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Paris Requiem

Appignanesi, Lisa

Rezension von Anna Veronica Wutschel

1899 am Vorabend der Jahrhundertwende ´brodelte Paris´. "Die Luft kochte. Maschinen zischten. Rauchschwaden waberten. Pfeifen schrillten. Züge ratterten und dröhnten wie gereizte mechanische Bestien. Überall herrschte Hitze und Lärm."

In diesem Moloch der belle époque verzögert das amerikanische Geschwisterpaar Rafael William und Elinor Norton immer wieder die lang angekündigte Heimkehr in das beschauliche Boston. Als ihrer Mutter in Amerika Gerüchte aus dem fernen Europa zu Ohren kommen, ihr jüngster Sohn Rafael habe sich mit einer Künstlerin von äußerst zweifelhaftem Ruf eingelassen, schickt sie dessen Bruder James Alexander, um die beiden abtrünnigen Geschwister endlich zur Heimkehr nach Amerika zu bewegen.
Kaum in Paris eingetroffen, bestätigt sich die mütterliche Sorge: Im von Demonstrationen und anarchistischen Unruhen erschütterten Paris scheint Rafael als Journalist gefährlichen Recherchen nachzugehen. Und der Gesundheitszustand der kränkelnden Elinor ist bestürzend. Eine eigenartige Lähmung hat sich nicht nur über ihr Gemüt gelegt, sie ist auch unfähig zu gehen und keinesfalls reisefähig.
Als James unmittelbar nach seiner Ankunft in Paris der Einladung der mysteriösen Marguerite de Landois folgt, die während ihres Zusammentreffens zum Fundort einer Leiche gerufen wird, ist er innerhalb weniger Stunden in ein Geflecht von Intrigen und Mord verstrickt. Zudem ist die Identifizierung der Toten bestürzend, denn bei der aus der Seine gefischten Leiche handelt es sich um die Künstlerin Olympe Fabre, Rafaels Geliebte, um die Frau also, vor deren zweifelhafter Vergangenheit James seinen Bruder retten sollte. Da keine eindeutigen Indizien auf einen Mord hindeuten, geht die Polizei nur allzu gern von einem Selbstmord aus. Lediglich Chefinspektor Durand verdächtigt Rafael, sich seiner jüdischen, unstandesgemäßen Geliebten entledigt zu haben. Rafael hingegen, der nicht an einen Selbstmord seiner geliebten Olympe glauben kann, ist entschlossen, ihren Mörder zu finden, und bringt schnell ihren Tod in Beziehung mit einer Serie seltsamer Todesfälle. In nur drei Monaten sind sechs Frauen auf mysteriöse Weise gestorben. Den Ermittlungen zufolge handelte es sich bei den toten Frauen um mittellose Herumtreiberinnen, Prostituierte, und da in all diesen Fällen ebenfalls keine eindeutigen Spuren auf Mord verweisen, zeichnen sich die polizeilichen Ermittlungen vorwiegend durch Gleichgültigkeit aus.
Mehr und mehr lässt sich der besonnene James, der sein ruhiges Leben an der Harvad Law School nur widerwillig verlassen hatte, auf Recherchen in zwielichtigen Pariser Vierteln und Etablissements ein; zum einen, um die Unschuld seines Bruders zu beweisen und für dessen Seelenfrieden zu sorgen, zum anderen aber auch, weil die Metropole mit seiner mondänen Lebensart, den lockeren Sitten und den Vorbereitungen auf die Weltausstellung ihn ebenso fasziniert wie die tote Künstlerin Olympe Fabre und die geheimnisvolle Madame de Landois. Doch je näher die Brüder der Lösung der Verbrechen rücken, desto bedrohter scheinen ihr Leben und ihr Seelenfrieden, zeichnet sich doch eine Katastrophe ab.

