 | Bay City Blues Rezension von nemo Raymond Chandler ist ohne Zweifel der geistige Vater der „Film-Noir-Detektiv-Stories“. Sein bekanntester Protagonist, Philip Marlow, ist der Innbegriff des Privatdetektivs, und seine Geschichten, die meist in dem verrauchten Büro eines dieser Schnüffler beginnen, haben ein ganzes Genre geprägt. In „Bay City Blues“, eine Novelle von 1938, die in der Kurzgeschichtensammlung „Mord in Regen“ zu finden ist, lernen wir Johnny Dalmas kennen, wie Marlow ist Dalmas auch ein harter Bursche; zynisch, desillusioniert, jedoch unbestechlich und wie die meisten Helden von Chandler, mit einem guten Kern bestückt. Als er für einen befreundeten Polizisten den Selbstmord einer Arztgattin untersuchen soll, gerät er in Bay City auf die Spur eines Glückspielsyndikats, das von der örtlichen, korrupten Polizei geschützt wird. Das Hörspiel zur Novelle, herausgegeben vom parlando Verlag in Berlin, ist mit seinen zwei CDs und 178 Minuten Laufzeit, eher ein Snack unter den Hörbüchern. Das Ganze ist in einer ansprechenden Doppelhülle verpackt, auf dem ein Bild im Stile der 30er/40er abgebildet ist. Ein wahrer Glücksfall war auf jeden Fall die Wahl von Christian Brückner, als Sprecher bzw. Leser dieser Geschichte. Brückner, bekannt aus Funk und Fernsehen, der seine unverwechselbare Stimme solchen Größen verleiht wie Robert De Niro, Marlon Brando oder Robert Redford, passt zu der Film-Noir Atmosphäre, wie der Whisky zum Detektiv. Ob er nun den lallenden Betrunkenen oder gar eine Frau mimt, bleibt er immer glaubwürdig und wirkt niemals gestelzt. Wie kein anderer versteht er es, durch den geschickten Einsatz seiner Stimme oder das Setzen einer Sprechpause, Spannung zu erzeugen. Die Novelle, übersetzt von Hans Wollschläger (der unter anderem die hervorragende Übersetzung von James Joyces „Ulysses“ verantwortlich war), ist eine spannende Geschichte voller Intrigen, die zu keiner Zeit langweilig wird. Man sollte dieser Geschichte jedoch einigermaßen konzentriert zuhören, da man sonst Gefahr läuft aus dem ein wenig komplexen Handlungsfaden gerissen zu werden. Dalmas ist ein sympathischer Charakter, dessen fesselnde Investigationen, in der für Chandler üblichen Ich-Form geschrieben, uns auf die Spur menschlicher Abgründe führt. Denn auch in „Bay City Blues“ findet man den gesellschaftskritischen Unterton Chandlers wieder, der zeitlebens darunter litt, nur als Krimiautor gesehen zu werden, obwohl er seine Kriminalromane als Gesellschaftskritisch par excellence betrachtete, weil sie das Leben von Ihrer hässlichen Seite zeigen. Nämlich dann, wenn der schnöde Mammon oder das Verlangen nach Macht, aus Menschen, Kriminelle macht. Ein Thema, dass niemals an Aktualität verliert. „Bay City Blues“ ist ein spannendes Hörvergnügen, das durch die Stimme von Christian Brückner, sehr an Qualität gewinnt. Natürlich merkt man der Novelle ihr Alter an und die Charaktere wirken ein wenig wie Stereotypen, doch für Fans des Film-Noir ist dieses Hörbuch auf jeden Fall empfehlenswert. „Bay City Blues“ hat alles, was eine Geschichte dieses Genre haben muss, hübsche Frauen, fiese Typen, Schiessereien und überraschende Wendungen. Ein packendes Hörspiel in Schwarz-Weiß für nostalgische Krimi-Fans.
Eure Meinungen:
| Wer Chandler liest oder hört, der weiß was da los ist. Das ist bei Bay City Blues eben genau so. Christian Brückner ist aber trotzdem auch hier, wie in vielen anderen Hörspielen das Sahnehäubchen. [Günter Garbade] |
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