Schattentänzer Rezension von Torsten Scheib Anders als die meisten Großverlage, deren dunkles Phantastik- bzw. Horrorprogramm aus fast neunzig Prozent Altbekanntem bzw. deren Neuauflagen besteht, gehen Kleinverlage wie der junge, in Augsburg angesiedelte Eloy-Verlag bzw. Herausgeber Walter Diociaiuti den anderen Weg und erlösen uns mit Werken relativ unbekannter, nichts desto trotz keineswegs schlechterer Autoren. Nach der großartigen Anthologie Albions Alpträume, bei der die lebenden Toten im Mittelpunkt standen und gleichzeitig ein beeindruckender Überblick über die britische Horrorszene gewährt wurde, ist nun mit der Kurzgeschichtensammlung Schattentänzer das erste ins Deutsche übersetzte Buch des Schriftstellers Paul Kane veröffentlicht wurden.
Kane, 1973 in Chesterfield geboren, ist neben seiner Tätigkeit als Autor außerdem Fotograph und unterrichtet am Chesterfield College. Und spätestens nach Beendigung von Schattentänzer weiß man zudem, wer seine literarischen Vorbilder sind. Dazu aber gleich mehr. Nach der Einleitung – die von niemand geringerem als dem renommierten Horrorautor Simon Clark stammt – macht Der Folterer den Anfang. Und was für ein Anfang das ist! Kane gelingt es großartig, auf wenigen Seiten das Gefühl von Hilflosigkeit und Paranoia zu erzeugen – in diesem Falle mittels eines Mannes, der sich scheinbar grundlos in einer Art Folterkammer wiederfindet und auf die hässlichsten Arten, die man sich vorstellen kann, malträtiert wird. Doch welcher Grund steckt dahinter? Die Lösung ist ebenso überraschend und schockierend. Astral handelt von einem Mann, der in der Lage ist, seinen Geist vom Körper zu trennen und auf Reisen zu fernen Sternen und Galaxien aufbricht. Bis er schließlich ein furchtbares Geheimnis entdeckt, dass ihn und die gesamte menschliche Rasse betrifft … Ganz klar hallt hier das Echo von legendären Schreiberlingen wie Lovecraft wider, doch Kane meistert auch diese Aufgabe ganz hervorragend. Das Gesicht des Todes hingegen hat mir weniger gefallen. Die aus bekannten Versatzstücken zusammengepuzzelte Story über einen Mann, der das Mysterium des Todes erkunden möchte, hat zwar durchaus Potenzial, verliert aber durch eine gewisse Wirrnis und ein viel zu rasch abgehandeltes Ende viel – zu viel – von seinen Qualitäten. Die namensgebende Geschichte, Schattenschreiber, ist erneut ein Tribut an H.P. Lovecraft – und gelungen. Die Erzählung eines Sachbuchautoren, der mittels einer glücklichen Fügung die Chance bekommt, sein großes Idol – einen zurückgezogenen Schriftsteller von Schauerromanen – zu interviewen, ist spannend und gekonnt umgesetzt worden. Dem Eremiten aus Providence hätte es sicherlich auch gefallen! Beute dagegen ist eine kurze Rachegeschichte, die zwar nicht schlecht, aber in ähnlicher Form schon unzählige Male vorgetragen wurde. Schon etwas mehr Garstigkeit hätte da Wunder gewirkt! Gleiches gilt auch für Sternteich, wenngleich Kanes schöner Schreibstil vieles wieder wettmacht. Klasse Monster! Keine Monster-, sondern vielmehr eine klassische Geistergeschichte stellt Besuchszeit dar. Zwar versucht Kane, die Hintergründe und Motive bis zum Schluß im Verborgenen zu halten, doch der erfahrene Leser weiß natürlich schon sehr bald, was es mit jener geheimnisvollen Krankenstation auf sich hat, die das Zentrum der Geschichte darstellt. In Fassaden lässt Kane einen bekannten, aber leider viel zu selten verwendeten Mythos aus der griechischen Sagenwelt auferstehen – mit Erfolg. Hinter der sachlichen Stimme des Erzählers verbirgt sich eine garstige, mit viel schwarzem Humor angereichtere Geschichte, die Spaß macht. Ähnlich wie Kollege Clive Barker, versucht sich Kane in Im Herzen des Labyrinths an Traumwelten samt absonderlicher Gestalten und Kreaturen. Obwohl großartig in Stil und Ideenreichtum, kann Im Herzen … aber dennoch nur bedingt überzeugen. Das kann man von Die Bones Brothers nun wahrlich nicht behaupten; der vielleicht besten Story des Bandes, in der Kane sämtliche seiner durchaus vorhandenen Qualitäten bündelt und als Resultat eine makaber-garstige Story erzählt, die nicht nur des Titels wegen an eine Kultkomödie aus den frühen 80ern erinnert … Definitiv ein Volltreffer! Die darauf folgende Erzählung Nachtleben – noch eine Monstergeschichte – schließt sich wieder dem guten Durchschnitt an, ist aber eigentlich ebenso schnell vergessen, wie man sie gelesen hat. Verstörend, bizarr, unheimlich – diese Attribute beschreiben sehr gut die Merkmale von Der Blick des Hypnotiseurs, das sicherlich zu den besseren Beiträgen zählt. Opas Sessel – der Titel deutet es ja schon an – ist wieder eine Geistergeschichte. Der besseren Art wohlgemerkt. Der kindliche Protagonist wird von Kane wunderbar dargestellt. Schöne Story. Laut Simon Clark bzw. dessen Vorwort ist Die Krankheit eine der absoluten Höhepunkte von Schattentänzer. Und bedingt muss man ihm da auch Recht geben. Die Idee, eine Art „Entledigung“ der menschlichen Rasse ist originell, unheimlich und stellenweise auch ziemlich blutig geworden. Dennoch hätte Kane gerne auch etwas kompromissloser zu Werke gehen sollen. Schließlich handelt es sich hier um eine HORROR-Erzählung! Die alten Ängste einer jungen Ehefrau stehen in Verdunkelung im Mittelpunkt. Und Kane gelingt es, diese auch überzeugend – trotz der wenigen Seiten – und mit dem richtigen „Biss“ wiederzugeben. In Die Flamme des Sankt Augustus wird der Frage nachgegangen, ob man sein eigenes Schicksal aufhalten oder manipulieren solle, wenn man die Gelegenheit dazu hätte. Keenes Antwort ist – erwartungsgemäß – nicht gerade bejahend. Welchen Teufel den Autor bei Die Beharrlichkeit Dalis geritten hat, wird wohl auf immer ein Geheimnis sein. Trotz der schönen Beschreibungen bleibt unterm Strich eine Erzählung ohne Sinn oder Zusammenhang. Experimentalliteratur sozusagen. Die abschließende Erzählung, Im Auge des Betrachters, wendet sich wieder kosmischen Mächten und der Bestimmung zu, kann aber leider nur bedingt überzeugen. Sicherlich – in die Reigen seiner Vorbilder wird sich Paul Kane noch nicht stellen können. Aber er hat durchaus die Qualitäten dazu. Wer jedenfalls Lust auf „frisches Blut“ hat, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Schattentänzer ist – trotz der einen oder anderen Schwäche – keine schlechte Wahl und bietet kurzweilige Unterhaltung. Datenbank:0.0012 Webservice:0.2943 Querverweise:0.2410 Infos:0.0013 Verlag,Serie:0.0020 Cover:0.0006 Meinungen:0.0022 Rezi:0.0003 Kompett:0.5432 |