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Das Janusprojekt

Kerr, Philip

Rezension von CK
Aus der Reihe "Berlin-Noir-Trilogie"

Anfang der 90er Jahre schuf der britische Kriminalautor Philip Kerr den Privatdetektiv Bernhard „Bernie“ Gunther. In einer Mischung aus historischem und Hardboiled-Roman erzählte Philip Kerr die Geschichte eines Mannes, der in der Zeit des verbrecherischen Nazideutschlands versucht, anständig und integer zu bleiben. Die drei Romane „March Violets (1989, dt. Feuer in Berlin)“, „The Pale Criminal (1990, dt. Im Sog der dunklen Mächte)“ und „The German Requiem (1991, dt. Alte Freunde - neue Feinde)“ fanden große internationale Anerkennung und wurden mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Fünfzehn Jahre später legt Philip Kerr mit „Das Janusprojekt (OT: The One from the Other, 2006) eine Fortsetzung dieser vielgerühmten Berlin Noir-Trilogie um den Privatdetektiv und Expolizisten Bernhard „Bernie“ Gunther vor.

Dachau/München im Jahre 1949. Bernhard „Bernie“ Gunther lebt in Dachau und betreibt mit seiner zweiten Frau Kirsten ein Hotel, das diese von ihrem inzwischen verstorbenen Vater geerbt hatte. Die Geschäfte laufen schlecht, es gibt kaum Gäste. Zudem ist seine Frau psychisch erkrankt und Patientin einer psychiatrischen Anstalt in München. Ihr gesundheitlicher Zustand ist schlecht und die Ärzte wissen nicht, woran seine Frau erkrankt ist. Ihr Zustand verschlechtert sich weiter und sie stirbt. Bernie Gunther beschließt das Hotel zu verkaufen und wieder als Privatdetektiv zu arbeiten.
Als Privatdetektiv hatte er bereits 1936 gearbeitet, als er den Polizeidienst quittiert hatte, weil er nicht den Nationalsozialisten dienen wollte. Damals hatte er ein gutes Auskommen, weil er sich auf die Suche nach vermissten Personen, zumeist Juden, konzentriert hatte. Daran knüpft er wieder an, denn im Nachkriegsdeutschland gibt es wieder genügend vermisste Personen. Einer seiner ersten Klienten ist der jüdische Anwalt Erich Kaufmann, der die Freilassung der Gefangenen in Landsberg, einer Gruppe von Kriegsverbrechern, die Rotjacken genannt werden, betreibt. Es ist eine besondere Ironie, dass Gunther jetzt im Nachkriegsdeutschland Naziverbrechern helfen soll, sich von ihrer Vergangenheit reinzuwaschen.

Der Auftrag, den er von der schönen Britta Warzok erhält, ist hingegen anders: Bernie Gunther soll Beweise für den Tod ihres Gatten zu beschaffen, damit sie wieder heiraten kann. Ihr Ehemann heißt Friedrich Warzok und war bis zum Kriegsende einer der sadistischsten KZ-Schinder im Lager Lemberg-Janowska.
Gunther ahnt nicht, dass dieser Auftrag Teil einer großen Intrige ist, in der seine zufällige Ähnlichkeit mit einem Kriegsverbrecher ausgenutzt werden soll. Seine Nachforschungen nach Warzock führen Gunther in das gefährliche Milieu von Nazi-Seilschaften, die über sogenannte „Rattenlinien“ gesuchte Nazis und Kriegsverbrecher außer Landes schaffen – tatkräftig unterstützt von faschistischen Geistlichen, Vatikan und amerikanischen Geheimdiensten. Gunthers Interesse stört diese Seilschaften, müssen sie doch fürchten, dass ihr Treiben der Öffentlichkeit bekannt wird. Gunther wird bedroht und als er unerschrocken seine Ermittlungen fortsetzt, brutal zusammengeschlagen. Ein Fingerglied wird ihm amputiert, als Warnung in der Zukunft die Finger von solchen Aufträgen zu lassen.
Die Männer werfen ihn vor einem Krankenhaus aus dem Auto, wo er wieder zusammengeflickt wird. Ahnungslos macht er die Bekanntschaft mit Dr. Henkell, der ihm vorschlägt, sich in seinem Ferienhaus von den Verletzungen zu erholen. Zudem könne er einem Freund dort Gesellschaft leisten, der durch eine Kriegsverletzung an den Rollstuhl gefesselt ist. Bernie Gunther lernt Erich Grün kennen und im Laufe der Zeit schätzen. Als dieser ihm von seinem Erbe in Wien erzählt, das er zu verlieren droht, weil er aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme die Reise nicht machen kann, bietet Gunther ihm spontan an, anstatt seiner die Reise zu machen und das Erbe anzutreten. Gunther und Grün sehen sich sehr ähnlich und dessen lange Abwesenheit von Wien sowie der Krieg sollten genügen, damit niemand der Austausch auffällt.
Als Gunther nach Wien reist, muss er erfahren, dass er nur eine Marionette in einem teuflischen Spiel ist. Es ist eine weitreichende und komplexe Verschwörung und anfänglich sieht er eine Überlebenschance darin, diesen Komplott aufzudecken. Doch schnell muss er sich eingestehen, dass er machtlos einer Übermacht aus Geheimdiensten und im Untergrund agierenden Nazis gegenüber steht, für die das Leben anderer keinen großen Wert hat. Als israelische Killerkommandos auf der Suche nach Kriegsverbrechern es auf ihn abgesehen haben, muss er beweisen, dass er noch nichts von seinem Handwerk verlernt hat. Andernfalls kostet es ihm das Leben …

