 | Der Flüchtling Rezension von VictoriaDer linksradikale Student Massimo Carlotto, 19 Jahre alt, entdeckt die Leiche einer 25-jährigen Studentin; meldet es der Polizei und wird als Täter angeklagt. Es folgen für Massimo Carlotto elf Prozesse, sechs Jahre Gefängnis und fünf Jahre Exil in Paris und Mexiko. Für die italienische Justizgeschichte ist der „Fall Carlotto“ der umfangreichste. Es ist ein „Beispiel für die systematische – zynische und betrügerische – Zerstörung eines Lebens.“ Carlottos Schicksal beginnt am 20. Januar 1976 und endet am 7. April 1993 mit der Begnadigung durch den Präsidenten der Republik. Mit der Niederschrift des vorliegenden Buches konnte er sein „schweres Gepäck“, bestehend aus fünf Holzkisten Gerichtsakten, Briefe, Telegramme, Zeitungsartikel und Videokassetten abwerfen, und sich der Zukunft zuwenden, wie der Autor es einleitend erklärt. Da die Strafverfolgungsbehörden keinen Unterschied zwischen Brigate Rosse (Rote Armee) und Lotta Continua kannten, wurde er in den Hochsicherheitstrakt in Cuneo/Piemont gesperrt (Lotta Continua: Linksradikale Bewegung, die 1969 in Turin entstanden war und bis 1976 neben anderen linken Gruppierungen revolutionäre Kräfte links vom PCI um sich scharrte. (…) LC unterstrich die zentrale Bedeutung des Arbeitskampfes und des spontanen antikapitalistischen Protestes gegen das „Kompromisslertum“ des PCI und der organisierten Gewerkschaft. (…) Im Wesentlichen führte LC gewaltlose Aktionen durch. (Vgl. Italien-Lexikon, Berlin, 1997). Carlotto zählte zu den zwanzig „Erstbewohnern“ des Hochsicherheitstrakts. Die Gefangenen wurden mit Schlagstöcken geprügelt. „Allmorgendlich um fünf holten sie einen von uns aus der Zelle, schleppten ihn ins Untergeschoss und schlugen ihn erneut grün und blau. Das Ziel war natürlich, uns jeden Rest von Menschenwürde aus dem Leib zu treiben (…)“ schreibt Carlotto. Als im November 1982 der Kassationsgerichtshof den Revisionsantrag der Verteidigung ablehnt und das Urteil bestätigt, wird Carlotto zum „Zufallsflüchtling“, wie er sich selbst bezeichnet. Zunächst flieht er nach Paris. Der aus der 230.000 Einwohner zählenden Stadt stammende Flüchtling muss in der über zwei Millionen Einwohner zählenden französischen Hauptstadt vom Fahrrad auf die Metro umsteigen. Dort schlüpft er zunächst in die Rolle eines kleinen Angestellten, dann in die Rolle des typischen Lehrers. Im Pigalle-Viertel, dem Rotlichtviertel von Paris, wo er zunächst eine Unterkunft findet, stellt er fest, dass die Bewohner seiner norditalienischen Heimatstadt diese Gegend sehr schätzen, so auch sein ehemaliger Gymnasiallehrer. Um nicht zufällig auf einem Foto oder Video einer der Paduaner aufzutauchen, muss er äußerst vorsichtig sein. Finanziell unterstützen ihn seine Eltern, da er von seinen Jobs nicht leben kann. Mal arbeitet er in einem Kino, mal übersetzt er italienische Fotoromane ins Französische. Carlotto, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr politisch links außen (leninistisch-marxistisch orientiert) aktiv war, ist hierbei sehr fantasievoll. Er baut sozialpolitische Aussagen in die Übersetzungen ein. So ist zu lesen: „Statt: „Ciao, Gino, wie geht es Deiner Großmutter?“ ließ ich sie beispielsweise sagen: „Ciao, Gino, was hält Deine Großmutter vom Streik bei Renault?“ – „Findet sie gut, auch wenn sie vom Forderungskatalog der Gewerkschaft nicht so überzeugt ist.“ Auf Wunsch seiner damaligen Freundin, die ihn genauso wie seine Familie, regelmäßig besuchte, entschließt Carlotto sich, nach Mexiko zu fliehen. Hier schlüpft er in die Rolle eines gut betuchten europäischen Studenten, der kurz vor Abschluss seines Studiums steht. Carlotto nimmt Kontakt zu einem Anwalt auf, der die Möglichkeit hat, ihm falsche Papiere zu besorgen. Bisher reiste Carlotto mit Touristenvisa. Als er sich entschließt, mexikanischer Staatsbürger zu werden, wird seine Flucht durch Verrat des besagten Anwalts beendet. Es kommt zur Auslieferung und Carlotto muss wieder ins Gefängnis. Im Gegensatz zu 1982, als er flieht und feststellen muss, dass er den „Kerker ohne Mauern“ gewählt hatte, will er nun endlich in Freiheit leben. Es schreibt: „mich interessierte das Leben, das ich hatte“. Nach 17 Jahren Gefängnis mit und ohne Mauern, verursacht durch die italienische Justiz, die ihn physisch und psychisch fast zerstört hatte, lebt er nun in Freiheit. Diese physisch und psychisch qualvollen Jahre konnte Carlotto sicherlich nur mit Hilfe der Unterstützung seiner Familie sowie zahlreicher Freunde, die für ihn kämpften wie beispielsweise der Exil-Chilenen Lolo, einer der Gründer des „Comité International Justice pour Massimo Carlotto“, überstehen. Heute lebt er als Schriftsteller und Drehbuchautor auf Sardinien. In den Gefängnissen und auf der Flucht begegnete er zahlreichen Schwerverbrecher und Exilanten. Sämtliche seiner Kriminalromane beinhalten Spuren dieser Erlebnisse. Das Buch „Der Flüchtling“ ist nicht nur der Erlebnisbericht einer einzelnen Person, sondern auch ein erstklassisches zeitgeschichtliches Dokument, das die politischen Geschehnisse mit ihren Auswirkungen nicht nur in Italien beschreibt. Der „Fall Carlotto“ hat in Italien die Debatte betreffend Justizirrtümer, der Sinn von Strafen, Strafanstalten sowie haftbedingte Krankheiten entfacht. Leider ist in italienischen Gefängnissen die Suizidrate weiterhin extrem hoch (Junge Welt, 23.Juni 2010). Nach der Lektüre dieses Buches liest man seine Kriminalromane mit anderen Augen. Wer bisher noch keinen Carlotto-Krimi gelesen hat, sollte mit diesem hier besprochenen Buch beginnen. Gewidmet hat Carlotto das Buch der italienischen Black-Panther-Aktivistin Silvia Baraldini. Sie war zur Entstehungszeit des Buches „Der Flüchtling“ 1994 bereits seit zehn Jahren in den USA in verschiedenen Hochsicherheitsgefängnissen inhaftiert. Zwar hätte Baraldini gemäß der von Italien und den USA unterzeichneten Straßburger Konvention bereits nach ihrer Verurteilung in ihre Heimat repatriiert werden müssen, dies geschah jedoch erst 1999. Ab 2001 war sie Freigängerin in Rom, 2006 wurde sie begnadigt. "(...) Carlotto beschreibt nebenbei exemplarisch, wie die Bürger dieses Landes so gründlich das Vertrauen in ihre Institutionen verlieren konnten - die Folgen sind heute zu sehen." FAZ 03.02.2011
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