 | Tod auf der Piazza Dibdin, Michael; Schlootz, EllenRezension von Victoria Aus der Reihe "Aurelio Zen" „Back to Bologna“, wie der Originaltitel des Krimis „Tod auf der Piazza“ lautet, ist Kommissar Aurelio Zen. Er soll den Mord an den skrupellosen Industriellen und Eigentümer des ortsansässigen Fußballclubs Lorenzo Curti aufklären. Kurz nach Zens Ankunft in Bologna wird – mit derselben Waffe mit der Curti getötet wurde - auf den Semiotikprofessor Edgardo Ugo geschossen. Die Zusammenhänge beider Taten sind zunächst nicht nachvollziehbar…. Doch im Laufe seiner Ermittlungen bringt Aurelio einige Informationen über Korruption, gekränkter Eitelkeit und Fanatismus zu Tage. Fußball und Korruption sind in der italienischen Gesellschaft aktueller denn je. Einen weltweit angesehenen, beliebten Semiotikprofessor gibt es auch in Bologna. Und das stets der Bevölkerung Lügen präsentierende Fernsehen ist auch nicht erfunden. Allerdings sind sämtliche Geschehnisse in Michael Dibdin leider in deutscher Sprache betiteltem Krimi „Tod auf der Piazza“ frei erfunden. Und doch scheint alles sehr nahe an der Wirklichkeit angesiedelt zu sein. Die Beobachtungsgabe des Venezianers Zen mit entsprechender Urteilsfähigkeit bieten dem Leser ein deutliches Bild des heutigen Italiens. Bei dem „Überraschungsangriff auf die Familienresidenz der Amadori“, (dieser Besuch galt seinem beruflich bedingten Interesse für den Sohn der Amadoris), hatte er das Vergnügen, die Wohnung der Hausangestellten zu Gesicht zu bekommen: „Carlottas Reich war offensichtlich der einzige in seiner ursprünglichen Form erhaltene Teil des Hauses, der aus Kostengründen – schließlich braucht man Dienstboten nicht zu beeindrucken - von der Renovierungswut der Aufsteiger etwa zwei Jahrhunderte früher verschont geblieben war. Obwohl die Küche makellos sauber war, wirkte alles dennoch abgenutzt, uneben, minderwertig und irgendwie gedrungener, als es von den tatsächlichen Abmessungen her eigentlich sein konnte. Die einzelne Fünfzig-Watt-Birne war ihr zweifellos von ihren Arbeitgebern aus den gleichen wirtschaftlichen Gründen aufgenötigt worden, die dafür gesorgt hatten, dass der ganze Raum unangetastet geblieben war, doch wie ihr trüber Schein sanft und einschmeichelnd von den Fliesen am Boden reflektiert wurde, war unbezahlbar.“ Liebevoller kann man wohl kaum eine heimische, geborgene Atmosphäre beschreiben. Zum einen wird an dieser Stelle deutlich, dass eine Bedienstete als Mensch zweiter (oder gar dritter) Klasse angesehen wird; zum Anderen, dass man mit Prunk auch vieles zerstören kann; zum Beispiel Geborgenheit. Eine weiteres Beispiel für italienische Bourgeoisie ist die Tatsache, dass das italienische Wörterbuch Zingarelli (vergleichbar dem deutschen Duden) Probleme mit der 11. Auflage hatte, weil das Wort „masturbazione“ als Stichwort in Fettdruck oben stehen sollte. Eine solche Verklemmtheit nach Freud sowie der 68er-Bewegung ist leider heutzutage noch in Italien anzutreffen. Eine italiensche Eigenart, schnell ins Extreme zu geraten, wird an dem Schuss auf den Semiotikprofessor deutlich. Ein gedemütigter süditalienischer Student wollte nur einen Warnschuss auf die Statue abgeben, die der Gelehrte aus feinstem Carrara-Marmor als Kopie eines Werkes von Marcel Duchamp, das einstmals in Massenproduktion angefertigt wurde (Umkehrung der Werte: Massenprodukt zur Einzigartigkeit), anfertigen lies. Diese Statue, die „in der Schmutzecke, in die Penner heimlich pinkeln gingen.“ platziert wurde, war Ziel des Studenten, doch die Kugel prallte vom polierten Marmor ab und „musste irgendwo in Ugos Körper gelandet sein.“ Empfehlenswerte Lektüre, nicht nur für Italien-Liebhaber.
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