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Die dreizehnte Dame

Somoza, José Carlos

Rezension von Karl-Georg Müller

Den Literaturdozenten Salomón Rulfo plagt ein bitterer Traum, derart furchtbar, dass er im Grunde psychologischer Hilfe bedarf. Doch er wendet sich an den Hausarzt Ballesteros, der zuerst eine medikamentöse Behandlung empfiehlt, dann jedoch auf den Kern solcher Träume verweist: irgendetwas hat das Gehirn gespeichert, etwas Wahres, das in den Nächten in Rulfo herbeigerufen und ihn verzweifelt aufwachen wird. Die Schlaflosigkiet erstaunt nicht, denn Rulfos Traum ist grässlich: Eine skrupellose Gestalt dringt in ein vornehmes Anwesen ein, tötet zwei Frauen – wohl Hausangestellte – im Erdgeschoß und begibt sich zielsicher nach oben, um dort letztlich sein eigentliches Opfer auf grauenvolle Weise zu ermorden.

Und was noch belastender ist: Eine ältere Tagesnachricht klärt Rulfo auf, dass sich das geträumte Verbrechen wirklich vor wenigen Monaten ereignet hat. Ballesteros schließlich sieht sich genötigt, Rulfo an den Tatort zu begleiten, um ihn doch von den Ängsten zu befreien. Das misslingt. Stattdessen wird Rulfo in einen Strudel unerklärlicher Ereignisse hingezogen, aus dem er sich, je weiter er darin versinkt, umso weniger lösen kann. Auf mysteriöse Weise trifft er mit Raquel zusammen, einem Straßenmädchen, ebenso wie er von dem Todes-Haus fasziniert, weil sie dasselbe träumt wie er. Was kommen muss, geschieht – sie gehen den Weg gemeinsam zum Haus, dringen endlich auch dort ein, was Ballesteros zuvor mit ihm nicht wagte, und entdecken in einem „vergessenen, toten Aquarium“ eine menschliche Figur, eingeritzt in das wachs- oder plastikähnliche Material der Name „Akelos.“

Die gesamten Umstände, die bedrückende Atmosphäre, das unerklärliche Auftauchen des Mädchens, zwingen Rulfo förmlich dazu, seinen früheren Mentor César Sauceda aufzusuchen. Ein heikler Besuch, denn mit seiner jüngeren Frau Susana verbindet Rulfo mehr als nur bloße Freundschaft. Doch über die belanglose Konversation hinaus öffnet sich Rulfo seinem Ziehvater – und erntet im Gegenzug eine Information, die bald beide zu Verbündeten werden lässt. Der österreichische Professor Rauschen erzählte Sauceda eine sehr eigenwillige Geschichte, die beinahe verschüttete Erinnerungen in ihm wachrief. An den Tod seines Großvaters, an einen verstörenden Abend mit ihm, an seine Erzählung von dreizehn Damen, vorgetragen aus einem spröden Heft. Das alles erwacht in neuem Licht, als Rulfo sein Erlebnis schildert.

Natürlich, Rulfo, Sauceda und Susana wagen sich tiefer in das Geheimnis um die dreizehn Damen, entschlüsseln in der immer schrecklicheren Gewissheit, mit jedem Schritt dem eigenen Tode näher zu sein, die unglaubhaften Rätsel. Die sind eng verbunden mit den Dichtern aus allen Zeitaltern, denn was schon Rauschen wusste, ist: „dass ein Dichter von einer äußeren Macht ‚besessen’ sei.“ Dahinter steckt viel mehr, als Rulfo und seine Freunde in ihren schlimmsten Träumen erfahren können. Die Dinge entwickeln sich geschwind in eine ausweglose Richtung, ohne dass sie noch mehr als marginalen Einfluss darauf haben. Das Ende des Buches ist nicht erlösend ...

Für das hoch gelobte Buch „Das Rätsel des Philosophen“ wurde dem spanischen Autor José Carlos Somoza in England der „Gold Dagger“ verliehen; sicherlich eine bemerkenswerte Leistung, wenn man das Herkunftsland Somozas bedenkt, das im Gegensatz zu den angloamerikanischen Ländern nicht unbedingt für seine Kriminalromane gerühmt wird. Kein Wunder, dass dann gleich im Klappentext auf „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon verwiesen wird, ein ebenso düster gestalteter Roman, der auch als Schauplatz gewählt hat und mit seiner beklemmenden, zumindest nicht von frischem Atem durchströmten Atmosphäre die selbe schmerzliche Stimmung ausstrahlt.

