Das fünfte Zeichen Rezension von Alexander Gionis Aus der Reihe "Harry Hole" Bei Harry Hole läuft es wieder einmal überhaupt nicht. Nach dem gewaltsamen Tod seiner Kollegin Ellen trinkt der in vergangenen Nesboe-Romanen zeitweise “trockene” Alkoholiker mehr denn je und treibt damit seine Freundin Rakel samt ihrem Sohn Oleg aus dem Haus. Und zur Trauer gesellt sich auch noch die Wut, denn da ist ja auch noch der Hass auf seinen - dem Leser ebenfalls aus vorherigen Romanen bekannten - schmierigen Kollegen Tom Waaler, den Harry im Verdacht hat, Kollegin Ellen umgebracht zu haben und einen illegalen Waffenhandel zu betreiben. Nein, es läuft bei Harry wirklich nicht gut. Und dann rauben ihm Nacht für Nacht auch noch Alpträume den Schlaf . . . Selbst die Ermittlung in einer Mordserie vermag den großen Ermittler Hole nicht so recht aus seinem persönlichen “Loch” zu ziehen. Anscheinend ist ein Serienkiller unterwegs, der Frauen umbringt, ihnen einen Finger abschneidet und als Visitenkarte einen Diamanten in Form eines Pentagramms hinterlässt. Als Harrys desolater Zustand schließlich sogar seinen bislang stets mit ihm sympathisierenden Chef Bjarne Moeller dazu nötigt, von Entlassung zu sprechen, scheint Harry seine Karriere endgültig vor die Wand gefahren zu haben. Immerhin hält seine Kollegin Beate noch zu ihm, und selbst Tom Waaler scheint Gefallen an Harrys Verbissenheit gefunden zu haben. Harry Hole versucht, sich wenigstens für seinen neuen Fall zusammenzureißen und aus den kargen, undeutlichen Spuren das Beste zu machen. Doch weder der eigenartige Theaterregisseur, von dessen verschwundener Frau lediglich ein Finger gefunden wird, noch die recht anhängliche Nachbarin des ersten Opfers oder irgendwer sonst kann dem heruntergekommenen Polizisten auf die richtige Fährte verhelfen. Bis eine Spur zu einem Diamantenschmuggler führt und Harry schließlich ein System in den bizarren Morden zu erkennen glaubt . . . Eigentlich hat Jo Nesboes fünfter Harry Hole-Fall Das fünfte Zeichen alles, was einen klassischen Krimi-Bestseller ausmacht: einen ebenso kantigen wie Leid geplagten Ermittler, einen spannenden Fall und gut gezeichnete Nebenfiguren. Und schreiben kann Nesboe auch noch - schnörkellos, klar und trotzdem nie platt. So bietet der Roman fast 500 Seiten spannende Unterhaltung. Aber eben auch nicht mehr, denn man hat den Eindruck, dass der Autor beim Schreiben viel zu sehr damit beschäftigt war, alles richtig zu machen. Und wer keinen einzigen potenziellen Leser enttäuschen möchte, der schöpft sein Talent eben nicht voll aus, sondern vertraut eher auf die bekannten Rezepte als auf die eigene Zubereitung, die einem Krimimahl die persönliche Note, den Schliff des Besonderen geben könnte. Ein zerissener (Anti-)Held ist ja bekanntlich nicht die schlechteste Zutat für einen spannenden, anspruchsvollen Krimi, aber warum Harry Hole der arme saufende Tropf ist, dem scheinbar das ganze Leid des Universums auf den Schultern lastet, wird in Das fünfte Zeichen nur unzureichend deutlich und bleibt dem Nesboe-Neueinsteiger wohl verborgen. Das ist schade, denn wenn die Leidensgeschchte des Protagonisten den Mordfall teilweise an den Rand zu drängen scheint, dann möchte man als Leser wenigstens etwas tiefer in diese arme Seele eindringen können als Nesboe es ermöglicht - oder zulässt. Wenn schon ernst und düster, dann aber bitte richtig mit Nachdruck. Und dazu ständen Nesboe auf jeden Fall zumindest die sprachlichen Mittel zur Verfügung, wie allein schon das brillant geschriebene erste Kapitel deutlich zeigt. Aber der Autor scheint dem Leser nicht zu viel zumuten zu wollen und versucht in Harry Holes persönliches Drama und die in skandinavischen Krimis generell gern schwermütige Atmosphäre etwas Humor einfließen zu lassen - leider auch das zu zaghaft und daher insgesamt wenig überzeugend. So schwankt das Buch etwas unsicher zwischen schonungslosem Tiefgang und schonender Unterhaltung, ohne sich so recht entscheiden zu können. Immerhin: Trotz der fehlenden schriftstellerischen Konsequenz habe ich mich keine Minute mit dem Buch gelangweilt. Die Handlung geht selbst bei aller Fixiertheit auf Harry Holes Leiden doch ziemlich flott voran, der Mörder ist nicht schon auf Seite 43 ersichtlich und der Showdown trotz (oder wegen) Hollywood-Kompatibilität durchaus lesenswert. Fast perfekt, aber eben nur fast.
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