 | Virtuelles Licht Rezension von Carsten Albrecht Der Roman "Virtuelles Licht", um den es hier geht, ist zeitlich in die 70er des 21. Jahrhunderts einzuordnen, und Gibson hat ihn offensichtlich vor die Ereignisse seines jüngsten Werkes "Idoru" plaziert. So wundert es die Leser die Idoru schon kennen nicht, dass Gibson immer wieder das "Little Grande" genannte Erdbeben, das die Gegend von Frisco bis L.A. in weiten Teilen in Schutt und Asche legte sowie die Zerstörung und den anschließenden Neuaufbau Tokios mit Hilfe der brandneuen Nanotechnologie ins Spiel bringt - typisch für seinen unnachahmlichen Schreibstil, mit dem er es immer wieder schafft den Leser von der eigentlichen Fährte wegzulocken und seine Stories mit interessanten Hintergrundinformationen aufzumotzen. Wer Idoru noch nicht kennt, ist aber keinesfalls im Nachteil, eher im Gegenteil, da sich so in jenem Roman viele Zusammenhänge viel schneller erschließen, wenn man "Virtuelles Licht" schon kennt. Insofern ärgere ich mich, dass ich erst Jahre später per Zufall auf ihn gestoßen bin. Übrigens kommt Gibsons Neigung zu sehr stark verkürzten Formen der Kommunikation seiner Charaktere (auf gut deutsch, vollständige Sätze geben diese selten von sich) untereinander hier recht heftig zum Tragen, an Dialoge wie "Kaffee?" - "Jupp" - "Willst ne Marlboro?" - "danke, Nichraucher" sollte man sich als Leser schnell gewöhnen, sonst bekommt man recht früh die Krise und legt das Buch weg. Ebenso skizzenhaft wie viele Dialoge werden hier auch wieder einmal die Charaktere gezeichnet, ebenfalls typischer Gibson-Stil - ein Regisseur, der dieses Stilmittel filmisch umsetzen würde, würde wohl zu Rückblenden in die Vergangenheit der Darsteller in Form von sehr kontrastreichen, schwarzweißen Szenen in schneller Schnittfolge greifen, wie man es aus einigen Actionstreifen her kennt. Doch genug zum Stil, kommen wir zum Inhalt. Hauptfigur von "Virtual Light" (so der Originalname) ist ein gewisser Berry Rydell, wohnhaft in Los Angeles, der durch unglückliche Umstände von einer Zwangslage in die nächste schlittert. Der Leser erfährt im Laufe des Romans, dass Rydell in einem kleinen Kaff aufgewachsen ist, wegen einer Fernsehreportage-Serie namens "Cops in Schwierigkeiten" zur Polizei ging, dort schon nach wenigen Wochen rausflog und sich fortan bei einer privaten Sicherheitsfirma namens IntenSecure verdingte. Natürlich geht auch hier wieder etwas schief, und so sitzt Rydell nun ohne Job da und muß sich auf die Suche nach etwas neuem machen. In der Zwischenzeit wird uns ein junges Mädchen namens Chevette Washington vorgestellt, die als Fahrradkurier in San Francisco arbeitet und auf der zum Anarchistenviertel aufgemöbelten Brücke bei einem alten Mann namens Skinner wohnt. Bei einer ihrer Kurierfahrten schlittert sie durch Zufall auf eine Party, wird dort von einem unangenehmen Kerl angebaggert und revanchiert sich bei diesem dadurch, dass sie ihm unauffällig ein Sonnenbrillenetui samt Inhalt klaut. Bis zu diesem Punkt erschließt es sich dem Leser nicht, in welchem Zusammenhang diese Personen und ihre Taten stehen, doch der ergibt sich sehr schnell, als Rydell urplötzlich von seinem Exboss bei IntenSecure das Angebot erhält, für zwei Privatschnüffler in Frisco als Fahrer zu jobben, die den Diebstahl einer wertvollen Datenbrille samt anschließendem