 | Der Orchideenkäfig Rezension von Jim Melzig Don, Al und Kat erkunden einen fremden Planeten. Im Wettstreit mit einer anderen Expeditionsgruppe versuchen sie, die in einer scheinbar toten Stadt vermuteten Überreste intelligenten Lebens zuerst zu entdecken. Doch die Stadt ist merkwürdig. Es gibt keine Vögel, keine Insekten, nicht einmal Mikroben, sie ist vollkommen steril. Die Gruppe findet nicht den geringsten Hinweis, was mit den Bewohnern geschehen ist. Bei ihrem weiteren Vordringen in das Zentrum stoßen sie auf virtuelle Hindernisse, Seen wo in Wirklichkeit nichts ist, dreidimensionale Reproduktionen von mittelalterlich anmutenden Ritterturnieren, einem äußerst verwirrenden Transportsystem und Felsen aus Plastik. Jäh wird ihre Expedition unterbrochen, als sie von der Konkurrenz unter Beschuss genommen und getötet werden. Damit ist ihr Vorhaben jedoch nicht zu Ende. Sie betreten ein zweites Mal den Planeten. Wie zuvor projezieren sie dabei ihr pseudo alter Ego über einen virtuellen Energieaustausch von der weit entfernten Erde aus auf die Oberfläche. Frankes Charaktere sind so karg bemessen, dass sie schon fast stereotyp wirken. Der laute Draufgänger und Weiberheld Don, ein klassisches Alphamännchen und Großmaul, der zögerliche und vorsichtige Al und die Quotentussi Kat, ein nerviges Dummchen mit knackigem Hintern. Franke behandelt seine Figuren im Lauf der Geschichte mit steigendem Zynismus. Don entpuppt sich als dummer Feigling und Mitläufer und Kat stirbt einen virtuellen Tod nach dem anderen. Nur Al, offensichtlich Frankes bevorzugte Gestalt, bekommt im Laufe der Geschichte mehr und mehr Format. Vom zögerlichen Angsthasen, entwickelt er sich zum mutigen und intellektuellen Entdecker, der sich dem ihm sinnlos erscheinenden Wettstreit bald entzieht, auf eigene Faust operiert und mit großer Beharrlichkeit sein eigenes Ziel verfolgt, mit den fremden Wesen zu kommunizieren. Die Dialoge sind ebenso knapp bemessen. Oft stakkatoartig aneinandergereiht vermitteln sie eine prickelnde Atmosphäre zwischen Hörspiel und Actionfilm. Der aufmerksame Leser wird dennoch viele Perlen entdecken, die oft genug sehr gesellschaftskritisch zuweilen gar etwas boshaft wirken, wenn Franke uns zum Beispiel einen Blick in Als Gedankenwelt gönnt: „Dass es nichts mehr für uns gibt als Vergnügen und Unterhaltung? Dass wir auf alles, was ein Stück weiterführen könnte, freiwillig verzichten, weil es uns ein wenig an Vergnügen und Unterhaltung kosten würde?“. Diese Sichtweise führt Franke in „der Orchideenkäfig“ bis in die destruktivste aller Konsequenzen. Die Forscher zerstören was sie nicht verstehen und dies mit einer Atombombe. Ganz im Gegensatz zu seinen Hauptpersonen steht die üppige und präzise Beschreibung der Stadt, samt ihres gewaltigen, bizarren Maschinenparks, ihre vielfältigen und fremdartigen Roboter, und Franke legt hier besonderen Wert auf eine synthetische Ästhetik seiner Welt. Den Autor interessiert die Frage, wohin die Evolution die Menschheit treibt. Seine Planetenwelt ist dabei Modell, ein mögliches, vielleicht wahrscheinliches Ergebnis: „Aber was geschieht denn mit den inteligenten Geschöpfen, wenn sie ihre höchste Entwicklungsstufe erreicht haben?“ „Sie bringen sich gegenseitig um“, so Dons lapidare Antwort. Doch damit ist Franke nicht zufrieden und lässt Al die korrekte Antwort suchen. Das Resultat erscheint zwar zwingend plausibel, ist aber erschreckend. Die Zukunft des Menschen, als eine amorphe, in Brühe schwimmende, orchideenähnliche, organische Masse, ihrer Sinne und ihres Denkens völlig beraubt und nur von Robotern am Leben erhalten und damit in völliger Abhängigkeit gefangen. Die Roboterstadt, die komplizierte und robuste Maschinerie, die selbst der Gewalt einer Atombombe trotzen kann, perfektioniert auf eine einzige Aufgabe, die Erhaltung einer völlig statischen, asensuellen, nicht reproduktiven Lebensform, die man nur noch mit Mühe als solche bezeichnen kann und deren Empfinden auf Zufriedenheit, Glück und Ruhe beschränkt ist. Wie gewohnt zeichnen sich Frankes Gedanken durch hohes Niveau aus. Auf knapp 170 Seiten gelingt ihm eine spannende und anspruchsvolle Erzählung, in der er eine potentielle Evolution des Menschen verfolgt. Sehr bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass er schon 1961 virtuelle Realitäten in das Genre einführt, es aber Gibson überlassen musste, 20 Jahre später einen prägnanten Begriff dafür zu erfinden: Cyberspace. Datenbank:0.0011 Webservice:0.1015 Querverweise:0.2158 Infos:0.0012 Verlag,Serie:0.0005 Cover:0.0006 Meinungen:0.0020 Rezi:0.0002 Kompett:0.3232 |  |