 | Pratchett, Terry
Terry Pratchett lebt und arbeitet in einem kleinen Landsitz aus dem 16. Jahrhundert (den er als Bauernhaus bezeichnet). Das Anwesen befindet sich in Wiltshire, welches sich in der Nähe von Salisbury liegt. Der Autor residiert dort mit seiner Frau und - wie er selbst berichtet - einer wechselnden Population von Katzen. Sein Arbeitszimmer beschreibt er als nächste Generation von Roald Dahls Schuppen im Garten. Was er an seinem Büro schätzt, ist das Gefühl von Routine und Arbeitsatmosphäre, das es vermittelt. Aus ähnlichen Gründen hört Pratchett beim Schreiben auch stets eine Menge Musik. Er ist es einfach von seinen Tagen als Journalist gewohnt, vor einer lauten Geräuschkulisse zu arbeiten. Seine Auswahl an Hintergrundklängen beschreibt dabei einen geschmackvollen Bogen von Mozart bis Meat Loaf. Pratchetts Arbeitstag beginnt früh. Noch vor dem Frühstück versucht Pratchett 90 Minuten zu schreiben. Diese empfindet er als die kreativste Zeit seines Tages. So gegen zehn wird dann bei den Pratchetts gefrühstückt. Danach wird die Post sortiert. Dabei legt der Autor wert darauf, den einzelnen Briefen persönlich zu antworten. Schließlich gibt er nach dem Lunch die Arbeit auf, um im Garten ein wenig spazieren zu gehen oder zu töpfern. An den Nachmittagen versucht Pratchett dann selbst ein bisschen zu lesen, um mit den neusten Erkenntnissen aus der Wissenschaft schritt zu halten – oder um sich einfach ein wenig zu entspannen. Manchmal schreibt er dann nachts noch ein wenig. Ungefähr drei Monate des Jahres verbringt der beliebteste lebende Schriftsteller Englands jedoch auf der Straße: mit Touren durch Buchläden oder auf Conventions, um seine Fans zu treffen und seine Bücher zu signieren. Das tut er nach eigenen Schätzungen bis zu 10.000 mal im Jahr. Sein Kommentar: „Wenn das Signieren so weitergeht, werden die wenigen unsignierten Bücher irgendwann viel mehr wert sein, als die mit meiner Unterschrift.“ Doch Pratchett sieht den Trubel um seine Person gelassen. Er liebt seine Fans, zumal es fast nie welche gibt, die ausflippen, aufdringlich werden oder Briefe mit merkwürdigem Inhalt an ihn senden. Er führt dies darauf zurück, dass die Scheibenwelt-Bücher ziemlich verrückt sind, weswegen sie eine Art therapeutische Wirkung hätten: „Wenn man sich darauf einlässt, regelmäßig ein wenig verrückte Dinge zu tun, wird man einfach nie wirklich wahnsinnig und bleibt nur ein wenig verschroben. Es sind die Leute, die 17 Jahre lang ihren Fernseher anstarren, die schließlich die Schrotflinte in die Hand nehmen und auf der Hauptstraße Leute erschießen.“ „Die Phantasie ist wie Alkohol: Zu viel davon schadet der Gesundheit, aber ein wenig macht das Leben lebenswerter. Sie bringt einen ebenso wenig zu fernen Orten wie die Trainigsräder in der Sporthalle, aber sie kräftigt jene Muskeln, die dazu in der Lage sind. Das Träumen mit offenen Augen hat uns dorthin geführt, wo wir heute sind: Während einer frühen Phase unserer Evolution haben wir so gut gelernt, die Gedanken schweifen zu lassen, dass sie mit Souvenirs zurückkehrten.“ Terry Pratchett besitzt ein merkwürdiges Verhältnis zu seinem literarischen Werk. Er kann sich nicht entscheiden, ob er Fantasy schreibt oder nicht. Ein Mann, der jährlich mindestens zwei Bücher veröffentlicht, welche weltweit in den Fantasy-Regalen der Buchläden landen und dabei allein schon in England, seiner Heimat, jeweils beinahe 500 000 Exemplare verkauft, ist mit sich selbst uneins, was er da eigentlich schreibt. Bei einer Bevölkerung von nahezu 49 Millionen Engländern, kauft jeder 98. Engländer den neuesten Roman. Anders ausgedrückt, geht man nach England, kann man sich ungefähr