Bernie Gunther ist eine klassische Privatdetektiv-Figur. Er ist zynisch, sarkastisch und verbittert. Er ist einer, der sich in seine Fälle reinkniet, der wühlt, der geradlinig ist, der oft das Falsche sagt oder tut und der provoziert, um seine Gegner aus der Reserve zu locken. Er agiert nicht planvoll, er sammelt Bruchstücke und setzt sie nach und nach zusammen.
Bernie Gunther ist keine moralische Figur und trotz seiner Vergangenheit unpolitisch. Er hat als Soldat für das Kaiserreich gekämpft, war Polizeibeamter in der Weimarer Republik und quittierte 1936 seinen Dienst, als die Kripo im Sinne der nationalsozialistischen Machthaber der Gestapo gleichgeschaltet wurde. Danach arbeitete er solange es ging als Privatdetektiv weiter. Mit Kriegsbeginn wurde er Mitglied der Waffen-SS, was für Polizeibeamte obligatorisch war. Er hat an der Ostfront gekämpft und den Vernichtungskrieg der Nazis miterlebt. Er hat sich schuldig gemacht, als er als Offizier ein jüdisches Partisanenkommando liquidieren ließ, das abtrünnige Kriegsgefangene umgebracht hatte. Gunther akzeptiert diese Schuld, er bereut sein Schweigen und seine Untätigkeit, als er 1934 beim einem Überfall eines SA-Kommandos auf Juden einfach weggegangen ist. Er ist bereit, sich dieser Schuld zu stellen und Wiedergutmachung zu leisten. Er erinnert sich, er will nichts vergessen und bewahrt seine Erinnerungen.

Damit steht er seltsam verloren im Nachkriegsdeutschland, wo viele Opfer, aber niemand Täter gewesen sein will. Gunther weiß um die Begrenztheit seiner Mittel, er kann wenig ausrichten, um die Rattenlinien zu unterbrechen und Kriegsverbrecher einer Verurteilung zuzuführen. Es gibt schlicht kein Interesse daran: Das Nazideutschland ist besiegt und die unter den Kriegsfolgen leidende Zivilbevölkerung ist mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Die Alliierten führen Schauprozesse, um exemplarisch Kriegsverbrecher zu bestrafen. Aber eine systematische Verfolgung und Aufklärung ist nicht vorgesehen, denn der beginnende kalte Krieg überlagert alles andere. Russen und Westalliierte planen bereits den nächsten Konflikt und suchen sich solche Nazigrößen und Kriegsverbrecher aus, die ihnen nützlich sein könnten und helfen ihnen bei der Flucht aus Deutschland. So finanziert die CIA die Nazi-Organisation Odessa, die fast professionell Kriegsverbrecher aus Deutschland vor allem nach Argentinien verschifft – tatkräftig unterstützt von faschistischen Geistlichen, vom Vatikan und von alten Seilschaften der Nazis. Auf der anderen Seite gibt es jüdische Nazijäger, die manchmal missbraucht werden, um missliebige ehemalige Nazigrößen zu liquidieren.

