 | Gloriana Rezension von Marcel Dykiert Michael Moorcocks "Gloriana" hat es jüngst in die Heyne Auswahl der wichtigsten Fantasy Romane geschafft; Grund genug, diesen Klassiker erneut zur Hand zu nehmen. Der farbenprächtige Roman spielt in einem phantastischen Albion (-> England) des 16. Jahrhunderts. Mit der jungen Königin Gloriana (-> Viktoria) ist ein goldenes Zeitalter des Friedens, der Wissenschaften und der Künste angebrochen. Albion umfasst die halbe Welt, die dunklen Epochen der Krige und Machtkämpfe scheinen vorrüber zu sein. Doch Gloriana, titelgebende Galionsfigur dieser friedlichen tage, trägt schwer an dem Erbe ihres brutalen Vaters. Nach wie vor wird sie von den alten Drahtziehern der Macht benutzt und mißbraucht. Ihre eigen Sehnsüchte bleiben unerfüllt, obgleich es in ihrem labyrintischen Palast an keiner noch so exotischen Sinnesfreude mangelt. So droht sie zwischen Pflichterfüllung und Leidenschaft zu zerbrechen. Zum Inhalt müssen an dieser Stelle nicht mehr viele Worte verloren werden; es werden Intrigen und Gegenintrigen gesponnen, Mord, Romantik, Tollkühnheit, Philosophie und Schrecken; "Gloriana" gehört, bei allen Schwächen, völlig zu recht zu den Meisterwerken der Fantasy. Überraschen ist der Band vor allem sprachlich. Moorcock, dessen recht einfach gehaltene Sprache normalerweise nicht mit seiner schier überschäumenden Phantasie mithalten kann, übertrifft sich hier selbst, schildert eindringlich Personen und Orte, entwirft mit wenigen, man möchte fast sagen Pinselstrichen, eine belebte Straßenszene, einen verrauchten Pub oder das Treffen der honorigen Lords ihrer Majestät. Wo gerade "Elric", Moorcocks unübertreffliches Meisterwerk, sprachlich knapp an einem Totalausfall vorbeischliddert, kommt "Gloriana", ganz wie die junge Königin, in einer unaufdringlichen Eleganz daher, die zu überzeugen weiß. Historisch betrachtet ist die Lektüre zwiespältig. Auf der einen Seite ist die Schilderung bis zum letzten Spitzenkragen sehr präzise, reale Persönlichkeiten, als Beispiel sei hier nur Dr. Dee genannt, tauchen auf oder sind leicht als solche zu erkennen (Gloriana -> Viktoria), auf der anderen Seite wurden die nicht historischen Teile des Romans zu unpräzise bzw. unrealistisch umgesetzt. Es ist schwer vorstellbar, daß Arabien in dieser Zeit in den Status einer Weltmacht aufsteigt, denn seine Bedeutung in der realen Welt basiert auf Erdöl, einem Rohstoff, der in der Renaissance nahezu völlig bedeutungslos war. Hier wäre mehr Sorgfalt in der Ausarbeitung wünschenswert gewesen. Aber wirklich wichtig sind solche Einwürfe nicht. Moorcock möchte ein phantastisches Panorama entwerfen, er hält unserer Welt einen Spiegel vor und so gelingt ihm zweierlei. Er zieht den Leser in seinen Bann, denn die Kombination aus Vertrautheit und Fremdartigkeit ist verlockend, zugleich gliedert er sein Werk spielerisch in sein berühmtes Multiversum ein, in dem jeder mit jedem und alles mit allem verbunden ist. Elric treffen wir zwar nicht (oder vielleicht doch?), aber nicht wenige der Persönlichkeiten, die uns in "Gloriana" begegnen, sind uns längst aus anderen Büchern bekannt. Das Ende des Buches hinterläßt zunächst einen merkwürdigen Eindruck, über den man vielleicht einen eigenen Artikel schreiben müßte. Um nichts zu verraten, werde ich das natürlich nicht tun, aber ich möchte doch zu bedenken geben, daß der Akt, so krude er vielleicht zunächt wirken mag, möglicherweise eine eigene Wahrheit hat, eine Aussage, die vielleicht nicht von der Hand zu weisen ist. Mit Sicherheit ist es mehr als ein schlechter erzählerischer Kniff. Wer Fantasy systematisch liest & erschließen möchte, kommt an "Gloriana" nicht vorbei, aber es wäre ungerecht, das Buch in eine Klassiker Kategorie abzuschieben, denn auch Gelegenheitsleser sind mit dem Buch bestens bedient. In einem Satz: Lest es!
Eure Meinungen:
| Gloriana habe ich nie für Victoria gehalten. Da ist viel mehr von der "solo" lebenden, unglücklichen Elisabeth I in ihr. Das Buch verstört sicher, weil eine Gestalt eine entscheidende Rolle bekommt, mehr sei nicht verraten, die eher unter "Abschaum" einzuordnen ist. Dieses Buch hat mit den Elric-Zyklen und den netten Wiedergängern Hawkmoon und Corum nichts zu tun. Es ist eine elizabethanische Fabel, in der sich MM Freiheiten erlauben kann, weil er nicht historisch festgelegt ist. Er zeigt menschliche Abgründe und Mechanismen auf, die er sehr genau beschreibt und den normalen SF-Konusumenten verstört weil er nichts Escapistisches anbietet. Was die Sprache angeht: na MM war schon etwas bekannter als das Buch ebtstand und er musste es nicht in wenigen Wochen schreiben um die Miete zu bezahlen. Bitte nie vergessen, dass freie Autoren nicht sehr gesichert sind, egal wie viel Phantasie sie haben. [Christian B...n] |
Datenbank:0.0009 Webservice:0.1721 Querverweise:0.1161 Infos:0.0014 Verlag,Serie:0.0008 Cover:0.0006 Meinungen:0.0146 Rezi:0.0002 Kompett:0.3070 |  |