mit jedem 30. Engländer über die Scheibenwelt, Groß-A’Tuin, der riesigen Schildkröte, welche die Scheibenwelt auf ihrem Rücken trägt, Rincewind, dem feigen Magier, der nur einen einzigen Zauberspruch beherrscht und Ankh-Morpork, eine Stadt, die unter anderem für ihre explodierenden Drachen bekannt ist, unterhalten (wenn man davon ausgeht, dass ein gekauftes Buch bestimmt an mindestens zwei weitere Leser weitergereicht wird). Doch der Autor lässt sich von seiner immensen Leserschaft, in welcher der Abstinenzler in Sachen Fantasy-Literatur wohl eher die Minderheit darstellt, nicht beeinflussen. Mal wehrt Pratchett sich gegen das Fantasy-Etikett, mal sagt er, in einer fast schon scheibenweltlerischen Perspektive: „Ach, was soll‘ s, zum Teufel, wenn all die Leute wirklich daran glauben, dass die Scheibenwelt-Romane Fantasy-Bücher sind, dann sind sie es eben.“ Warum dieser Zwiespalt herrscht und vor allem, was ihn so typisch für den graubärtigen Autoren mit den breitkrempigen Hüten macht, der in seiner Freizeit so gerne Blumen züchtet und Schildkröten auf gänzlich unkulinarische Art und Weise mag, zeigt das folgende Porträt. Die Karriere des erfolgreichsten britischen Autors der Gegenwart begann recht unspektakulär. Terry Pratchett wurde am 28. April 1948 in Beaconsfield, Buckinghamshire, England als Sohn von David und Eileen Pratchett geboren. Im Alter von 11 Jahren wechselte er auf die High Wycombe Technical High School, um sich handwerklich zu spezialisieren, da Pratchett bereits in diesem Alter der Meinung war, dass „Tischlern viel spannender ist als Latein.“ Seine Kindheit beschreibt Pratchett als idyllisch. Er lebte in Beaconsfield zusammen mit vielen Freunden, mit denen er viel herumhing und eine Menge Spaß hatte. Pratchetts Eltern ließen ihrem Sohn viele Freiheiten. Später sagt er über sie, dass sie ihm in seinem Leben stets nur „die richtige Richtung“ zeigten und den Rest des Weges ihm selbst überließen. Sie vertraten den Standpunkt, wenn ihr Sohn lese, sei mit ihm alles in Ordnung. Und Pratchett lass gerne und viel. Second Hand Läden für Taschenbücher und die Beaconsfield Public Library besuchte er fast täglich. Am liebsten laß er Science Fiction. Die Schule hingegen gefiel ihm weniger, weswegen er sie auch bereits mit 17 Jahren verließ, um ins Arbeitsleben zu treten. Er leugnet, ein Kind der 60er-Jahre gewesen zu sein, obwohl er zugeben muss, ein paar Blumen auf sein Moped gemalt zu haben. Sein Berufsleben begann der junge Pratchett mit einer Stelle bei einer Lokalzeitung in Buckinghamshire, die er offensichtlich nicht als besonders spannend empfand. Blickt er auf seine Zeit im Provinzjournalismus zurück, findet Pratchett, es sei eine gute Idee, wenn die Society of Authors eine spezielle Abteilung gründen würde, die jungen Schriftstellern interessante Jobs gäbe, von denen sie dann später als berühmte Autoren erzählen könnten. Da es dies aber nicht gibt, gibt es über diese ersten 32 Jahre seines Lebens nicht sehr viel mehr zu sagen, als dass Pratchett in ihnen Provinzjournalist war. Bis 1980 schrieb Pratchett für die Lokalzeitung in jeder erdenklichen Sparte, für die man in einer Lokalzeitung schreiben kann: Die Frauenseite, die Kinderecke, Lokalpoltisches usw. ... aber niemals für den Sportteil. Allerdings sagt Pratchett später über seine Zeit beim Lokalblatt in Buckinghamshire, dass sie ihm als Schreibschule gutgetan habe. Man lerne, unter den unmöglichsten Umständen regelmäßig zu schreiben, auch wenn die Ideenpartikel einem nicht gerade wie ein Meteoritensturm die Mondoberfläche heimsuchen. Vor allem aber sei es sehr wichtig, das man sich an Abgabetermine gewöhnt. Hier hat Pratchett