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Idoru

Gibson, William

Rezension von Carsten Albrecht

Gibsons IDORU ist neben seinem offiziellen Erstlingswerk NEUROMANCER sicherlich einer seiner besten und beliebtesten Romane.

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist eine sogenannte IDORU - das ist japanisch und bedeutet soviel wie virtuelles Idol. Diese virtuellen Popstars gibt es auch schon im Japan der Jetztzeit (gerade dies verleiht dem Buch einen gewissen Flair - ein anderer Beitrag hier verglich die IDORU mit Lara Croft, was auch nicht sooo unpassend ist), nur nicht in so ausgereifter Form wie die Protagonistin Rei Toei des Romans.

Ein US-Rockstar namens Rez, Gründungsmitglied einer Band namens Lo/Rez (feines Wortspiel, denn "low resolution" - kurz Lorez - sagt irgendwie doch eine Menge über den Stil und den Gehalt der Musik dieser fiktiven Gruppe aus - erinnert mich immer spontan an Dieter Bohlen bzw. Modern Talking) verliebt sich auf einer Tournee durch Japan in diese Idoru namens Rei - und setzt sich in den Kopf, sie heiraten zu wollen.

Sein Sicherheitschef, ein Massenmörder und Ex-Sträfling aus Australien namens Blackwell, hat da so seine Bedenken über die Identität dieser Idoru und der Absichten ihres Managements und setzt den Computerprofi Laney auf diese virtuelle Dame an. Laney ist was ganz besonderes, denn er hat nicht alle Tassen im Schrank - er schaut sich Datenströme jedweder Art, egal ob es Infoströme aus dem Internet, einer Kameraüberwachung oder sonstwas an und verknüpft diese sogenannten Informationsknoten irgendwie miteinander - und gelangt auf diese Weise zu den skurrilsten Schlußfolgerungen. Da Rei ausschließlich aus Daten besteht, wird’s für Laney zwangsläufig recht kompliziert und spannend.

Schwer vorzustellen? Kein Wunder, ist auch schwer zu erklären - am besten liest man sich’s selbst durch, dann kapiert man´s am ehesten, worauf Gibson hier hinauswill.

Verkompliziert wird die ganze Sache noch durch zwei weitere Handlungsstränge: zum einen geht es um irgendein sogenanntes Nanotech-Modul (ich will nicht zu viel verraten und euch den Spaß am Lesen des Romans versauen) und eine kleine Amerikanerin, die die Leiterin der Seattler Niederlassung der weltweiten Lo/Rez-Fanclub-Organisation ist und von ihrem Club nach Japan geschickt wird, um dort die Gerüchte um die Rez/Rei-Heirat zu lüften. Dummerweise stolpert die Lütte hier recht unglücklich weil leichtgläubig in die Nanotech-Sparte rein, und so entwickelt sich der Roman zu einem halben Krimi, bis dann alle Handlungsstränge zum Showdown dann doch zusammenlaufen und ein verständliches Gesamtbild ergeben.

Diese Aufteilung der Handlung in mehrere zunächst getrennte Handlungsstränge, die augenscheinlich erst einmal NICHTS miteinander zu tun zu haben scheinen, ist symptomatisch für Gibsons Schreibstil. Ebenfalls findet sich hier sein allseits bekannter Faible für die japanische Kultur wieder, und so wundert es auch nicht, daß man immer wieder über japanische Vokabeln stolpert - gerade dies macht aber beispielsweise für mich den besonderen Reiz seiner Romane aus.

Stilistisch paßt IDORU sehr gut zur Cyberpunk-Trilogie - Gibsons Hang zu knappen, teils unvollständigen Sätzen und seine andererseits oft blumigen und fantasievollen Beschreibungen lassen den Leser tief in die virtuelle Welt des mittleren 21ten Jahrhunderts eintauchen.

Man muß allerdings dazu sagen, daß man sich für diese teils recht technischen Beschreibungen begeistern können sollte, um diesen Roman einerseits zu mögen und ihn andererseits richtig verstehen zu können. Treffen diese Voraussetzungen zu, muß man dieses Werk einfach lieben. Vor allem Laney mit seinem Knacks und Blackwell (der Sicherheitsmann von Rez) sind ähnlich wie damals Molly oder CountZero einerseits verkrachte, andererseits schillernd dargestellte und geheimnisvolle Personen und machen den Roman zu einem lesenswerten Erlebnis.

Science Fiction Fans und vor allem eingefleischten Cyberpunkern ist IDORU einfach nur zu empfehlen. Mehr der Jetztzeit verhafteten oder weniger technisch ambitionierten Charakteren würde ich aber wegen der teils hochtechnischen Kost zu einfacher verständlichen Werken raten.


Eure Meinungen:


Ich bin ein großer Fan von Gibson.
[Marc]

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Japan

Autor:

Gibson, William

Verlag:

Heyne, München

Erschienen:

Jan. 1999

Kritiker:

Carsten Albrecht

ISBN:

3-453-15636-6

ISBN(13):

978-3-4531-563-4

EAN:

9783453156364

Typ:

Taschenbuch

 

William Gibson

 

William Gibson wurde am 17. März 1948 in Conway, South Carolina, USA, geboren. Er verließ die Vereinigten Staaten 1968 nach Kanada um nicht für den Vietnam Krieg eingezogen zu werden. Er siedelte sich erst in Toronto an und zog 1972 nach Vancouver. [mehr]

 

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