Online Rezensionen->alle->Der Elfenbeinturm  

Zurück zur Startseite des X-Zines Diskutiert mit uns Unterstützt uns durch Bestellungen Fantasy-Bücher und -Geschichten Science-Fiction-Bücher und -Geschichten Horror-Bücher und -Geschichten Rollenspiele Trading Card Games PC- und Konsolenspiele Musik Comix

Bedienungsanleitung

Zurück zur Startseite des X-Zines

Erweiterte Suche

Der Elfenbeinturm

Franke, Herbert W.

Rezension von Jim Melzig

Die überbevölkerte Welt wird vom OMNIVAC, einem Supercomputer, regiert. Obwohl es materiell an nichts mangelt, sind nicht alle zufrieden mit dieser Regierungsform, denn sie ist äußerst restriktiv. Politische Gefangene werden zum Beispiel einer Entpersönlichung unterzogen. Es formiert sich Widerstand, dessen Ziel die Wiederherstellung der Freiheit ist. Als der Neuling Mortimer zu der Widerstandsgruppe stößt, muss er sich einer Gehirnübertragung unterziehen, denn nur so kann er als Chimäre mit einer neuen Identität Zugang zu sensiblen Bereichen der OMNIVAC-Maschinerie erlangen. Doch trotz des neuen Körpers misslingt der Anschlag auf den zentralen Datenspeicher. Mortimer und seine anarchischen Freunde können sich in letzter Not vor der Verfolgung der Konterrevolutionäre auf ein Forschungsraumschiff retten. Da sie mit Laser beschossen werden, müssen sie nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und verlassen damit ihr Zeitkontinuum der Erde. Als sie gar in den Gravitationsbereich eines schwarzen Loches geraten, werden sie in einen völlig anderen Abschnitt des Universums katapultiert, ohne Aussicht auf Rückkehr zur Erde. Der Versuch ein neues Leben auf einem erdähnlichen Planeten aufzubauen scheitert und sie übertragen ihre Gehirne auf eine in flüssigem Ammoniak lebende Spezies.


Der Elfenbeinturm gehört zu den Romanen des Autors, bei dem er offensichtlich seine Ideen spontan beim Schreiben entwickelt und weiterverfolgt hat. Insofern erlebt der Leser eine phantasievolle und sprunghafte Achterbahnfahrt an Handlungen, Eindrücken und Themen. Da ist zum einen das von Franke bekannte Muster der restriktiven Gesellschaftsform, hier manifestiert in einem Konglomerat aus Zuckerbrot und Peitsche. Das bis ins extreme zentral von einer Maschine geregelte Leben auf der einen und exzessive Zerstreuungs- und Unterhaltungsmöglichkeiten auf der anderen Seite:
„Wir brauchen keine Zentralregierung und keinen Befehle gebenden Computer. ... Auf die Nährtabletten, die Sportuniformen, die Badefeste und die Abenteuerfilme können wir verzichten – auf dieses widerliche organisierte Leben.“
Frankes exemplarische Hauptgestalt ist indes nicht völlig von der Notwendigkeit der Revolution überzeugt, stößt sich gar an dem ihm sinnlos erscheinenden Zerstörungswillen seiner Kombattanten. Durch die Gehirnübertragung entspinnt sich in seinem nahezu schizoiden Geist nun eine produktive Konfrontation zweier extrem diskrepanter Ansichten:
„Wo der Mensch auftaucht, bringt er die Natur um und installiert die Requisiten der Vermassung und Vereinheitlichung ... Wo der Mensch auftaucht, bezwingt er das Chaos.“
Diesen Konflikt kann er nicht lösen, aber er ermöglicht ihm die Vermittlung zwischen beiden verfeindeten Welten, der Anarchie und der Organisation, hier die emotionalen Revolutionäre, dort die rationalen Wissenschaftler und bewahrt das Raumschiff dadurch vor dem Untergang. Franke hegt dabei deutliche Sympathie für die rationale Logik der Forscher, kristallisiert er doch im Lauf der Geschichte die Pläne der Revolutionäre als dumm und töricht und persifliert den Agitprop ihres scheinbar intellektuellen Anführers als inhaltsleeres Geschwätz und überlässt ihn einem zynischen Freitod. Im Gegensatz dazu beschreibt er den OMNIVAC als logische durch die Umstände erzwungene Lösung.
Der Roman erreicht seinen Höhepunkt in zwei dialektischen Diskussionen zwischen Mortimer und den Wissenschaftlern. Hier prallen Realismus und Idealismus aufeinander, entbrennt ein Streit um Technik und Freiheit, Rationalität versus Herz und Liebe. Diese leidenschaftlich geführten Diskussionen sind geistvoll und entsprechend kurzweilig zu lesen. Der Verlauf dieser Kontroverse ist jedoch allenfalls akademischer Natur, spielt er doch für den Fortgang der Handlung im folgenden keine Rolle. Als es in ihrer neuen Zuflucht gilt, ein eigenständiges Leben aufzubauen, ein Leben, in dem sie all ihre Ideale verwirklichen könnten, scheitert die isolierte Intelligentia an der robusten Anforderung ihrer Aufgabe. Nachdem der Monsun ein ums andere mal ihre kläglichen Hütten davonschwemmt, verkriechen sich die Spezialisten und Idealisten wieder in ihren Elfenbeinturm, ihrem gestrandetem Raumschiff und beschränken sich auf bequemen Konsum ihrer letzten Vorräte. Der Ausweg aus diesem Unvermögen ist die Transzendenz in fremde Organismen.