offensichtlich auch sein Verständnis vom Job eines Schriftstellers gewonnen. Seinem klaren, filmischen und plastischen Schreibstil, der vor allem durch aufwändige und sehr witzige Dialoge glänzt, ist anzumerken, dass Pratchett genau weiß wie man sich ausdrückt und seinen Leser erreicht. Ein Talent, das seine Beliebtheit wohl ausmacht, hat er dies doch vielen anderen Autoren voraus. Bescheiden, wie er ist, redet Pratchett von sich selbst eher als Handwerker, denn als Künstler, der bei Lesern nur folgende Wirkung erzielen möchte: Er will Menschen, die 4, 99 $ in der Tasche haben, zu Menschen machen, die keine 4, 99 $ in der Tasche haben. Nach seiner Tätigkeit im Provinzjournalismus wechselte der inzwischen 32-jährige Pratchett zum Central Electricity Generating Board, um seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Er befürchtete, zu eingleisig zu werden und scheute den Gedanken, sein ganzes Leben bereits vorbestimmt als klare Linie vor sich zu sehen. Bei der CEGB bekam er nach einer Weile den Posten als Pressesprecher, den er bis 1987 ausfüllte. Eine Menge Leser denken bis heute, dass Pratchett eine Art wissenschaftliche Bildung besitzen müsse, weil er in der Hightech-Industrie gearbeitet hat. Heute wohnt Terry Pratchett mit seiner Frau Lyn in einem – wie er selbst sagt - „kleinen Landhaus“, in der Kleinstadt Wiltshire. Pratchett legt wert darauf, dass sein kleines Landhaus genau das sei: ein kleines Landhaus auf dem Lande, kein Schloss, wie manche amerikanischen Journalisten behaupten. Allerdings beherbergt es wohl sechs verschiedene Schlafzimmer, ist gut um die 400 Jahre alt und besitzt die vom Autor als etwas störend empfundene Eigenschaft wenig rechte Winkel aufzuweisen. Seine Tochter Rhianna studiert, was der Autor im gewissen Sinne bedauert, da sie deswegen selten zu Hause ist. Trotz seines weltweiten Millionenleserschaft und seines damit einhergehenden beträchtlichen Vermögens (Schlagzeilen schätzen das Privatvermögen des Autors auf fast 30 Millionen Pfund, was dieser selbst für maßlos übertrieben hält) ist Pratchett eine charmante und angenehme Persönlichkeit geblieben. Er macht sich noch heute die Mühe, seinen Fans auf Conventions offen und freundlich zu begegnen, bereitwillig Bücher zu signieren und seine Fanpost selbst zu beantworten. Er lässt diese gerne von seiner Frau zuvor lesen und sortieren , weil er sie danach immer in praktische Kategorien unterteilt auf dem Schreibtisch findet: -
Dinge, die wirklich heute erledigt werden müssen -
Dinge, die schnell nach einer Antwort verlangen -
Fanpost mit Briefmarken oder besonders interessantem, wertvollem oder witzigem Inhalt -
Andere Post von Außerhalb -
Andere Post Nachdem er die Post dann gelesen hat, liegt sie jedoch in einem Wirrwarr wieder auf dem Tisch, die eine gänzlich andere Rangfolge aufweist: -
Briefe von Kindern -
Briefe, die mit einer Schreibmaschine geschrieben wurden -
Leserliche Briefe -
Interessante Briefe -
Andere Briefe -
Briefe, die mit grüner Farbe auf violettem Papier geschrieben wurden -
Brief, die mehr Ausrufezeichen enthalten, als ein Mensch, der bei klarem Verstand ist, setzen würde Und trotz der Anstrengungen, Bücher zu schreiben, Interviews zu geben (und Pratchett gibt eine Menge Interviews), Bücher zu signieren (was für ihn eine befremdende Tätigkeit ist, da er findet, dass die meisten seiner Bücher ohne Tintenkleckse besser aussehen), sich um Film- und Lizenzrechte für die Scheibenwelt zu kümmern und täglich um die 60 Briefe zu beantworten, ist Pratchett täglich dafür dankbar, dass er mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt verdient. „Ich bekomme eine Menge Geld dafür, dass ich das mache, was ich sowieso gerne machen“, kommentiert Pratchett seine Arbeit. „Meine Fans sind alles für mich.