 | Heidelberger Requiem Rezension von Anna Veronica Wutschel Aus der Reihe "Alexander Gerlach" Mit seinen 43 Jahren ist er fast zu jung für den neuen Posten. Und dann gerät Alexander Gerlach, kürzlich verwitwet, allein erziehender Vater von Zwillingen, bei seiner Antrittsrede im Präsidium beinah noch aus dem Konzept, als ihm eine hinreißende Frau mit Perlenkette zu charmant zulächelt. Zeitgleich zu dieser kleinen Feier geschieht ein Mord - und so hat Gerlach, der neue Chef der Heidelberger Kriminalpolizei, zu Amtsbeginn umgehend seinen ersten Mordfall zu lösen. Zudem wird er im Verlauf der Ermittlungen immer wieder auf die mysteriöse Frau mit der Perlenkette stoßen, die so verführerisch geheimnisvoll ist, dass Mann fatalerweise gar nicht anders kann und auch nicht will, als sich auf sie einzulassen. Nicht weniger prekär ist der Fall: Patrick Grotheer, Chemiestudent und Sohn des weltberühmten Prof. Grotheer, wird brutal ermordet. Vieles deutet anfangs auf einen Ritualmord, denn der Mörder hat sein Opfer nicht nur langsam verbluten lassen, er hat das Blut auch noch aufgefangen und rätselhaft im Raum verteilt. Als jedoch erste Befragungen ergeben, dass sich Grotheer-Junior seine Penthouse-Wohnung und den Ferrari 456 GT durch den Verkauf illegaler Substanzen finanzierte, kann auch ein Mord unter rivalisierenden Dealern nicht mehr ausgeschlossen werden. So sollen für Kriminalrat Alexander Gerlach die nächsten Wochen ein Kampf an vielen Fronten werden. Zum einen sind da seine persönlichen Probleme: die Frau mit der Perlenkette, eine andere Frau, die ihm nicht aus dem Kopf geht, eine drohende Altersweitsicht, der zu organisierende Umzug nach Heidelberg und natürlich die 13-jährigen Zwillinge. Zum anderen macht ihm der neue Posten zu schaffen: Es fällt ihm nämlich gar nicht so leicht, plötzlich der Chef der Truppe zu sein. Dass er sich weigert, zum reinen Schreibtischtäter zu werden, und so von Beginn an ordentlich in dem Mordfall mitmischt, macht ihn bei seinen Kollegen und Vorgesetzten nicht unbedingt beliebter. Dabei dann aber auch noch zu vergessen, die Staatsanwaltschaft über den Mord zu informieren, macht einen ziemlich unprofessionellen Eindruck. Immerhin scheint Gerlach den Fall im Eiltempo lösen zu können, doch gerade als er glaubt, mit seiner ausgefeilten Verhörtechnik den Verdächtigen weich gekocht zu haben, geschieht ein weiterer Mord. Und dieser entlastet den bislang einzigen Tatverdächtigen, dessen Alibi nicht überzeugender sein könnte. Es beginnt ähnlich wie ein Staffellauf: Spannend, schnell und offensiv - bis dem ersten Fall langsam die Puste ausgeht. Aber Gott sei Dank wird dann der Stab weitergereicht, und ein zweiter Mord zieht das Tempo noch einmal richtig an. Kein Frage, der Fall ist gut durchdacht, am Ende wird es richtig hektisch mit einem fast spektakulären Finale. Einige tragische Momente jedoch, die sich in Gerlachs privater Situation, vor allem aber in dem zu lösenden Fall zeigen, geraten (leider) manchmal etwas ins Hintertreffen, denn Burgers Stil ist ziemlich flott, und so wird teils amüsant, teils flapsig vor allem von Gerlachs Befindlichkeiten erzählt. Das mag dem einen Leser mehr, dem anderen weniger gefallen, drosselt aber auf jeden Fall die Spannung. So ist Heidelberger Requiem in erster Linie sympathisch. Zu erwähnen wäre da zunächst das in vielen Regionalkrimis oft beschworene, beim Lesen aber selten empfundene Lokalkolorit, das doch aus weitaus mehr als der simplen Nennung von Straßennamen besteht, die Einheimische dann wieder erkennen. Wolfgang Burger gelingt es hingegen hervorragend, das Flair und die Eigentümlichkeiten des weltberühmten Neckarstädtchens einzufangen, und so richtig Lust auf die ebenso kleine wie attraktive Stadt zu vermitteln. Und natürlich ist da auch noch Burgers Held Alexander Gerlach, dem seine neue Position selbst etwas unheimlich ist und der mit seinem teils unsicheren, teils recht arroganten Auftreten fast den Fall vermasselt. Mit all seinen Unzulänglichkeiten und (männlichen?) Eigenschaften kann er so eine Menge Sympathie auf seine Seite ziehen. Allerdings - spätestens wenn ich erfahre, wie Gerlach seine Apfelschorle (!) am liebsten trinkt (naturtrüb mit ungezuckertem Apfelsaft, aufgefüllt mit einem fast stillen Wasser), frage ich mich, ob ich nicht langsam schon genug über ihn weiß. Da möchte ich dann viel mehr über die ebenso professionelle wie ehrgeizige, immer sympathischer werdende Kollegin Vangelis erfahren, über Liebekind, Gerlachs Chef, über Sönnchen, Gerlachs Sekretärin. Ja selbst Frau Dr. Steinbeißer, die Oberstaatsanwältin, könnte weitaus interessanter sein ’als so trocken wie ihre Kekse’. Eine Menge Potential liegt in diesem Krimi, der sich mit Alexander Gerlach in Heidelberg ansiedelt und hoffentlich in Serie geht. Heidelberger Requiem erzählt einen sehr logischen, nicht unspannenden Fall auf recht unspektakuläre Weise, dafür aber vor sehr lebendiger Kulisse. Der Beginn einer Serie(?), die ruhig mit weniger, dafür aber etwas bissigerem Humor, mit etwas weniger Gerlach und mehr Augenmerk auf die attraktiv angelegten Nebenfiguren, und eventuell auch mit einem spektakuläreren Fall dem Team um Alexander Gerlach viel Erfolg versprechen könnte!
Eure Meinungen:
| Knazzen Glazzen rabt [Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrraaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa] |
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