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Kleine schmutzige Tricks

Frears, Stephen; Tautou, Audrey; Ejiofor, Chiwetel; Lopez, Sergi

Rezension von Michael Matzer

Okwe (Chiwetel Ejiofor) ist ein nigerianischer Arzt, der sich illegal in England aufhält und sich mit gleich zwei Jobs über Wasser hält. Nachts ist er Rezeptionist in einem Londoner Hotel, tagsüber fährt er Taxi. Klar, dass er irgendwann auch mal schlafen muss. Erstens hält er sich mit einem Rauschmittel, das er bei einem Freund kauft, wach, doch, wie wir später erfahren, macht das "die Birne weich".

Zweitens teilt er sich im Schichtbetrieb eine kleine Hinterhofwohnung mit der Türkin Senay (Audrey Tautou), die als Putzfrau in seinem Hotel arbeitet. Die beiden vertragen sich, aber sie verlieben sich erst im Verlauf der Geschehnisse. Dazu müssen sie viel zu vorsichtig sein, denn jeden Moment kann die Einwanderungsbehörde auftauchen. Wenn die Beamten beweisen können, dass die Asylbewerberin Senay jemandem Unterschlupf gewährt oder arbeitet, so können sie sie des Landes verweisen, weil sie gegen die Asylbestimmungen verstoßen hat. Senay träumt davon, nach New York zu ziehen, doch Okwe hat dort gearbeitet und war nicht begeistert. Dennoch ist Amerika für beide eine Perspektive; England ist es nicht.

Die Furcht vor der Ausweisung lässt Okwe stets vorsichtig sein, auch wenn er bei zwei seiner Kollegen im Hotel die Augen zudrückt. Eine Prostituierte darf ihre Freier mit auf eins der Zimmer nehmen. Bei einem der "Termine" kann er sich nützlich erweisen, indem er ihr gegen einen renitenten Freier hilft. Danach schuldet sie ihm etwas. Dass noch viel härtere Sachen in Okwes Hotel laufen, merkt er erst, als er am Morgen ein menschliches Herz in der Kloschüssel findet. Es hat die Toilette zum Überlaufen gebracht.

Er und sein Freund in der Leichenhalle ahnen, dass hier etwas mit Organhandel läuft. Wie groß die Gefahr auch für ihn ist, merkt er erst, als der Hotelmanager "Sneaky" Juan (Sergi Lopez) herausfindet, dass Okwe ein Arzt ist. Er versucht ihn zu erpressen, so dass er Operationen an Organspendern durchführt. Eine Niere für einen echt aussehenden gefälschten Pass - Wert: rund 10.000 Pfund - bedeutet für viele Illegale die Freiheit oder sogar das Leben. Zunächst lehnt Okwe ab: zu gefährlich. Der Manager hätte ihn in der Hand.

Doch für Senay laufen die Dinge in letzter Zeit miserabel. Sie fliegt aus der Wohnung und verliert den Putzjob, doch die Einwanderungspolizei bleibt ihr hartnäckig auf den Fersen. Nach einer weiteren Razzia auf Illegale in einem "sweat shop" ist sie bereit, mit dem Hotelmanager Juan einen Deal zu machen: eine Niere gegen einen Pass, selbst auf die Gefahr hin, bei der OP draufzugehen. Okwe sieht ein, dass er sie von ihrem Plan nicht abbringen kann und tüftelt ein gewagtes Endspiel aus.

 

Wir verfolgen die sich zuspitzenden Ereignisse durch die ausdrucksvollen Augen Okwes, dessen Szenen sich mit kurzen Szenen Senays abwechseln. Sobald Okwe das Herz in der Toilette gefunden hat, ist klar, dass dies ein Kriminalfilm sein dürfte. Doch eine ganze Weile sieht es nicht danach aus, denn von Gewaltszenen weit und breit keine Spur. Statt dessen Zärtlichkeiten und Witze.

Das liegt daran, dass sich die Gewalt unsichtbar gemacht hat. Sie taucht allenfalls in Gestalt von Einwanderungspolizisten auf (nicht gerade die intelligentesten), aber vor allem in Form der Aktionen des Hotelmanagers Juan. Allein schon eine unangenehme Frage nach dem Herkunftsland oder dem Wohnort lässt einen illegalen Einwanderer stumm wie ein Fisch werden. Deshalb lassen sie sich lieber ausbeuten als die Abschiebung zu riskieren. Bei Senay und vielen anderen Frauen ist die Ausbeutung vielfach sexuell: vom Putzjob zum Blowjob.