„Die dreizehnte Dame“ liest sich nicht „angenehm“, die Personen sind ohne Ausnahme verletzt (die als Charakter sehr wichtige Raquel wird von ihrem Zuhälter geschlagen, Rulfo und Ballesteros haben ihre Partnerinnen tragisch verloren, Sauceda hat sich Schicksals ergeben mit den Affären seiner Ehefrau abgefunden), ihnen wurde Leid angetan, das sie ein Leben lang nicht mehr loszulassen scheint. Doch dieser Schmerz, den sie in sich tragen und der den Leser auf jeder Seite des Buches die endlosen Qualen ihrer Leben spüren lassen, diesen Schmerz steigert Somoza ein ums andere Mal, indem er eine abgrundtief böse Geschichte erzählt.

Und die verbindet sich, man möchte ihm danken für diesen klugen Ausflug in die Welt der grotesken Absurditäten, mit der schönsten aller schriftlichen Ausdrucksformen: mit der Poesie. Von ihr geht die Gefahr aus, missbraucht zu werden, beraubt von den dreizehn Damen ihrer Ästhetik, mit denen die Dichter ihre Zuhörer verzauberten. Diesen Dichtern flüstern die Damen Zeilen ein, die, von der richtigen Person ausgesprochen, zu tödlichen Waffen werden. Welche verheerende Wirkung diese letztlich haben könnten, wird im Buch nur angedeutet.

Ich halte dieses Bild der verletzenden Poesie für eine klug gewählte Allegorie auf die Kraft der Worte. Worte, die zerstören und vernichten können, wenn sie in verachtender Absicht eingesetzt und gegen andere gerichtet werden. Sie werden ihrer reinen Form entrissen und zu perversen Mitteln der Macht, mit denen sich Leben austilgen lassen.

Die Geschichte um diese mörderischen dreizehn Damen, die ein unheilsames Furioso der Gewalt über den Menschen im Roman erklingen lassen, erzählt Somoza in eindringlichen, manchmal allzu eindeutigen Worten; das trampelt in den blutigsten Szenen ein wenig grob in Richtung Splattermovie (das ließe sich sicher sehr farbig verfilmen, aber für manche Gemüter hab es in der Schilderung allzu blutdürstig und ekelhaft sein). Aber die Ereignisse leben genau von dieser sehr dichten Erzählweise, der Stil ist sehr genau, ohne dabei geschwätzig zu sein und sich in einer Detailfülle zu ergehen. Es wird das berichtet, was für die Handlung der Geschichte und die Entwicklung der Charaktere wichtig ist. Das schärft ihr Profil und teilt ihre Ängste, von denen niemand verschont bleibt, umso deutlicher mit.

„Die dreizehnte Dame“ hat mich überrascht, so viel Schauer hätte ich vorab auf den 500 Seiten nicht vermutet. Aber die Überraschung war mehr erfreulicher Natur, denn der Roman ist einfach ausgezeichnet. José Carlos Somoza ist ein sehr guter Stilist, der zudem seine Geschichte mit feinem Gespür für den Spannungsaufbau und die Charakterzeichnung zu Papier brachte. Das Buch ist beste Spannungsliteratur von einem wortgewandten Autor, das man schwerlich vor der letzten Seite aus den Händen legen wird.


Eure Meinungen:


ausgezeichnete Inhaltswiedergabe und Deutung eines extrem Romans.
[Ruprecht Frieling]

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Wertung

 

Gesamt:

(Extrem gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Bluttriefend)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Spanien

Zeit:

Gegenwart

Autor:

Somoza, José Carlos

Verlag:

Claassen, Hildesheim

Erschienen:

Aug. 2004

Kritiker:

Karl-Georg Müller

ISBN:

3-546-00355-1

ISBN(13):

978-3-5460-035-1

EAN:

9783546003551

Typ:

Hardcover

 

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