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Ypsilon minus

Franke, Herbert W.

Rezension von Jim Melzig

Sämtliche physischen und psychischen Eigenschaften der Bevölkerung sind in Datenbanken erfasst. Durch lückenlose Observation von Verhaltensweisen, verborgene Tests und spezielle Prüfungen wachsen die Datensätze. Die Aufgabe des Systemprogrammierers und Rechercheurs Ben besteht darin, per Individualanalyse diese Datenbanken nach auffallenden Abweichungen durchzumustern, zu verifizieren und auffallende Personen gegebenenfalls in das kastenartig organisierte Gesellschaftssystem zu rekategorisieren. „Destruktive Elemente“ werden dabei der Kategorie „Ypsilon minus“ zugeordnet, eine Stufe, die die „Nihilation“ nach sich zieht. Bens neuester Fall ist seine eigenen Überprüfung. Da schon Kleinigkeiten wie „falsche Anworten bei Befragungen, eine ungünstige Auswahl des Lesestoffs“ zu ungünstiger Parametrisierung der Persönlichkeitsdaten führen kann, fügt sich Ben und beginnt mit seiner Autoanalyse. Dabei entdeckt er, dass drei Jahre seines Lebens nicht dokumentiert sind. In seinem Gedächtnis nachforschend kann er diese Lücke bestätigen. Misstrauisch geworden, aber noch immer der Loyalität zum Staat verpflichtet, versucht er mittels Drogen die Gedächtnisblockade aufzuheben und stößt dabei auf eine frühere Existenz als Widerstandskämpfer.

Man könnte Herbert W. Franke vorwerfen, ein Plagiat geschrieben zu haben. Die Ähnlichkeiten zu Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne neue Welt“ sind frappant: Genetische Konditionierung, Klonierung, totale Überwachung, Geschichtskorrektur zur Eliminierung der „ entropischen Einflüsse“ auf den „Staat der Einheitlichkeit und Ordnung“. Man könnte ihm also vorwerfen, sich bei dem Besten was Science Fiction zu bieten hat, bedient zu haben. Vielleicht ist das nicht einmal ungerecht. Darüber zu grübeln ist aber müßig, denn viel interessanter als die Frage, in wie weit Franke hier Ideen übernommen hat, ist es doch, ob es ihm gelungen ist, auf diesem Fundament ein eigenständiges Gedankengebäude zu errichten. Man sollte sich folglich auf das Neuartige in Frankes Roman konzentrieren und hier offenbart sich eine bemerkenswert gelungene und fortgeschrittene Synthese der beiden oben genannten Klassiker, eine absolut faszinierende Zukunftsvision. Den Vorgängern in Spannung in nichts nachstehend, schafft Franke eine plausible Dystopie einer computerkontrollierten restriktiven Welt, in der das Soziosystem „im Hinblick auf Überwachung und Kontrolle“ auf die computergestützte Überprüfung optimiert ist. Der §1 des Grundgesetzes, die Offenbarungspflicht, gewährleistet die „völlige Transparenz der Persönlichkeitsstruktur“. In dieser Welt ist die Persönlichkeit demnach auf „die Summe aller erfassbaren Individualdaten“ reduzierbar. Wo man noch Schwächen bei Huxley oder Orwell erkennen könnte, etwa im zu statischen Totalitarismus von „1984“ oder in der Figur des Wilden in „Schöne neue Welt“, bietet sich bei Franke ein ausgewogenes, in sich schlüssiges Gesamtbild aus einer gelungenen Hauptfigur, anspruchsvoller, anregender Sprache und einer bestechend logisch entwickelten Welt. In dieser Fiktion der Automatisierung und Computerisierung bleibt nichts mehr den destabilisierenden Eigenschaften des Zufall überlassen, Tabellen mit Zufallszahlen fallen gar unter die höchste Geheimhaltungsstufe, Zufallsgeneratoren sind verboten. Auf allen Ebenen ist der Mensch vom System determiniert. Das System selbst befindet sich dabei noch in der Entwicklung. Noch ist es auf den Menschen angewiesen, aber es zeigen sich schon erste Tendenzen in Richtung Autonomie, etwa wenn die Angehörigen bestimmter Kasten nur noch mit pseudoberuflicher Tätigkeit beschäftigt werden, wie im Roman im „Manifest des Ausschusses für soziale Sicherheit“ deutlich wird. Erklärtes Ziel ist die Lösung des „biologisch-anthropologischen Problems“.

Es sind diese lehrreichen Unterbrechungen des Handlungsstranges, die den Leser zwar anstrengen mögen, aber das Gesamtverständnis des Textes erheblich befördern. In diesem Kontext eingebettet bleibt die Geschichte Bens nicht abstrakt, sondern gewinnt an Lebendigkeit und Pseudoauthentizität, erleichtert dem Leser die Arbeit, Bens Gedankengänge nachzuvollziehen.

In einem mit Paradoxien behafteten System, in dem die Menschen völlig verunsichert sind, in wie weit sich die Konsequenzen ihrer Handlungen auf ihren Status als „Mitglied der freien Gesellschaft“ auswirken, sie abklassifiziert, persönlichkeitsverändert, nihiliert werden, erweist sich der Gedächnisblock Bens als unwirksam. Der ehemalige Widerstandskämpfer schüttelt diese Unmündigkeit ab und benutzt seine Programmiererfahrung um die „Diktatur der Computer“ zu stürzen. Und mit der Enttarnung der Fragilität dieses Absolutismus gelingt Franke ein schönes Ende, ein Ende voller Hoffnung in diesem brillanten Roman.


„Und die Freiheit ist unser Leben
- und unser Leben ist unser Glück
- und unser Glück ist unser Staat“
(Aus dem „Liederbuch des Psychotrainings – Auszug aus dem Register -Liebe zum Staat-
Herbert W. Franke: Y-)

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Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Anstrengend)

Spannung:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Autor:

Franke, Herbert W.

Verlag:

Suhrkamp, Frankfurt

Erschienen:

Jan. 1976

Kritiker:

Jim Melzig

Typ:

Taschenbuch

 

Herbert W. Franke

 

Geborene wurde Herbert W. Franke im Jahr 1927 in Wien, Österreich. 1945-1951 studierte er an der Universität von Wien die Fächer Physik, Mathematik und Philosophie. Nach seinem Umzug nach Deutschland arbeitete er fünf Jahre in der Industrie, später als freier Mitarbeiter [mehr]

 

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