Und wieder enttäuscht Franke den Leser nicht. Im Gegenteil, zwar fordert er einiges an Aufmerksamkeit, belohnt dabei aber mit einem spannenden und sehr anspruchsvollen Abenteuer. Und wieder einmal zeigt sich Franke dabei als großer Protagonist des Science Fiction. In anderen Romanen den Cyberspace einführend, beschreibt er hier auf beeindruckende Weise den kollektiven geistigen Zusammenschluss mehrerer Menschen zu einem kaum greifbaren Pluralwesen „überhöhter Klarheit“. Eine Fiktion, die zum Beispiel 25 Jahre später von Shirley in seiner Eclipse Reihe eher schlecht kopiert wurde. Die mittlerweile repetitiven Lobeshymnen auf Franke im x-zine mögen etwas ermüdend wirken, doch selten findet man ein so ausgewogenes Verhältnis aus wunderbarer Science Fiction und klarem, anspruchsvollem und exakt herausgearbeitetem Inhalt.

Datenbank:0.0017 Webservice:0.1117 Querverweise:0.0062 Infos:0.0007 Verlag,Serie:0.0005 Cover:0.0001 Meinungen:0.0008 Rezi:0.0001 Kompett:0.1223

 

Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Unterhaltsam)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

Links

 

Shopping:
kauf mich 2nd Hand bei abebooks

Infos Herbert W. Franke:
Biographie von Herbert W. Franke
Der Orchideenkäfig
Die Stahlwüste
Die Glasfalle
Das Gedankennetz
Ypsilon minus
Schule für Übermenschen
Zone Null
Paradies 3000
Tod eines Unsterblichen
Der grüne Komet
Transpluto
Die Kälte des Weltraums
Der Atem der Sonne
Planet der Verlorenen
Hiobs Stern
Spiegel der Gedanken
Einsteins Erben
Sphinx_2
Cyber City Süd
Auf der Spur des Engels
Flucht zum Mars

Infos Goldmann:
über den Hersteller
Produkte im X-Zine

Navigation:
Zurück
Druckerversion

Weblinks:
Goldmann, München

 

Infos

 

Sprache:

Deutsch

Autor:

Franke, Herbert W.

Verlag:

Goldmann, München

Erschienen:

Jan. 1965

Kritiker:

Jim Melzig

Typ:

Taschenbuch

 

Herbert W. Franke

 

Geborene wurde Herbert W. Franke im Jahr 1927 in Wien, Österreich. 1945-1951 studierte er an der Universität von Wien die Fächer Physik, Mathematik und Philosophie. Nach seinem Umzug nach Deutschland arbeitete er fünf Jahre in der Industrie, später als freier Mitarbeiter [mehr]

 

  [mehr]
 

Werbung

  booklooker.de - Der Flohmarkt für Bücher

 
Buch24.de - Bücher versandkostenfrei
 
Libri.de - Und Bücher kommen immer gut an