Lisa Appignanesi hat eine brutale Mordserie in eine Epoche verlegt, die mit all ihren Widersprüchlichkeiten des dekadenten fin de siècle und des sinnlichen Glanzes der belle époque Faszination ausübt. Die Autorin erschafft ein authentisches Panorama, das den nervösen Zeitgeist des Umbruchs zur Moderne hervorragend einfängt. Aus einem privilegierten Umfeld recherchieren die Figuren in einem ebenso mondänen wie verkommenen Paris, das sowohl von Überfluss als auch von Armut sowie von politischer und polizeilicher Willkür gezeichnet ist. Ein im Rückblick naiv anmutender Fortschrittsglaube nach einem Jahrhundert der Kriege und Revolutionen, ein Aufbegehren gegen die bürgerliche Moral treten der Verarmung und Verelendung der Massen entgegen. Die Dreyfus-Affaire, die einen extremen Antisemitismus in der Gesellschaft offen legte und Frankreich in zwei Lager spaltete, verschärfte das politische Klima. Zolas offene Anklageschrift ´J´accuse´, in der er für Gerechtigkeit eintrat, führte zur Revision des fatalen Fehlurteils. Gleichzeitig zeigten sich in diesem politischen (wie menschlichen) Skandal zum ersten Mal der Einfluss der neuen Massenmedien und der damit einhergehende Druck der öffentlichen Meinung.
Somit hat Appignanesi mit feinem Gespür für die Zeit und Kenntnis über die Anfänge des investigativen Journalismus eben dieses Milieu (mit der Dreyfus-Affaire) zu einem wesentlichen Aspekt ihres Romans gewählt. Ein weiterer Schwerpunkt ihres Interesses ist Charcots (Wieder-)Entdeckung des Krankheitsbildes der Hysterie. So spielen viele Szenen in der ´città dolorosa´, dem Krankenhaus Salpêtrière, in dem vorwiegend Frauen und Wahnsinnige behandelt wurden. In dem optimistischen Glauben, Krankheiten erforschen und Gehirnfunktionen entschlüsseln zu können, wurden vor allem Frauen teilweise unter entsetzlichsten Bedingungen behandelt und in den legendären ´Dienstagsvorlesungen´ öffentlich bloßgestellt. Auch hier geht Appignanesi äußerst vielschichtig auf ein sensibles Thema ein und zeigt zugleich die Gefahren eines naiven Glaubens an den Fortschritt, der bis zur Pathologisierung des weiblichen Geschlechts generell, vor allem aber bestimmter Rassen führen sollte.

Insgesamt ist Lisa Appignanesi mit "Paris Requiem" ein differenziertes Bild einer höchst komplexen, in sich widersprüchlichen Epoche gelungen, auf die die logisch durchdachte Handlung hervorragend abgestimmt ist. Die großartig breit angelegte Rekonstruktion einer Ära beeindruckt, kann aber - zumindest mich - doch nur schwerlich begeistern. Bereits die ersten (zu Beginn zitierten) Zeilen des Romans zeigen, dass Appignanesi mit aller Macht in die Abgründe des von Zola beschriebenen Elends der Industrialisierung eintauchen will. Das wirkt nicht nur zitiert, das ist es auch und steht der Schaffung von Atmosphäre immer leicht im Weg. So entsteht nur selten ein Flair der belle époque, eine Schwingung, die den Leser - so wie es z.B. von dem angereisten James behauptet wird - in den Bann ziehen könnte. Und letztlich sind die pathologischen Verweise so eindeutig durch den Text gestreut, dass das Ende weder überraschend noch unberechenbar ist, sondern die Erwartung des Lesers vornehmlich erfüllt. Nichtsdestotrotz, "Paris Requiem" hat etwas! Weniger ist es der Charme (den man der belle époque unterstellen mag) oder der besondere Stil der Autorin, als ihr Wille, eine spannende, vielschichtige Handlung vor einem historisch authentischen Hintergrund zu schaffen. Und das sollte man sich nicht entgehen lassen. Und wer dann angeregt durch die "Paris Requiem"-Lektüre eventuell zu Zola, Proust oder gar Mirbeau greift, der wurde dann doch noch angesteckt, vom nervös elektrisierenden Fieber der vorletzten Jahrhundertwende.

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Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Entspannend)

Spannung:

(Spannend)

Brutalität:

(Jugendfrei)

 

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Kalt ist die See
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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Frankreich, Paris

Zeit:

1899 (belle époque)

Autor:

Appignanesi, Lisa

Verlag:

Rütten & Loening, Berlin

Erschienen:

Mai. 2004

Kritiker:

Anna Veronica Wutschel

ISBN:

3-352-00711-X

ISBN(13):

978-3-3520-071-8

EAN:

9783352007118

Typ:

Hardcover

 

Lisa Appignanesi

 

Lisa Appignanesi wurde in Polen geboren, wuchs aber in Frankreich und Kanada auf. Sie war stellvertretende Direktorin am Londoner Institut of Contemporary Arts, bevor sie freie Autorin wurde. Neben Romanen hat sie u.a. Bücher über Proust, Simone de Beauvoir und die Frauen Sigmund Freuds geschrieben. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in London [mehr]

 

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