Historische Fakten und Personen werden von Kerr geschickt mit seiner Fiktion verknüpft. Sein Roman ist voller Details, ohne das der Autor Geschichte doziert, und er fängt die surrealistische beklemmende Atmosphäre dieser Zeit wunderbar ein. Es ist der komplexe Charakter Bernie Gunthers, der Kerr die glaubhafte Darstellung dieser Zeit möglich macht. Bernie Gunther war ein Nazigegner und ist doch schuldig geworden im Krieg, er ist zynisch bis hart an die Grenze des Korrupten und doch einer mit Mut und Moral. Noch wichtiger – er hat keine Illusionen. Wenn es hart auf hart geht, paktiert er auch mit dem Teufel. Er hat erfahren, wie schwer es ist, die einen von den anderen zu unterscheiden und seine zynische Weltsicht erlaubt ihm die Tricksereien und Scheinheiligkeiten von Freund und Feind zu durchschauen. Er wollte in der Zeit des Tausendjährigen Reiches ein moralisch integrer Mann mit festen Grundsätzen und humanen Überzeugungen bleiben und weiß jetzt, dass seine Zeit abgelaufen ist.
Kerr hat einen komplexen Plot konstruiert und die Bedeutung vieler Details erschließt sich erst im Laufe der Handlung. Kerr zeichnet nicht einfach schwarz-weiß, sondern seine Geschichte ist voller Grautöne. Das wird am deutlichsten im Epilog, in der Gunther eine von der Gestapo erzwungene Reise nach Palästina unternimmt. Einer seiner Mitreisenden ist Adolf Eichmann, der auf eigene Rechnung reiche jüdische Mitbürger erpresst und ihnen die Möglichkeit gibt, sich freizukaufen und nach Palästina auszuwandern. Offiziell unternimmt Eichmann die Reise, um die Möglichkeit von Waffenverkäufen an die Muslime und die jüdische Haganah zu erkunden, um so den britisch kontrollierten Nahen Osten zu destabilisieren.
Das Janusprojekt“ ist ein sich langsam entwickelnder Thriller, der von der starken Persönlichkeit Bernie Gunther getragen wird. Seine Figur besitzt Konturen und Tiefe. Sein Zynismus und seine ironische Brechung der dunklen Vergangenheit geben dem Plot einen Drive, der uns gespannt die Geschichte verfolgen lässt. Das Finale ist überraschend und spektakulär, wenngleich nicht ganz überzeugend. Das offene Ende, in dem Bernie Gunther an einem Frühlingstag des Jahres 1950 in Genua ein Schiff Richtung Argentinien besteigt, lässt uns Leser hingegen auf eine Fortsetzung hoffen. Denn neben ihm lehnt ein Mann an der Reling, der zehn Jahre später von einer israelischen Kommandogruppe aus Buenos Aires entführt und nach einem Aufsehen erregenden Prozess 1962 hingerichtet wird - Adolf Eichmann.
Die frühen Bernie Gunther-Romane sind inzwischen ein Klassiker der P.I.-Literatur und „Das Janusprojekt“ ist eine gelungene Fortsetzung, die zeigt, welches Potential dieser Protagonist hat. Sehr empfehlenswert!!!

PS: Philip Kerr hat inzwischen einen fünften Bernie Gunther Roman geschrieben, der in England im März 2008 erscheinen wird.

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Deutschland

Zeit:

1949

Serie:

Berlin-Noir-Trilogie

Autor:

Kerr, Philip

Verlag:

Wunderlich, Reinbek

Erschienen:

Sep. 2007

Kritiker:

CK

ISBN:

3-805-20845-6

ISBN(13):

978-3-8052-084-1

EAN:

9783805208451

Typ:

Hardcover

 

Philip Kerr

 

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Berlin-Noir-Trilogie

 

Anfang der 90er Jahre schuf der britische Kriminalautor Philip Kerr den Privatdetektiv Bernhard „Bernie“ Gunther. In einer Mischung aus historischem und Hardboiled-Roman erzählte Philip Kerr die Geschichte eines Mannes, der in der Zeit des verbrecherischen Nazideutschlands versucht, anständig und integer zu bleiben. Die drei Romane „March Violets (1989, dt [mehr]

 

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