 | Die Stahlwüste Rezension von Jim Melzig Nordamerika hat sich von einem globalen Atomkrieg schneller erholt als Europa. Nur die Stahlwüsten, die zerstörten Städte neben den neu aufgebauten, sind stumme Zeugen des vergangenen Desasters. Europa ist wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten, und die totalitäre Regierung glaubt zwingend ihre scheinbar geschichtlich begründete Hegemonie wieder manifestieren zu müssen. Mit Hilfe von Agenten bereitet sie einen weiteren Krieg gegen Amerika vor. Einer dieser Agenten ist Ralph. Bei einem seiner Aufträge gelangt er in den Besitz eines kompromittierenden Tonbandes, welches ihm eine Verschwörung von erschreckendem Ausmaß darlegt, eine Interessengemeinschaft zwischen Regierung und Waffenfabrikanten, die zur Realisierung ihrer Wünsche mittels perfider Propaganda den Boden für einen Krieg bereiten. Franke hegt einen deutlichen literarischen Faible für einen tabula rasa nach einem Atomkrieg, der ihm dann mannigfaltige Gestaltungsmöglichkeiten für die Kreation eigener Welten eröffnet. Wie in einigen seiner anderen Romane benutzt er auch in „der Stahlwüste“ die große Katastrophe als Ausgangspunkt für eine Dystopie. In dieser hier thematisiert Franke die Manipulationskraft der Medien und ihren unheilvollen Einfluss auf die Werte einer Gesellschaft, hier am Beispiel einer unheilvollen Allianz eines mächtigen Waffenkonzerns und einer Werbeagentur, die eine pseudo antitechnokratische und humanistische Marionettenregierung lanciert. Die intrinsischen Paradoxien der Wahlwerbebotschaften spielen dabei keine Rolle -„Schluß mit dem Benzingestank...jedem Erwachsenen ein Auto...Luxus in der kleinsten Hütte...“, denn es geht nicht um Inhalte, sondern um die Manipulation an sich, um die Macht über die Massen. Franke legt den Schlüssel zum Verständnis dieses Romans in das Tonband und nutzt einen interessanten dialektisch geführten Dialog, um den Zynismus der Branche offenzulegen. Die Forderung, die Menschen zu überzeugen und nicht zu überreden, „das Gute in ihnen wachzurufen, und nicht die dunklen Instinkte! Sie aufrütteln, an der Erneuerung dieser Welt und ihrer Menschheit begeistern!“ wird ad absurdum geführt angesichts einer Institution, die Weltanschauung als Ware und Menschen als Verbraucher betrachtet. Wenn erst einmal die Massen überrumpelt und gewonnen sind, dann ist auch die Macht gewonnen: „Hand in Hand, Schritt für Schritt; Hunderttausend schreiten mit! Morgen schon der Sorgen bar Morgen werden Wunder wahr!“ Die nächste absurde Konsequenz ist ein Krieg – man möge Parallelen zur Geschichte des Dritten Reiches ziehen, ein Krieg um die friedliche und freiheitliche Gesinnung zu bewahren, zu behaupten gegen fiktive „reaktionäre Kreise des Auslands“ und jetzt endlich kann aufgerüstet werden, alles im Namen des Friedens: „Unter dem Motto Frieden ließ sich der Krieg immer schon am besten vorbereiten“. Es ist die Krise der Intellektuellen, die in der hilflosen Lähmung des Idealismus verharren, die dem Putsch den Weg ebnet: „Wissen Sie, was die Schuld von euch Idealisten ist: eure Kurzsichtigkeit, eure Lebensfremdheit, eure Dummheit! ...Würde und Menschlichkeit, lächerlich! Damit seit ihr genau auf jene Simplifikationen hereingefallen, die ihr so sehr verachtet. Der einfache Mann kann sich nicht dagegen wehren, aber wie steht es mit euch sogenannten Gebildeten? Das wäre eure Aufgabe, eure Pflicht: kritisch und umfassend zu denken! Dabei seid ihr die ersten, die auf Schlagworte hereinfallen, wenn sie nur eurem dumpfen Verlangen nach einer idealistischen, unrealisierbaren Traumwelt entsprechen....Sie kotzen mich an!“ In der Originalausgabe von 1962 verpackt in einem äußerst ansprechendem Umschlag, sollte auch dieser Science Fiction Roman Herbert W. Frankes zum Grundstock einer Sammlung sozialkritischer Literatur gehören. „Die Stahlwüste“ ist und das findet man in der Science Fiction Literatur ausgesprochen selten, ein Roman, dessen Gehalt so reichhaltig ist, dass er sich dem Lesenden bei der Erstlektüre nicht unbedingt in vollem Umfang zu erschließen vermag. Insofern darf auch der geübte Leser bei erneuter Absolvierung darauf hoffen und sich auch darauf freuen, neue das Denken anregende Formulierungen zu entdecken. Frankes Romane sind verborgene Schätze, die man behutsam heben muss. „Hand in Hand, Schritt für Schritt; Hunderttausend schreiten mit! Morgen schon der Sorgen bar Morgen werden Wunder wahr!“ Datenbank:0.0010 Webservice:0.1030 Querverweise:0.2156 Infos:0.0012 Verlag,Serie:0.0006 Cover:0.0006 Meinungen:0.0148 Rezi:0.0002 Kompett:0.3375 |  |