Daraus ergeben sich mehrere Spannungsbögen, die ineinander greifen. Lange quält uns beispielsweise die Frage, warum Okwe diese Strapazen auf sich nimmt. Erst in einem Dialog mit Senay, als die beiden sich näher kommen, lässt er berlauten, dass er fälschlicherweise in Nigeria wegen Mordes an seiner Frau gesucht werde. Leider musste er bei seiner Flucht vor den Regierungsbehörden seine Tochter Valerie bei seiner Schwester zurücklassen. Er darf sie auf keinen Fall gefährden.

Doch das Schicksal Senays macht ihm klar, dass er sich der Realität stellen und Valerie rausholen muss. Das Endspiel, das er für Senay und sich eingefädelt hat, gibt ihm endlich die Chance dazu. "Endspiel" ist ein passender Ausdruck, weil vielfach im Film Schach gespielt wird, so etwa zwischen Okwe und seinem chinesischen Freund. Auch Sneaky Juan, der Hotelmanager, ist ein Spieler: Er manipuliert alle und jeden, um das zu bekommen, was er will.

Schwächen: Der Film wurde gedreht, nachdem Audrey Tautou mit "Die fabelhafte Welt der Amelie" ein Weltstar wurde (aber sie wurde schon davor gecastet). Bei Stephen Frears darf sie nicht mit den Augen kullern und gefäschlte Liebesbriefe fabrizieren. Sie muss authentisch wie ein Türkin aussehen. Frears ist bekannt für sein Engagement für sozialen Realismus, der ja in England auf eine große, Jahrzehnte lange Tradition zurückblicken kann (John Osborne, Arnold Wesker u.v.a.). Tautou schafft es, als Französin Englisch wie eine Türkin zu sprechen - ein Kunststück. Und Sergi Lopez ist ein Katalane, der in Frankreich ein Star ist, kein Wort Englisch konnte und dennoch seine Sätze so genial formuliert, dass wir ihm den in London lebenden Spanier Juan abnehmen. Ein multikultureller Film braucht eben eine multikulturelle Besetzung. Dumm nur, dass am Ende alle Englisch sprechen müssen.

Obwohl die Darsteller sehr gute Theaterschauspieler sind und auch Ausstattung, Kamera und Musik überzeugen können, will sich dennoch keine rechte Begeisterung für den Ablauf der Handlung einstellen. Das liegt einerseits daran, dass sie in einem ungewohnten Ambiente spielt, das weitab von Idyllen wie "Notting Hill" (sowohl als Stadtviertel wie auch als Film) liegt. So einen Film hat es noch nie gegeben: ehrlich, engagiert, aber die Asylanten bleiben keine Opfer, sondern wissen sich zu helfen.

Zum anderen liegt es daran, dass der Humor und die Komik sehr britisch und ironisch sind. Das wurde mir erst beim zweiten Ansehen und mit Hilfe des Regiekommentars klar. Zunächst erscheint der Film daher als ernstes Drama und die beiden Hauptfiguren wirken mehr wie ausführende Marionetten eines Drehbuchs denn als selbständig handelnde und motivierte Menschen. Ein Grund mehr, sich den Film mehrmals anzusehen, denn Autor und Regisseur haben etwas Wichtiges zu sagen: Hier (wie in jeder Großstadt) gibt es eine unsichtbare Welt mit Leuten, die man normalerweise nicht sieht - und die interessanter sind als so mancher Star.

Der Humor, wenn er mal zu erspüren ist, erscheint meist recht makaber und von dunkler Ironie. Dass er auch auf Kosten der Einwanderungspolizisten geht, ist eh klar, denn unsere Sympathien sollen auf Seiten der Verfolgten liegen. Jedenfalls lacht hier keiner, nur um mal heiter zu wirken. Die lustigste Szene darf ich hier leider nicht verraten, um die Spannung nicht zu zerstören.

