 | Bay City Blues Rezension von Hyndara Jonny Dalmas hatte sich seinen Feierabend wahrscheinlich ganz anders vorgestellt als er dann gekommen ist. Von einem befreundeten Polizisten erhält er einen Auftrag, doch als er den Auftraggeber aufsucht, findet er diesen ermordet vor. Plötzlich ist sein eigenes Leben bedroht, eine mörderische Falle will sich um ihn schließen. Jonny kämpft mit allen gebotenen Mitteln, will die Wahrheit ans Licht bringen. Doch kann er gegen korrupte Polizisten und mörderische Gangster wirklich bestehen? Raymond Chandler ist einer der großen der Kriminalliteratur. Er schrieb zu einer Zeit, in der eben diese Literaturgattung noch nicht als solche anerkannt wurde, so daß seine Werke vollkommen verkannt wurden. Er selbst zerbrach daran, doch seine Figuren, allen voran Philip Marlowe, überlebten ihn, wurden Vorbilder und Archetypen heutiger großer Autoren. Chandlers Romane sind dabei allerdings mehr als eine „nur“ spannende Lektüre. Sie sind ein Stück Gesellschaftskritik. Man sollte nicht vergessen, zu welcher Zeit er schrieb, was wir heute noch darüber wissen. Seine Anhänger und Kritiker erwarteten von ihn immer einen Gesellschaftsroman, ohne begreifen zu können oder zu wollen, daß er eben genau dieses Genre mit seinen Krimis bediente. Chandlers Figuren mögen aus heutiger Sicht teils überzeichnet sein, seine Vorliebe für Spitznamen vielleicht überholt. Dennoch hat alles und jedes eine genaue Bedeutung. In diesem Sinne verstehe ich auch „Bay City Blues“. Eine Gesellschaftskritik, verpackt in eine spannende Kriminalgeschichte, mit leicht überzeichneten Nebenfiguren, während der Protagonist, wie so oft ein Ich-Erzähler, fast vollkommen in den Hintergrund tritt, dennoch auf unterschwellige Weise den Leser, oder in diesem Fall Zuhörer, immer bewußt ist und ihm seine Meinung kundtut. Hörbücher haben einen sehr unterschiedlichen Ruf. Die einen lehnen sie kategorisch ab, die anderen lieben sie. Ich denke, es kommt auf den Erzähler, den Vorleser an. In diesem Fall, mit Bay City Blues, ist ein wahrer Geniestreich gelungen. Christian Brückner, bekannt aus Film und Fernsehen, der schon vielen amerikanischen Schauspielern seine Stimme lieh, erweckt Chandlers Buch zum Leben. Für mich wird Jonny Dalmas immer seine Stimme tragen, das kann ich nach dem Genuss dieses Hörbuches sagen. Was sollte ein Hörbuch ausmachen? Nun, für mich persönlich sollte die Stimme, der ich lausche, ruhig und gleichmäßig sein, mit der richtigen Betonung an den richtigen Stellen, vielleicht auch die eine oder andere Eigenart, die ein Autor in geschriebenen Worten nur schwer unterbringen kann, hervorheben. Mir graust es davor, wenn männliche Stimmen versuchen, weibliche nachzuahmen, und Brückner begeht diesen Fehler auch nur einmal, und das gekonnt. Er ist immer noch Dalmas, der vielleicht sein neuestes Abenteuer einem guten Freund (vielleicht Veilchen McGee?) erzählt. Seine Version eines Betrunkenen, das Lallen und die undeutliche Sprache, hat er meisterhaft imitiert, die Spannung an den richtigen Stellen hervorgerufen. Ich vergleiche Hörbücher gern mit meiner Kinderzeit, als meine Eltern oder meine Geschwister mir etwas vorgelesen haben, oder aber an meine eigene Vorlesezeit, während ich meine fast blinde Mutter pflegte. Und in diesem Sinne ist „Bay City Blues“ wirklich hervorragend geeignet. Man entspannt sich, lauscht und genießt. Die Geschichte ist spannend genug, die Konzentration zu halten, Brückners Stimme unterstreicht sie noch. Alles in allem ein Genuss, ein wirklicher Ohrenschmaus eines Klassikers, der sicher nicht vergessen wird.
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