“ Tatsächlich hat Pratchett nicht nur in England eine riesige Fangemeinde. Seine Bücher haben sich weltweit über sechs Millionen mal verkauft und wurden bislang in 26 Sprachen übersetzt (eigentlich waren es mal 23, aber schließlich hat der Niedergang der Sowjetunion die Statistik erheblich durcheinander gebracht). In den letzten 15 Jahren hat Pratchett somit der Welt über 23 Scheibenwelt-Romane geschenkt. Und diese Zeilen hier können gar nicht schnell genug gedruckt werden, ohne dass diese Zahl nicht bei ihrem Erscheinen längst größer geworden ist. Ein Ausstoß an Werken, mit dem sich nur wenig andere Autoren messen können, beachtet man vor allem noch die hohe Qualität, welche jedes einzelne Buch aufweist. Aber Pratchett immerhin behauptet von sich auch, dass Schreiben für ihn keine wirkliche Arbeit, sondern sein natürlicher Zustand sei. Das Geheimnis, das die Qualität seiner Bücher ausmacht, ist die spezifische – sozusagen Pratchett‘ sche - Perspektive, in der seine Geschichten erzählt werden. Pratchett beschreibt die Charaktere nach der Erscheinung, die sie in der Welt hinterlassen, nicht nach ihrem Aussehen. Trotzdem hat Pratchett damit zu kämpfen, als Autor nicht respektiert zu werden (was vielleicht daran liegt, dass er selbst fast nie ernst ist) Es ärgert ihn, dass Fantasy als Literatur keinerlei Beachtung geschenkt wird. Dabei ist seiner Ansicht nach Fantasy die älteste Form der Literatur. Und so seien seine Scheibenwelt-Romane, einerseits natürlich auch als Fantasy-Romane geschrieben. Andererseits sieht er sie als Gegengift für alle mannigfaltigen Trilogien draußen in den Buchläden, in denen stets ein Held tun muss, was das Schicksal für ihn bestimmt. Man kann also sagen, dass der, wie eingangs bereits erwähnt, in unseren Längengraden am meisten gelesene Fantasy-Autor ein sehr zwiespältiges Verhältnis zur Fantasy-Literur hat. Was, wie Pratchett mit seinem selbstironischen Witz wahrscheinlich sagen würde, wahrscheinlich der Grund ist, aus dem so viele Leute seine Fantasy-Romane lesen. Diese Romane sind eben keine puren Fantasy-Romane, die in ihrem Aufbau und ihrer Motivwahl nichts weiter machen, als die Erwartungshaltung des Fantasy-Lesers, die durch den Herrn der Ringe geprägt wurde, zu befriedigen. Zum Herrn der Ringe hat Pratchett ein sehr gemischtes Verhältnis. Einerseits respektiert er Tolkien, weil er das getan hat, was er am besten konnte. Andererseits verflucht er im gewissen Sinne dessen Werk. Pratchetts Meinung nach hat Der Herr der Ringe die Fantasy-Literatur eingeengt. Vor Tolkien waren Lord Dunsany und Edgar Rice Burroughs ebenso Fantasy wie keltische Sagen oder Märchen. Nach Tolkien gäbe es nur noch Halblinge, Orks, Zauberer und Trilogien. Pratchett jedoch hat in seinem Leben zu viel anderes gemacht, als dass er diese Art von Fantasy schreiben könnte. Aufgrund seiner Vergangenheit, in der er viel mit Menschen zutun hatte, viele Orte besucht und die unterschiedlichsten Dinge gesehen und erlebt hat, ist es für ihn wichtig, die Perspektive seiner Bücher auf menschliche Themen zu konzentrieren. Seine Scheibenwelt ist spätestens seit dem dritten Roman nur ein Vehikel für diese Perspektive. Ganz am Rande ist sie auch eine Parodie, nur das niemand so genau weiß, worauf eigentlich. Fantasy parodieren seine Bücher auf jeden Fall nicht, dessen ist der Autor sich sicher. Auch hat Pratchett für einen richtigen Fantasy-Autoren ein viel zu distanziertes Verhältnis zu den Autoren und Werken des Genres. Zwar lese er auch ab und zu mal einen Fantasy-Roman, um zu wissen, was auf dem Feld so passiert. Eigentlich