Am besten gefiel mir der schmierige und skrupellose Hotelmanager, der die fiese Energie von Andy Garcia in "Ocean´s Eleven" ausstrahlt. Er verursacht einem eine Gänsehaut, während er Okwe erklärt, wie er für alle seine Klienten "happiness" produziert. Dass dabei so mancher ins Gras beißt, stört ihn wenig.

Der Film heimste zwar laut Klappentext ein paar Preise ein und erntete Lob bei den Kritikern, aber er kam nie in unsere Kinos, wenn ich das richtig verfolgt habe. Dass ihn die Kritiker mögen, ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, dass die harsche Kritik an den Zuständen in der englischen Gesellschaft, die Frears hier übt, selten thematisiert werden, und schon gar nicht in einem Film, der von bekannten Produzenten wie Miramax und BBC Films gemacht wurde.

Bild und Tonqualität (Dolby Digital 5.1) sind einwandfrei, und es hätte mich sehr gewundert, wenn man diesem kleinen Streifen einen DTS-Sound spendiert hätte. Wozu auch? Es gibt keine Actionszenen, keine Mystery, keine Horroreffekte, in denen tiefere Bässe die gewünschte Wirkung herbeizuführen hätte. (Bei DTS sind Bässe und Höhen ausgeprägter, bei DD 5.1 sind die Frequenzen einheitlicher und in der Mitte ausgeglichener.)

Die Dokumentation "Hinter den Kulissen" bildet im Grunde ein sechs Minuten dauerndes Making-of. Wir bekommen die Hauptdarsteller ebenso vorgestellt wie den schon etwas bejahrten Regisseur. Ansonsten beteuern auch Drehbuchautor, ausführender Produzent und der Hauptdarsteller, für wie toll und außergewöhnlich sie den Film halten. Das ist auch teilweise richtig, aber dennoch sieht der Film streckenweise aus wie eine Sozialdokumentation. Es mag ein Film sein, aber es ist nicht das, was sich der Zuschauer, der sich ins Kino bemüht, erwartet: ein Fall für Programmkino und Videomedien.

Der Regisseur erklärt in seinem Audiokommentar, wie und vor allem wo er einzelne Szenen drehte und die Hauptfiguren ins Bild rückte. London scheint eine einzige Hochsicherheitszone geworden zu sein, so dass das Drehen an öffentlichen Orten schwierig geworden ist. So manche Fassade wurde getrickst oder das Set gebaut. Frears ist voll des Lobes über seine Darsteller, besonders über Tautou und Ejiofor. Was ein wenig erstaunt, ist seine Bemerkung, dass dieser Film sehr viele Elemente Alfred Hitchcock verdankt und sogar von "Der dritte Mann" (Pässe!) inspiriert wurde.

Nach einem zweiten Anschauen gewinnt der Film viel mehr an Tiefe, Wärme und Bedeutung. Der Zuschauer nimmt weniger die ungewohnte Umgebung war, sondern kann sich auf seine Anteilnahme am Schicksal der Hauptfiguren konzentrieren. Das lohnt sich auch, und es ist wirklich schön, wie der Film endet: mit Freiheit und Überleben.

Die DVD lohnt sich für Filmfans, die sich spannende Unterhaltung in einem ungewohnten Milieu wünschen, und die sich nicht an dem sozialen Engagement des Regisseurs für die porträtierte Menschengruppe - v.a. Asylbewerber - stören. Der Film hat Witz, Herz und Spannung. Stephen Frears Erläuterungen sind nicht aufdringlich, werden untertitelt und erhellen ein paar für uns ungewohnte Aspekte, zum Beispiel Pflanzen, die wachhalten, oder die Organisation in Sweatshops (Ausbeuterbetrieben). Für ein von so unterschiedlichen Leuten gemachtes Filmprojekt ist ein erstaunlich überzeugendes Werk gelungen.

Dieser Text entstand mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von Michael Matzer. Neben seiner Arbeit in der Welt der Datenverarbeitung schreibt Micheal Matzer professionell Rezensionen im Bereich der phantastischen Medien.

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(keine Angabe)

Spannung:

(keine Angabe)

Brutalität:

(keine Angabe)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Autor:

Frears, Stephen

Verlag:

Miramax

Erschienen:

Jan. 2005

Kritiker:

Michael Matzer

Typ:

Computerspiel

 

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