 | Die Purpurinseln Rezension von Firunew / Alexander Noß Aus der Reihe "Gezeitenwelt" Die vier Gezeitenweltautoren Bernhard Hennen, Hadmar von Wieser, Thomas Finn und Karl-Heinz Witzko treten jetzt unter der Gruppenbezeichnung „Magus Magellan“ auf – so muss es niemanden verwundern, dass der neuste Gezeitenwelt – Roman „Die Purpurinseln“ unter dieser Autorenbezeichnung und nicht unter Thomas Finns Namen erscheint, obwohl sich doch ein „echter Finn“ dahinter verbirgt. Der zweite Teil der Erzählung, die in „Das Weltennetz“ vor einem halben Jahr, im September 2003, begonnen wurde, führt den Leser tief in die Gezeitenwelt, zu den mysteriösen Geheimnissen, die in den ersten drei Romanen bereits angedeutet wurden: Nukuhali, der Regent des coleopäischen Inselarchipels, der von seinem aufständischen Freund Tongaro von dort vertrieben wurde und nun auf der Suche nach Hilfe zur Rückeroberung seiner Herrschaft ist, befindet sich zusammen mit Kallyê, der eulykischen Priesterin, Kapitänin Surjadora und ihrer Mannschaft auf dem Weg zum Orakel von Thalliopê, um dort einen Rat einzuholen, wie er seine Mission, die Heimkehr, erfolgreich beenden kann. Doch alles kommt anders, als die drei auf die Protagonisten aus „Himmlisches Feuer“, Hadmar von Wiesers Roman, treffen. Die Statue der Sphinx wird zerstört, die „Stern von Andhakleia“, das Schiff Surjadoras, gekapert… Thomas Finn präsentiert dem Leser im zweiten Teil seiner ersten Erzählung zur Gezeitenwelt mehr klassisch – phantastische Elemente als es die anderen Autoren bisher taten. Fabelkreaturen und (wenn auch interessant präsentierte und sicher nicht alltägliche) Magie treten häufiger und offensichtlicher auf, als dies in den bisherigen Romanen der Fall war, wodurch der Roman den Low-Magic-Eindruck verwässert, den die Reihe bisher hinterließ – doch nach der Konzeptionierung steht den Protagonisten ein Kennenlernen und ein langsames Nutzbarmachen der Magie in ihrer Welt bevor, weshalb dies nicht prinzipiell negativ sein muss. Da sich die Ereignisse jedoch plötzlich überschlagen und kein wirklich sanfter Übergang zwischen Unkenntnis der Magie und fast schon Selbstverständlichkeit zu finden ist, ist der Leser doch überrascht. Thomas Finn konzentriert sich auf die Charakterisierung seiner Protagonisten und die Darstellung von „Seeräuberromantik“; im Wesentlichen erzählt er nur einen Handlungsstrang. Drei voneinander fast vollständig unabhängige Handlungen wie in Bernhard Hennens Wahrträumer findet der Leser nicht vor – ein Umstand, der sich zu Lasten einer gewissen epischen Erfahrung und einer empfundenen Historizität, aber zu Gunsten von Action und Spannung auswirkt, die durch die stete Verfolgung einer Gruppe entsteht. Die Darstellung der Hauptpersonen geschieht überaus frei und klar, sodass die Figuren überaus plastisch wirken; geschilderte Überlegungen und darauf folgende Handlungen sind durchweg logisch. Eine Diskrepanz tritt jedoch in der Beschreibung Kallyês und Surjadoras auf: Beide scheinen sich gegenüber „Das Weltennetz“ in gewissen Nuancen verändert zu haben – merkwürdig, entstand das Manuskript der Erzählung doch in einem Guss. Der hohe Grad an handlungsintensiven Szenen in „Die Purpurinseln“ lässt einige wirkliche Höhepunkte vermissen. Ständig wird der Leser in Atem gehalten, ruhigere Passagen sind nur selten zu finden – dadurch leidet leider die Einzigartigkeit, die gewissen Szenen innewohnt, kann doch die Besonderheit einer bestimmten Passage nicht mehr in genügendem Maße betont werden. Ein stetig zum Ende ansteigender Spannungsbogen ist dank des klassischen und konsequenten Aufbaus der Erzählung jedoch vorhanden. Das Ende der Erzählung jedoch wirkt zu kurz, weil auch hier kein wirklicher Höhepunkt ersichtlich wird: Ob das alles war, fragt man sich, wirkt die Auflösung doch zu schnell zu harmonisch, die Liebe und die Selbstaufopferung der Protagonisten zu unkompliziert und frei von allen Unwägbarkeiten von Leben und Gesellschaft, die die Handlung vorher gut und umfassend aufgriff. Als Teil des Gezeitenwelt – Zyklus jedoch besticht „Die Purpurinseln“ durch eine tiefere Einführung in diverse Geheimnisse, die bisher nur durch intensive Beschäftigung mit den vorhergehenden Romanen erahnt werden könnten: Dies macht deutlich Lust auf mehr. Zudem wird dem Leser anschaulich gemacht, welche fantastischen Elemente Wirklichkeit wurden, als die Magie das letzte Mal auf der Gezeitenwelt präsent war – eine Hoffnung auf kommende epische Tatsachen, die von den Autoren in Interviews und Statements stets bekräftigt wird. Des Weiteren vereinigt „Die Purpurinseln“ Handlungsstränge aller bisher erschienener Romane: Francisco und Strolch mit seinem sechsarmigen Freund treffen (beide recht harsch) auf Surjadora und ihre Gefährten; ein großes Stück Lebendigkeit und ein Zusammenwachsen des Zyklus werden so erreicht. Es wird mehr denn je deutlich, was die einzelnen Autoren jeweils in der Gezeitenwelt verwirklichen: Bernhard Hennen zielt auf epische Historizität, Hadmar von Wieser auf Brüche und Schaffung neuartiger literarisch - phantastischer Elemente und Thomas Finn auf intensiv fühlbar gemachte Kontraste und vereinte Exotik von Seeräubern, Käfern und Luftschiffen. Abzuwarten bleibt, was Karl-Heinz Witzko in „Traumbeben“ verwirklicht – insgesamt liefern die Autoren bisher jedoch ein einheitliches Projekt, welches durch unterschiedliche Facetten bei einer breiten Leserschaft punkten kann.
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