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Die Glasfalle

Franke, Herbert W.

Rezension von Jim Melzig

Abel ist Soldat, in täglichem unbarmherzigen Drill gedemütigt, depersonalisiert und einer permanenten Gehirnwäsche unterzogen. Wie seine Kameraden nimmt er sein Schicksal ergeben und sogar mit Erfüllung und Befriedigung hin, bis er einmal seine tägliche Tablettenration Sedativa ausfallen lässt:
„Die schwarze Pille war daran schuld, dass sie in einem ununterbrochenen Dämmerzustand dahinvegetierten, in einer stumpfsinnigen Euphorie, die ihnen den Dienst als Belohnung, die Befehle als Quelle der Freude, die Kaserne als Heimat, den Major als Gott erscheinen ließ, dass sie empfindungslos waren gegenüber Recht und Unrecht, dass sie das Vermögen zur Kritik verloren hatten, dass sie keinen Willen besaßen und keine Fähigkeit der Entscheidung.“
Als ihm diese Situation bewusst wird, beginnt er seinen Kompaniechef abgrundtief zu hassen und dessen Ermordung zu planen.
Abelsen ist ein Patient, der nur über den Anschluss an eine Herz-Lungen-Maschine existieren kann. Doch sein behandelnder Arzt Myer, eine Koryphäe in der Transplantationschirurgie, macht ihm Hoffnung, ihn mit Ersatzteilen ausgestattet völlig wieder herzustellen. Im Dunkeln bleibt Abelsens Erinnerung an die Ursache seiner schweren Verletzungen, vage denkt er an einen Krieg. Als er sich mit der Krankenschwester anfreundet, erfährt er die Zusammenhänge. Die Erde wurde durch neue Atomwaffentechnologien völlig zerstört. Ein Raumschiff, an Bord eintausend Mann in gläsernen Tiefschlafkammern und vier Frauen, konnte dem Inferno entkommen. Abelsen befindet sich auf dem Schiff und verdankt seine Rettung Myer. Eigentlich sollte Abelsen dankbar sein, doch mit der Zeit konkretisiert sich seine anfangs vage Antipathie gegenüber dem Arzt und als er dessen wahre Absichten erfährt, versucht er ihn umzubringen.

Ungeheuer verwirrend beginnt Franke seinen Roman, lässt er doch zunächst zwei offensichtlich nicht korrelierende Handlungsstränge parallel ablaufen. Und auch erst gegen Ende knüpft er die scheinbar losen Fäden zusammen und macht deutlich, dass es sich bei Abel und Abelsen um dieselbe Person handeln muss. Die Schauplätze sind karg bemessen. Im einen Fall beschränkt sich Franke auf eine Kaserne und beschreibt sie als ein von der Umgebung völlig isoliertes System, abstrahiert sie damit als reine Disziplinierungsinstitution. Die andere Kulisse ist größtenteils auf ein Krankenzimmer beschränkt. Auch dieses bleibt in Frankes Sätzen nur Instrumentarium. In dieses düstere, kalte und deprimierende Umfeld setzt er das Duell seiner beiden Hauptpersonen, dem Soldaten oder Patienten Abel bzw. Abelsen und dem Major oder Arzt, auf der einen Seite den empfindsamen und revoltierenden Moralisten, auf der anderen Seite, den kalten nur dem Darwinschen Kampf ums Dasein verschworenen Diktator. In dieses Spannungsfeld konstruiert er zwei Denkmodelle. Abel, im Glauben an die Freiheit des Menschen, sein Recht auf Selbstbestimmung verwurzelt und Myer, der von der Unmündigkeit und individuellen Bedeutungslosigkeit des Menschen überzeugt ist und der daraus resultierenden Notwendigkeit eines Führers und Sinngebers:
„Denken Sie an das, was die Menschen waren: eine zuchtlose, unordentlich, haltlos hin- und hertreibende Masse ... ein Durcheinander sinnloser Handlungen, ein Sichgehenlassen, ein Indentaghineinleben – ein Chaos von Nachlässigkeit, Pflichtvergessenheit, Ehrlosigkeit“.
Gegen Myers Pläne, mit seiner Arche Noah eine Zucht- und Ordnung-Gesellschaft auf einem neuen Planeten zu gründen muss Abelsen zwangsläufig revoltieren, auch wenn er dabei das Überleben des Restes der Menschheit aus Spiel setzt. Durch diese Parallelisierung oder besser Synonymisierung von Arzt und Major beziehungsweise der Hilflosigkeit und Ohnmacht des Patienten im Krankenbett und dem der Willkür seiner Vorgesetzten ausgelieferten Soldaten in der Kaserne, schafft Franke eine bedrückende und gleichzeitig provozierende Perspektive. Zeichnet Franke den Diktator in dieser Extremsituation noch zunächst der notwendigen Logik verpflichtet, enttarnt er ihn mit steigender Eskalation der Handlung als megalomanischen Psychopathen, der sich zunehmend in Widersprüche verstrickt. So schwebt ihm einerseits ein restriktives, statisches Gesellschaftsystem vor, andererseits betet er Darwins bekannte Hypothese an und beides ist inkompatibel, denn intelligente Individuen wie Abelsen sind Störgrößen, die jede erdenkliche Schwachstelle – hier die simple Entsagung eines Medikaments- eines noch so raffiniert durchdachten Kollektivs erkennen und dieses damit zum Scheitern verurteilen.

Als bekennender Franke-Fan ist es schwierig, ein objektives Urteil abzugeben. Der deutschsprachige Schriftsteller und Physiker wird aber allgemein zu den besten Science Fiction Autoren gerechnet, so dass man mit wohlwollenden Kritiken eigentlich nicht daneben liegen kann. Die „Glasfalle“ ist eine bemerkenswert durchdachte, zwar karge, aber mit konsequenter Logik entwickelte Geschichte, die nicht nur zum Denken anregt, sondern auch noch gut unterhält. Sie bietet eine überaus interessante Konfliktsituation, die einigen Spielraum fürs Interpretieren lässt. Bei der überwiegenden Mehrheit der Science Fiction Literatur wird man in dieser Hinsicht vergeblich suchen. Wer sich die Mühe macht, die Originalausgabe von 1962 zu beschaffen, wird zudem noch mit einem Umschlagbild im mittlerweile klassischen Science Fiction Design der 60er Jahre belohnt.

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Unterhaltsam)

Brutalität:

(Jugendfrei)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Autor:

Franke, Herbert W.

Verlag:

Goldmann, München

Erschienen:

Jan. 1962

Kritiker:

Jim Melzig

Typ:

Taschenbuch

 

Herbert W. Franke

 

Geborene wurde Herbert W. Franke im Jahr 1927 in Wien, Österreich. 1945-1951 studierte er an der Universität von Wien die Fächer Physik, Mathematik und Philosophie. Nach seinem Umzug nach Deutschland arbeitete er fünf Jahre in der Industrie, später als freier Mitarbeiter [mehr]

 

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