liest er selbst jedoch lieber Bücher aus anderen Bereichen, die auch möglichst keine Romane sein sollten. Denn schließlich wolle er in sein Werk Ideen einbringen, die es inspirieren und nicht recyclen. Pratchett möchte seine Leser stets mit neuen und überraschenden Themen und Sichtweisen konfrontieren, weswegen er die Eigenart von herkömmlicher Fantasy, seinen Lesern stets die gleichen Mythen immer wieder neu zu erzählen, mit Befremden betrachtet. Somit sind Pratchetts Bücher bestimmt auch das, was man landläufig unter Fantasy versteht. Aber sie sind auch mehr als Fantasy. Sie sind auch mehr als nur einfache Satiren. Die Scheibenwelt-Bücher sind viel mehr kleine Artefakte, angefüllt mit kleinen Weisheiten kleiner Leute, die einen etwas merkwürdigen Blick für die Realität haben. Dieser kommt aber nur uns so merkwürdig vor, da wir nicht in der Scheibenwelt leben, die jedoch trotzdem die entscheidenden Eigenarten unserer Welt auf sich vereint. Insofern kann man Pratchett bestimmt als ambitionierten Autoren bezeichnen, der also etwas mehr als das schreibt, was man landläufig unter Fantasy versteht. Warum Pratchett jedoch trotz allem für seine Bücher den Hintergrund der Fantasy benutzt, lässt zwei Gründe vermuten: Erstens wäre sein Stil zu nahe an dem von Douglas Adams, um Science Fiction zu schreiben, die Pratchett als Genre ansonsten eher zusagt. Zweitens verbrachte Pratchett einige Zeit als Spielleiter und Spieler von D&D. Und dieses Spiel scheint ihn mächtig geprägt zu haben: „Ich erhielt einen fabelhaften Eindruck in die menschliche Natur, als ich das Spielprinzip von D&D sechs Damen erklärte, die in der Anzeigenabteilung eines Lokalblattes arbeiteten. Sie sprangen schnell darauf an, und ich begann ein kleines Szenario mit ihnen, das ich in- und auswendig beherrschte. Sie hatten sofort eine zentrale Idee begriffen: Folter jeden und sacke alles, was du kriegen kannst, ein. Es war ein hübsches Szenario. Es gab Helfer darin und Bösewichte, Leute auf ihrer Seite und Monster. Sie kümmerten sich nicht drum. Sie traten Türen ein – kein vorsichtiges Anpirschen, sie stürmten mit gezogenem Schwert durch. Was sie nicht verstanden, warfen sie weg. Weg waren diverse Hinweise, Geheimschlüssel und Pergamente, aber alles, was als Schatz zu erkennen war, ging in den Sack. Schließlich kamen sie mit zwei Trollen und einem Zombie aus dem Dungeon, die sie zu Lasttieren gemacht hatten. Das war das erste Mal, dass ein Dungeon vergewaltigt worden war – es war nichts übrig geblieben.“ Klingt nach einer Geschichte von der Scheibenwelt. Und zumindest Truhe, das Gepäckstück aus intelligentem Birnbaumholz, ein Liebling aller Scheibenwelt-Leser, ist ursprünglich einmal ein D&D-Charakter von Pratchett gewesen. Wer weiß, wieviel der Autor noch aus seinen Spielrunden in seine Romane einbringt. Pratchett hat sich erst spät für eine Karriere als Schriftsteller entschieden, obwohl er seine erste Kurzgeschichte, The Hades Business, bereits in den 60er-Jahren mit 13 in der Schülerzeitung abgedruckt wurde, und zwei Jahre später im Science Fantasy Magazin. Sein erster Roman war ein Kinderbuch mit dem Titel Die Teppich Völker (The Carpet People), der 1971 veröffentlicht wurde. Ihm folgten die beiden Bücher Die dunkle Seite der Sonne (The Dark Side of the Sun) 1976 und Strata (Strata) 1981, beides SF-Parodien auf Space Operas. In ihnen geht es um die Suche nach einer mysteriösen, flachen Welt ... Aber Pratchett sah sich erst viel später dazu veranlasst, seinen Job bei der CEGC aufzugeben, um professioneller Schriftsteller zu werden. Das erste Buch in der Scheibenwelt-Serie, mit welchem der Siegeszug von Pratchetts Romanwerk