bestialischen Mord am ehemaligen Besitzer dieser Brille untersuchen. Rydell nimmt das Angebot an, fliegt nach Frisco rüber, lernt die beiden Ermittler namens Warbaby und Freddie sowie zwei von Anfang an recht dubiose Polizisten der SEPD Mordkommission russischer Herkunft kennen und stolpert schon kurze Zeit später über Chevette, und der Drek fängt an zu dampfen. Rydell, anfangs von seinem eigenen Handeln völlig überrumpelt, entwickelt in einem Anfall von Genialität und Unverfrorenheit einen halsbrecherischen Plan, die Situation sowie Chevettes und seinen Hals zu retten. Zwischendurch erfahren wir weitere Snipplets aus dem Leben der beiden Hauptdarsteller, werden über die Hintergründe des medizinischen Siegs über AIDS anfangs des 21ten Jahrhunderts aufgeklärt (Shapely, um nur ein Stichwort zu nennen und die Neugier zu wecken) und machen die Bekanntschaft mit jemandem namens Loveless. Gibsontypisch wird hierbei ununterbrochen zwischen den Erzählperspektiven der Hauptfiguren umgeschaltet, was auf eine spezielle, ureigene Art und Weise die Spannung aufrecht erhält und durch nicht nur einen Cliffhanger manchmal bis an den Rand des Erträglichen steigert ,-). Unterm Strich ist Gibson damit ein durch und durch spannender und interessanter Wurf gelungen, der insbesondere mit Idoru ein nettes Gespann abgibt, zumal wir Rydell dort in einer Nebenrolle wiedertreffen und weitere Hintergründe über die Dinge erfahren, die in Virtual Light nur sehr am Rande angerissen werden (Nanotech, DatAmerica/IntenSecure). Eines störte mich bei der Lektüre aber zugegebenermaßen ganz gewaltig, und zwar die Tatsache, dass sich der anfangs als so offensichtlicher Dauerlooser dargestellte und nicht gerade mit Intelligenz Beschenkte Rydell zu einem nahezu genialen Befreiungsschlag hinreißen läßt, der wesentlich mehr Grips erfordert, als man bei der Schilderung dieser Figur vermuten würde. Hier ist Gibson meiner Meinung nach etwas verunglückt, denn Chevette halte ich von der Schilderung her für wesentlich intelligenter, und wegen dieser Rollenaufteilung verliert der Roman etwas von seiner strengen Logik und seinem Biß. Von diesem Ausreißer abgesehen kann man "Virtuelles Licht" aber rundum als spannende Lektüre für Fans der Real-SF und des Cyberpunk empfehlen. Für Nicht-Science Fiction Fans muß jedoch wieder einmal angemerkt werden, dass dieses Werk sich nicht gerade als Einstieg in dieses Genre eignet, zumal Gibsons Schreibstil wirklich nicht als der Leichtverständlichste gewertet werden kann. Ach ja, woher der Titel des Romans und damit der Titel dieses Berichts rührt, möchte ich nicht verraten, da es große Teile der Spannung zerstören würde.
Eure Meinungen:
| Ein cooler, dreckiger, etwas verwirrender, aber auch witziger Cyberpunk Roman vom Bruce Sterling Buddy William Gibson. Mein Liebling ist Sublett, der allergische Filmfreak aus der Wohnwagensekte. Sollte unbedingt VERFILMT WERDEN!!!!! Am besten von Paul Anderson, mit William Gibsons Screenplay und Aufsicht und Moebius Design. Wäre echt übergenial! Unbedingt lesen! Weitere coole Bücher: "Schwere Wetter" von Bruce Sterling, Video Kid (Bruce Sterling), Bio Chips (Gibson). Und Matrix wäre echt zig mal besser geworden, wenn gibson es zusammen mit Sterling geschrieben hätte. Proj on! [Stefan Grützmacher] |
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