 | Angst vor dem Sturz Keene, BrianRezension von HyndaraIn letzter Zeit scheinen selbst Klein- und Kleinstverlage das Interesse an deutschsprachigen Autoren immer mehr zu verlieren und halten sich statt dessen meist an englischsprachige Schriftsteller. Hat die Qualität inländischer Texte dermaßen an Würze verloren? Oder ist es inzwischen billiger, Lizenzen zu erwerben, daß selbst mehr oder weniger „Hobby“-Verleger sich eher auf den Reiz eines anglistischen Namens als auf einen „Meier“ oder „Müller“ verlassen wollen? Nun, eines dürfte klar sein: Die Quantität der deutschsprachigen Texte und deren Verfasser hat nicht nachgelassen. Eher ist mit dem Gegenteil zu rechnen, da seit dem Überraschungserfolg eines italienischen Jugendlichen nun auch Teenager schneller nachrücken als bisher üblich. Ein Internetzugang erleichtert es allen Schreibern, ihre Texte irgendwo unterzustellen und einen Verlag zu finden - und sei es durch eigenes Geld entweder durch BoD-Herstellungsverfahren oder den sogenannten Druckkostenzuschußverlagen. Nun, ich möchte hier niemandem etwas unterstellen, am allerwenigsten dem Verleger, der hinter dem Namen „Eloy Edictions“ steht. Walter Diociaiuti steht im Gegensatz zu manch anderem Verleger oder großem Verlagshaus für Qualität, das haben die bisher in seinem Verlag erschienen Bücher gezeigt. Sein Anliegen ist es, als Kenner des Horror-Genres, bisher in Deutschland unbekannte Autoren bekannter zu machen. Ein Anliegen, das auch andere sicherlich verfolgen. Doch kaum einer steht so zu seinem Wort und seiner Kenntnis wie Walter Diociaiuti. In diesem Band der Reihe „Amygdala“ liegt jetzt also das Debüt des amerikanischen Autoren Brian Keene vor. „Fear of Gravity“, oder, zu deutsch „Angst vor dem Sturz“ ist, dem Verfasser zu folge, in einer Zeit persönlicher Glückseligkeit entstanden. Er selbst gibt zu, daß schon allein diese Tatsache etwas merkwürdig ist, scheinen doch andere Autoren des Horror-Genres gerade dann ihre besten Werke zu verfassen, wenn es ihnen schlecht geht. Keene dagegen schreibt im Vorwort klipp und klar, daß dies bei ihm anders gewesen wäre. Nun ja, stellen wir also fest, ob an der Theorie etwas dran ist: Der Band beginnt mit dem Titel „Staub“, in dem Keene bereits auf das neue Trauma der Vereinigten Staaten eingeht: den Terroranschlag vom 11.09.2001. Eine junge Frau hat dabei ihren Mann verloren und fast auch ihr Zuhause. Bei ihrer Rückkehr in die verlassene Wohnung gibt es ... sagen wir, Komplikationen. Horror auf leisen Sohlen, den ich persönlich nicht einmal als solchen bezeichnen würde, sondern eher als Liebe. Erstaunlich einfühlsam für einen Mann. „Babylons Sturz“ wollen die Amerikaner im Irak einleiten, und brauchen dafür mehrere Kriege. Ausgehend vom Datum der amerikanischen Ausgabe scheint es sich hier um den letzten, von George W. Bush jr. offiziell beendeten, von Widerstandskämpfern noch immer am Leben gehaltenen Krieg zu handeln. Eine Gruppe junger amerikanischer Soldaten sollen zum Angriff auf Bagdad durch die Wüste fahren, ein Sandsturm macht dieses Unternehmen unmöglich. Statt dessen finden sich die wenigen Überlebenden nahe eines Ortes, der der Garten Eden sein soll - nur daß es dort ganz und gar nicht idyllisch ist. Hier fährt Keene das erste Mal seinen Horror etwas aus. Seine Schilderungen sind drastisch kurz für das, was er da beschreibt. Nur das Ende will mir nicht so ganz schmecken. Aber so sind sie eben, die Amerikaner ... „Frust in Bethelem“ kommt bei dem Junkee-Ehepaar Mary und Jo auf, nachdem sie wirklich alles verloren haben. Dann aber taucht dieser merkwürdige Fremde auf, der „fünf Minuten“ mit Mary allein sein will. Jo willigt ein, mit einigen Folgen für die Zukunft. Aus dem Untertitel „eine Prosper C. Johnson-Geschichte läßt sich folgern, daß Keene da wesentlich mehr draus machen will. Soll er! Sein Humor hier ist göttlich. „Rotes Holz“ ist alles andere als alltäglich - zumindest in der Art, wie Keene sie in dieser Geschichte beschreibt. Eine Gruppe Wochenendjäger fahren auf die Jagd, die letzte Jagd, da einer von ihnen tödlich erkrankt ist. Nur ... plötzlich werden die Jäger zu Gejagten. Wenn Bäume erwachen, kann das schon was geben. Interessant, wie weit die Phantasie des Autors hier reicht. Für mich eines der Highlights der Anthologie. „Der König in ... Gelb“ ist ein ganz besonderer Schauspieler, wie Roger Finley bald erfahren muß. Nicht nur, daß das Gerücht umgeht, der „King“ würde leben dank dieses eigenartigen Arteurs, nein, die Sache ist härter - und blutiger - als gedacht. Diese Geschichte erschien bereits in dem Kurzgeschichtenband „Der König in Gelb“, der im Festa-Verlag im Rahmen der Lovecraft-Reihe herausgekommen ist. Nichts desto trotz eine solide und spannende Story. Interessant. „Ein Ausweg“ gibt es für das Unfallopfer am Straßenrand nicht mehr, es wird so oder so sterben. Also läßt der Erzähler ihn noch seine Geschichte berichten, ehe er ... Nun, der Rest sollte bis zur eigenen Lektüre warten. Ein weiteres Highlight und mit nur fünf Seiten auch die kürzeste Geschichte des Bandes. Dennoch unglaublich stark in der Bildkraft. „Lila Zeug“ fällt vom Himmel, nachdem der Fesselballon in die Kirche gestürzt ist. Lila Zeug, das alle verändert, die damit in Berührung kommen. Timothy Morrison muß die Erfahrung machen, daß, wer mit diesem Zeug in Berührung kommt, nicht einmal Familienbande halten. Der US-Alptraum Teil 2, diesmal aber mit einigen ... blutigen Details versehen. Leute, nehmt euch vor Fesselballons in Acht! „Gestrandet“ sind die Teilnehmer an der gleichnamigen Spielshow eigentlich nicht, wenn sie auch keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen dürfen und auf einer, auf den ersten Blick, paradisischen Insel festsitzen. Doch am Ende lockt für den Gewinner ein warmer Geldsegen - so er denn überlebt! Hier ein Kompliment an den Autoren: die unterschiedlichen Charakterzüge und die verschiedenen Temperamente sind hervorragend und mit wenigen Worten ausgearbeitet. DAS schafft nicht jeder! Mit „Zysten“ kennt Harold Newton sich aus. Zumindest bisher. Dann aber erfährt er die niederschmetternde Diagnose seines Arztes: Krebs im fortgeschrittenen Stadium, keine Heilung mehr möglich. DAS es aber so schnell gehen würde ... Hier spielt Keene den Rächer aus. Harold, auf den ersten Blick so bieder, ist alles andere als der arme Totkranke. Und irgendwie ist sein Schicksal ... verdient. „Der Garten, meine Tränen“ ist eine längere Erzählung in neun Kapiteln. In einer postapokalyptischen Welt kämpfen die Menschen um ihr Überleben und den stetigen Regen an. Kevin gehört zu denen, die bisher überlebt haben. Nun muß er einen Kampf aufnehmen, mit dem er niemals gerechnet hat ... Das beste kommt zum Schluß, so soll es sein. Keene baut hier mit wahrer Könnerschaft eine Welt auf, die in sich stimmig und ohne Hoffnung ist. Und gerade, als sein Protag ein bißchen Hoffnung findet, ... Hervorragend! Hier ging ein richtiger Film in meinem Kopf ab. So soll eine gute Geschichte sein! Im ganzen läßt sich über den Band sagen, er ist sein Geld wert. Keene geht weiter als der üblich. Solche Stories kannte ich bisher eigentlich nur als „unveröffentlichbar“. Nun, vielleicht sollten die deutschen Verlage noch einmal über diese Aussage nachdenken, denn offensichtlich gibt es wohl doch einen Markt für die etwas härteren Geschichten, die eben einmal nicht von den vermeintlich „Großen“ kommen. Keene hat bewiesen, was er kann, und Eloy Edictions hat wieder einmal auf das richtige Pferd gesetzt. Ein Wort der Kritik muß ich allerdings dennoch anbringen. In zwei Geschichten sind die Figuren teils vertauscht, bzw. tauchen nicht auf, oder nicht so, wie sie sollten. Vor allem in „Zysten“ wirkt dieser Namenswechsel von „Harold“ zu „Marc“ sehr störend, da er über mehr als eine halbe Seite geht. Dies hätte spätestens dem Lektorat auffallen müssen. Ansonsten ein Buch auf gewohnt hohem Niveau, das es sicher zu einem Bestseller bringen wird. Nichts für schwache Nerven, da teils doch recht brutal, aber ein wahrer Lesegenuß der gruseligen Art. Mehr davon! Herstellerinfo: Das Unvorstellbare, Unbegreifliche, Namenlose - es lauert überall. Oftmals unter der dünnen Schale verborgen, die wir als Realität kennen, schielt es bereits auf seine nächsten Opfer. Ob in einer dunklen Seitengasse, einem alten Theater oder einem idyllischen Eiland - fühlen Sie sich niemals allzu sicher. Niemals. „Fear of Gravity - Angst vor dem Sturz“ markiert nicht nur den deutschen Einstand des amerikanischen Horrorschriftstellers Brian Keene, sondern ist zugleich ein beeindruckender Beweis, warum Keene längst zu den ganz Großen des Genres gehört. Ganz gleich, ob klassischer Schrecken oder blankes Entsetzen: Die Klaviatur der Angst beherrscht der u.a. mit dem renommierten Bram-Stoker-Award ausgezeichnete Autor meisterhaft.
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