begann, war Die Farben der Magie (The Colour of Magic), das 1983 als gebundene Ausgabe in England erschien. Bereits 1984 folgte mit Das Licht der Phantasie (The Light Fantastic) seine Fortsetzung. Pratchett selbst versteht diese beiden Bücher jedoch als Vorstufe zu seinem späteren Werk. Die Geschichte der Scheibenwelt, betrachtet er als seine eigene Geschichte als Autor. Die ersten Bücher sind seiner Meinung eher als Spaß zu verstehen, wohingegen er in den späteren Büchern langsam seinen eigentlichen Stil entfalte. Die Idee zur Scheibenwelt kam Terry Pratchett im späten Alter von Anfang 30. Mit der Scheibenwelt wollte er ein übliches Fantasy-Universum geschaffen, das jedoch von Leuten besiedelt ist, die tatsächlich darin versuchen zu überleben. Sie ähneln in ihrem Verhalten eher den Menschen unseres 20. Jahrhunderts als irgendwelchen Fantasy-Helden. Ein etwas besonderes Verhältnis besitzt Pratchett zu den deutschen Ausgaben seiner Bücher. Zum einen liegt das daran, dass er recht oft mit dem deutschen Übersetzer zutun hat, dem er manche Witze erklären muss. Oft bekommt er Faxe, die ihn fragen warum dies oder jenes witzig sei. Pratchetts Antwort: „Gott, ich weiß es nicht. Irgendwie muss Englisch dazu gemacht worden sein, um Bedeutung zu verstecken. Deutsch scheint mir eher dazu da zu sein, um Präzisionsmotoren zu konstruieren.“ Hinzu kommen seine Schwierigkeiten mit dem ursprünglichen deutschen Verleger Heyne hatte. Teils amüsiert, teils verärgert berichtet er über die Angewohnheit des Verlages, mitten in seinen Text Werbung für Tütensuppe zu platzieren. Da der Verlag trotz wiederholter Aufforderungen dies nicht unterließ, sah er sich gezwungen zu Goldmann zu wechseln. Sein Kollege Ian Banks, der unter dem gleichen Problem litt, entschied sich für eine witzigere, eigentlich eher für Pratchett typische Form des Protests: Bei einer Convention riss er die betreffenden Seiten aus der deutschen Ausgabe eines seiner Bücher, bekundete, hungrig zu sein und verspeiste sie. Dies wiederum erzeugte bei Pratchett Verwirrung. Er fragte sich, wie ein Mann mit einem offensichtlich so gutem Geschmack die Croutons vergessen konnte. In den letzten 15 Jahren schrieb Pratchett schließlich alle Scheibenwelt-Bücher nach Das Licht der Phantasie (The Light Fantastic). Das sind zwei Bücher pro Jahr. Was die Frage aufwirft, wie lange Pratchett diese gewaltige Geschwindigkeit, mit der er seine Bücher produziert, noch halten kann oder ob nicht bald das Ende der Scheibenwelt-Serie droht. Mit entsprechender Ironie antwortet Terry Pratchett selbst auf die Frage, wie viele Bücher man von ihm noch zu erwarten habe, dass sein Vater 97 Jahre alt wurde. Und da er davon ausgehe, dass seine Lebenserwartung ähnlich hoch sei, habe er noch genug Zeit für ein paar Bücher. Außerdem gäbe es für ihn keinerlei Grund aufzuhören: „Ich mag es, Scheibenwelt-Bücher zu schreiben, meine Herausgeber mögen es, sie herauszugeben, die Leser mögen es, sie zu kaufen; es wäre irgendwie dumm damit aufzuhören. Es wäre falsch zu behaupten, dass das Ganze nicht irgendwie anstrengend wäre – tatsächlich ist es sogar sehr anstrengend – aber es tut nicht weh. Ich tu nichts, was ich nicht tun möchte.“ Allerdings gibt er auch zu, dass vielleicht einmal eine Zeit kommen mag, in der er das Gefühl haben wird, die Scheibenwelt sei einfach voll. Wenn dieser Zeitpunkt kommt, wolle er aufhören. Immerhin räumte Pratchett kürzlich in einem BBC-Interview ein, nach dem 25. Scheibenwelt-Roman eine Pause einlegen zu wollen, um sich anderen Büchern zu widmen. Was für Bücher dies wären, verriet er allerdings noch nicht Marcus Johanus |
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