 | Der Blutkelch Rezension von jpk Aus der Reihe "Fidelma" Die Nonne Fidelma lässt der Autor Peter Tremayne im Irland des 7. Jahrhunderts als Anwältin vor Gericht wirken. Sie ist qualifiziert, Schwerverbrechen aller Art zu untersuchen und Anklage zu erheben an einem Gericht, das auch über den Hochadel urteilen vermag. Sie ist vermählt mit dem angelsächsischen Mönch Eadulf. Sie haben einen jungen Sohn, der in dem Roman keine Rolle spielt. Wichtiger ist da Fidelmas Bruder, der König von Muman, einem der fünf Königreiche Irlands zu dieser Zeit. Auf gesellschaftliche und verwandschaftliche Beziehungen wird man enorm sensibilisiert als Leser. Die Romane wären wohl ohne die häufigen Wiederholungen von Positionen, Rechten und Rollen innerhalb jedes einzelnen Bandes deutlich dünner geraten. Die gesellschaftliche Position und herrschaftlich-rechtliche Rolle der hier vorgestellten Lady Eithne wird fast enervierend oft dargestellt und Fidelma repetiert ihrerseits bei jeder Gelegenheit ihre rechtliche und verwandschaftliche Stellung. Fast möchte man dem Autor nach dem dritten oder vierten mal zurufen, dass man es wirklich verstanden hat, aber leider ist Lesen eine Einbahnstrasse und so müssen wir auch noch weitere Wiederholungen ertragen. Die Handlung des Romans lässt sich auf wenige Seiten reduzieren und auch ein parallel verlaufener Mordfall peppt den Roman nur geringfügig auf. Der aufsehenerregende Hauptfall führt Fidelma und Eadulf - in ehelicher Trennung befindlich aber ansonsten kooperativ - in eine Abtei. Dort ist ein berühmter und geachteteter Mönchsgelehrter in geschlossener Zelle ermordet worden. Doch dies Rätsel löst der Leser schon im Umblättern, wenn er vernimmt, dass sich Wachsreste am "einzigen" Schlüssel zur Mönchszelle befinden. Währenddessen sucht der mittelalterliche Detektiv noch nach Leitern. Ein klein wenig rätselhafter ist da schon das Verschwinden jeglicher Schriftstücke aus der Zelle des Toten. Davon hatte der gebildete Mönch eine Vielzahl. Der Tote ist der Sohn der lokalen Fürstin und Grundherrscherin des Bodens, auf dem sich ebendiese Abtei befindet. Sie will mit Hilfe des eifernden Verwalters der Abtei, den weichherzigen Abt entmachten und ein Leuchtfeuer des Glaubens aus dem Ort formen. Dazu spendet sie großherzig und so befinden sich Baumeister und Arbeiter in der Abtei, welche den Glauben in Stein meißeln sollen. Die Gemengelage aus unterschiedlichen Personen, handfesten Interessen und geistiger Ignoranz erschweren Fidelma und ihrem Sidekick das finden von Beweisen. Und so findet schlussendlich der große Tag des Gerichts ohne jedes Beweisstück statt. Dies erscheint dem modernen Krimileser befremdlich, doch in der der Gerichtswelt vor der Inquisition war das Wort des Klägers der Beweis, wenn es glaubhaft, logisch und ohne Nachweis der Lüge vorgetragen wurde. Das funktionierte teilweise recht gut, denn bei Meineid verschwand man nicht für ein paar Jahre in Haft, sondern riskierte unter Umständen sein Leben. Bei radikalen Folgen für eine Falschaussage vor Gott und dem weltlichen Gericht, überlegte man sich das Lügen sehr genau. Konnte ein Kläger Zeugen benennen, so riskierten diese evtl. geringere Strafen, wenn sie sich einer Mitschuld bekannten, statt vor Gericht zu leugnen. So auch in den beiden Fällen, die hier geschildert werden. Bedauerlich, dass der Autor den Ablauf und die Hintergründe des Prozesses nicht erläutert, so dass dem Leser ohne diese Kenntnisse das Befremden bei so dünner Beweislast befällt, ist man doch aus modernen Forensik-Fantasies genau das Gegenteil gewohnt. Störender finde ich als aufmerksamer Leser, dass der Autor und das Lektorat schlampig waren. Ich mag es nicht, wenn Krimis im Detail versagen. Wird mehrfach eine einfache Kerze erwähnt, die Eadulf erhebt, so sollte daraus im Plädoyer keine Laterne werden. Legt Fidelma fest, dass nur ein Leibwächter die verfeindeten Stammführer begleiten darf, und bestätigt man ihr das Befolgen dieser Bedingungen, dann sollten im Gerichtssaal nicht je zwei davon anwesend sein. Und welche "angemessene Ausstattung" überprüft der Abt in einer komplett leeren Mönchzelle, die an die des Toten grenzt, so lange und unauffällig, dass er ein Gespräch belauschen kann? Unangenehm finde ich, dass die Durchführung des Mordes und die Beseitigung der Schriften schlicht bescheuert ist. Doch praktische Logik mag nicht jedem Übeltäter gegeben sein. Auch würde die Darlegung des Unsinns hier an dieser Stelle dem Roman jegliche Spannung nehmen. Somit bleibe auch ich ohne Beweise in dieser Behauptung. Richtig gekränkt jedoch war ich über den "Cliffhanger" in der Beziehungskrise zwischen den Protagonisten. Fidelma vespricht ein klärendes Gespräch nach Ende des Falls und der Leser hofft auf eine Weiterentwicklung des offenen Problems. Doch so viel sei verraten: es tut sich hier gar nichts. Die weitere Entwicklung der Persönlichkeiten von Fidelma und Eadulf war ein wesentlicher Anreiz der Serie zu folgen. Wenn sich da nichts bewegt, ist der Reiz verflogen. Peter Tremayne war vermutlich zur Zeit des Entwerfen des Romans fasziniert von den frühen Kritikern des Christentums und des verschiedenen Entwicklungen im Christentum selber. Der Kriminalfall, der daraus entspringt ist jedoch überzogen in seiner politischen Wirkung und zugleich zu flach, um spannend zu sein. Auch weiß Tremayne nicht wie er drohende oder tatsächliche Gewalt dramatisch oder auch nur realistisch wirkend schildern sollte. Daher ist ihm auch nicht klar, dass ein Blankziehen von Waffen in einem übervollen Raum mit zum Teil schwer bewaffneten Menschen unter Stress jegliches Sprechen beendet. Es ist zwar immer wieder unterhaltsam, den Dialogen zu folgen, die der Autor wirklich gut zu gestalten weiß. Und auch der Hintergrund der Geschichte hat durchaus seinen Reiz. Doch man verpasst nichts, wenn man den Roman beiseitelässt. Das ist durchaus schade, denn trotz der Vielzahl der bereits erschienenen Bände aus der Serie, haben Zeitalter und die Protagonisten noch einiges zu bieten. Somit hoffe ich, dass der nächste Fidelma Roman mehr Substanz und Plausibilität aufzubringen fähig ist.
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