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Die Fährte

Nesboe, Jo

Rezension von Lina

Der Morgen scheint nicht außergewöhnlich, bis ein maskierter Mann in eine Osloer Bankfiliale stürmt. Weil der Filialleiter 6 Sekunden länger als vorgegeben braucht, um das Geld aus dem Automaten zu holen, erschießt der Täter die junge Angestellte Stine Grette.

Als ob dieser Fall für den Hauptkommissar Harry Hole nicht schon verzwickt genug wäre, wird er selber in einen Mordfall verwickelt. Seine ehemalige Geliebte Anna wird erschossen in ihrer Wohnung aufgefunden. Dummerweise war Harry am Todesabend mit ihr verabredet und wachte am nächsten morgen zu Hause mit einer Gedächtnislücke des Vorabends auf.

Ihr Tod wird recht schnell als Selbstmord abgetan, und Harry verschweigt zunächst, dass er die Tote überhaupt kannte.

Parallel ermittelt er nun mit seiner neuen Kollegin und Spezialistin für Videoanalyse Beate Lonn an dem Überfall und versucht zeitgleich aufzudecken, dass es sich bei Annas Tod nicht um Selbstmord handeln kann.

Hierbei gerät er in eine Zwickmühle aus Intrigen, Betrug, Hass und vor allem Rache. Annas Familie gehört nämlich einem Zigeunerstamm an, und in deren Geschichte erfährt und lernt Harry vieles über Blutrache und Familienfehden. Ihr Onkel hält die Stricke einer Art Mafia aus dem Gefängnis zusammen, und Harry versucht mit seiner Hilfe auf die Schliche des Bankräubers zu kommen. Harry und wir als Leser geraten immer wieder auf Fährten. Wer ist aber der brutale Bankräuber? Musste Stine Grette sterben, weil sie ihren Mörder kannte? Und welche Rolle spielt Anna in dem Ganzen?

Der 556 Seiten starke Roman ist viel zu komplex, um nur ansatzweise die Geschichte so spannungsgeladen wiederzugeben, wie sie wirklich ist. Deshalb kann man die Zusammenfassung oben wirklich nur als grob umrissen ansehen. Wirklich gepackt hat er mich bereits bei den ersten Seiten. Das Spiel zwischen Spannungsaufbau und schlichtem Erzählen beherrscht er perfekt und setzt dieses genau an den richtigen Stellen zur richtigen Zeit ein. Im ganzen Buch gibt es keinerlei Längen, unlogische Verhaltensweisen der Charaktere oder an den Haaren herbei gezogene Schlussfolgerungen. Die Story lebt von ihren Details. Hier handelt es sich nicht um ein paar gruselige Morde, um die eine Geschichte gesponnen wurde, sondern um eine gut durchdachte, sehr komplexe Geschichte, in der eben auch ein paar Morde stattfinden.

An dieser Stelle verzeihe ich dem Autoren auch, dass gelegentlich Zufälle geschehen, die ein klein wenig zu weit her geholt sind. Zum Beispiel: ausgerechnet der Hauptkommissar Harry war bei Anna an dem Abend. Zufällig ist Annas Onkel Raskol so eine Art Mafiaboss und kennt alle Bankräuber des Landes. Aber wie gesagt, das sind Kleinigkeiten, die in jedem Roman auftauchen.

Hinzu kommt sicherlich, dass Nesbo die Charaktere sehr präzise zeichnet, so dass man mit Harry Hole gemeinsam ermittelt und ihm nicht nur dabei zusieht. Harry Hole ist zudem eine Person, die zwar eigentlich den typischen Skandinavien-Krimi-Antihelden widerspiegelt, dennoch aber etwas ganz Eigenes hat. Trotz regelmäßiger Alkoholabstürze, Frauengeschichten und dem leicht derben, schmuddeligen Auftreten hat er doch eine sehr liebenswerte, geradlinige Art, so dass ich ihn doch gerne mag. Das mag vielleicht daran liegen, dass der Autor hier auch Dinge in Szene setzt, die wir sonst eher selten in Romanen finden. (Toilettengänge, das morgens zerknitterte Gesicht, das schmuddelige Hemd, in dem man sich nach einem langen Arbeitstag nicht mehr wohlfühlt.)

Gut gelungen finde ich auch die fortlaufende Geschichte zum Vorgängerbuch „Rotkehlchen“. Der Autor legt zwar Wert, dass diese stimmig ist, es ist aber nicht Grundvoraussetzung für diesen Roman, „Rotkehlchen“ zu kennen. Die wichtigsten Details werden hier noch mal in Kürze – das ist wichtig – erklärt und erzählt, was aber selbst den kundigen Leser nicht langweilt.

Was mich weiterhin komplett von diesem Roman / Thriller überzeugt ist, dass die Geschichte keine Tiefen hat. Die Handlung geht Schlag auf Schlag, und trotzdem habe ich nicht das Gefühl, bombardiert zu werden wie zum Beispiel beim Autoren-Kollegen Dan Brown, der mich dann doch zu sehr an James Bond erinnert und bei dem ich mich innerhalb der Geschehnisse manchmal, ein bisschen zuviel des Guten, überrumpelt fühle. Die Stimmigkeit des Erzählens und des Spannungsaufbaus habe ich weiter oben schon mal erwähnt. Hier spüre ich aber nicht dieses typisch „gelernte“ Autoren-Handwerk (Hin- und Herspringen in Szenen, immer lürzere Abstände etc.), sondern wieder diesen sehr eigenen Stil.

Sicherlich kann man hier ein paar Lorbeeren dem Übersetzer übertragen, denn dieser ist natürlich mitverantwortlich für die Atmosphäre, die in einem Buch rüberkommen soll.

Letztendlich bin ich auch von diesem Jo Nesboe-Roman vollends überzeugt. Die Kombination aus Thriller und Roman, dem sympathischen Antihelden und dem Erzählstil verleiten mich dazu, dieses Buch als exzellent zu bezeichnen.


Eure Meinungen:


Ich stimme der Verfasserin voll zu, wenn Sie meint der Übersetzer spielt eine große Rolle. Ein sehr gelungenes Buch.
[Klaus-Peter Kurzweg]

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Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Norwegen, Oslo

Autor:

Nesboe, Jo

Verlag:

Ullstein, Berlin

Erschienen:

Nov. 2004

Kritiker:

Lina

ISBN:

3-548-25958-8

ISBN(13):

978-3-5482-595-1

EAN:

9783548259581

Typ:

Taschenbuch

 

Jo Nesboe

 

Jo Nesbø wurde 1960 in Oslo geboren. Er war zunächst als Finanzanalytiker und Ökonom für die norwegische Handelshochschule in Bergen tätig, arbeitete nebenberuflich als Journalist, bevor er sich als Schriftsteller selbstständig machte. [mehr]

 

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