört einfach zu! Und das ist in diesem Fall eindeutig eine ganz ausgezeichnete Wahl. Der Sprecher Markus Hoffmann liest so virtuos über gewisse Schwächen hinweg und trägt Das etruskische Ritual derart souverän und authentisch vor, dass man bisweilen vergisst, dass es sich um eine Lesung und nicht um ein Hörspiel handelt. Hoffmann ist ausgebildeter Schauspieler mit einer wunderbar samtigen Stimme, die mit offener Tonlage viel Spielraum in den Dialogen lässt. Nachdem ich nicht überschwänglich vom Text begeistert war, kann ich das Hörbuch nur wärmstens empfehlen: Hoffmann liest auf sechs Cds (337 Minuten) aus einem eher mittelmäßigen Archäologie-Krimi einen richtig guten Schauerroman!
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