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Westküstenblues

Manchette, Jean-Patrick

Rezension von Claus Kerkhoff

Als Georges Gerfault eines Nachts den äußeren Ring des Boulevard Périphérique entlang fährt, betrunken und weit über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit, findet er ein vermeintliches Unfallopfer, das er in ein Krankenhaus bringt. Gerfault ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass er damit Ereignisse induziert, in deren Folge zwei Killer versuchen werden ihn umzubringen und er mindestens zwei Männer töten wird.

(Zitat) "... Der (Citroen) DS ...stand still und außerhalb der Fahrbahn, ein Kotflügel im Graben und der andere mit einem Baumstamm verkeilt und völlig zerknautscht, eine Tür war abgerissen, zehn oder zwölf Meter weit geflogen und lag halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Gras des Randstreifens, die Scheibe wie zu Staub zersplittert ... Gerfault war versucht, wieder zu beschleunigen; was ihn davon abhielt war, mehr als der Sinn für Anstand oder ein kategorischer Imperativ, die Vorstellung: da irgendwo im Dunkeln sind bestimmt die Leute aus dem DS und schreiben sich vielleicht dein Kennzeichen auf - unterlassene Hilfeleistung ! ..."

Gerfault ist ein Mann unter vierzig, ein leitender Angestellter, der seine linke Vergangenheit hinter sich gelassen hat und das bürgerliche Leben in vollen Zügen genießt. Nichts deutet drauf hin, dass er mit einer Situation, in der ihn zwei Killer mehrmals versuchen werden umzubringen, fertig werden könnte. Aber er reagiert bemerkenswert "hardboiled" (hartgesotten) und damit sind Eigenschaften gemeint, wie unsentimental, illusionslos, gewalttätig und einsam. Insofern steht Manchettes Protagonist in der Tradition von Dashiell Hammett und Raymond Chandler.

(Zitat) "... Als sich die beiden Killer in Badehosen Gerfault näherten, schenkte er ihnen keine Beachtung. Er hatte gerade zum Verschnaufen festen Fuß gefasst und war sehr erstaunt, dass der jüngere von beiden ihn hart auf den Solarplexus schlug. Gerfault kippte langsam mit offenen Mund nach vorn und Wasser drang ihm in den Mund. ... (Der Killer) würgte Gerfault, während er ihn gleichzeitig daran hinderte, den Kopf aus dem Wasser zu heben. ... Während er spürte, wie das Wasser ungehindert in seine Bronchien floss und seine Stimmritze unter den Fingern des zweiten Angreifers vibrierte, tastete Gerfault wie ein Blinder im schmutzigen Wasser herum, streifte Schenkel, packte durch Nylon hindurch Genitalien und versuchte, sie abzureißen. ... Beherzt stieß er mit Kopf voran zum Grund, anstatt, wie man es erwartete, den Versuch zu unternehmen, wieder hoch zukommen, befreite seine Taille aus den Händen des Killers, ... tauchte Galle spuckend wieder auf und versetzte dem jungen Bürschchen einen Stoß mit dem Kopf aufs Kinn ..."

Manchette erzählt seine Geschichte sehr filmisch, mit präzisen Beschreibungen, knappen Dialogen und einem trockenen Wortwitz.
"Westküstenblues" (Le Petit Bleu De La Côte Ouest, 1976) erinnert in seiner Ausgangssituation an seinen früheren Roman "Tödliche Luftschlösser" (Ô Dingos, Ô Château !, 1972). In "Tödliche Luftschlösser" vertraut Manchette dem schnörkellosen Plot voll überraschender Wendungen, die eine extremer Spannung im Leser erzeugen. Die Hintergründe der atemberaubenden Jagd des Killers Thompson auf Julie und Peter eröffnen sich erst im Laufe der Handlung. In "Westküstenblues" montiert Manchette zwei parallele Handlungsstränge, in denen der Leser die Hintergründe der Jagd der beiden Killer auf Gerfault nach und nach erfährt. Um Spannung zu erzeugen, greift Manchette hier zum Stilmittel der andeutenden Vorwegnahme der Handlung.
Der gravierernste Unterschied zwischen "Westküstenblues" und "Tödliche Luftschlösser" ist die Konstruktion der Protagonisten: Julie und Thompson reflektieren weder das, was ihnen widerfährt, noch die Motivation, die sie antreibt. Ihre Innenwelt wird von Manchette übersetzt in Action pur. Gerfault reflektiert hingegen sehr intensiv das, was ihm widerfährt. Er setzt sich damit auseinander, er geht den Hintergründen auf den Grund und löst das Problem auf brutale, aber finale Art und Weise. Aber letztendlich ist auch für Gerfault das Abenteuer folgenlos, er kehrt wieder zurück in sein bürgerliches Leben - scheinbar ohne Brüche.

(Zitat) "... Da er in seiner frühe Jugend Aktivist der Linken gewesen war, hat er früher einmal mehrere Handbücher und Erlebnisberichte gelesen, die für jemanden, der Polizisten und Untersuchungsrichtern, die Stirn bieten möchte, sehr nützlich sind. Und er hat ihnen die Stirn geboten, ist nie von seiner Haltung vollkommender, harmloser, hilfsbereiter und tiefbetroffener Ahnungslosigkeit abgewichen. Und man hat aufgegeben, ihm Fragen zu stellen, und die Vernehmungen wurden seltener, dann haben sie aufgehört ..."

In Manchettes Romanen ist die Welt voller Verzweifelung darüber, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt eine hoffungslose Sache geworden ist. Deshalb gibt es keine Erlösung, sondern nur Gewalt und Tod. Manchettes Romane sind die Antwort auf die klassischen Detektivgeschichten, in denen mittels Aufklärung des Verbrechens und Bestrafung des Täters die Welt wieder in Ordnung gebracht wird. Manchette entlarvt dieses Nachher als Scheinordnung; die Welt ist ein Rattennest und als Ganzes nicht zu retten.

Am 19. Dezember 2002 wäre Jean-Patrick Manchette sechzig Jahre alt geworden. Er war der große Erneuerer des französischen Kriminalromans und Leitfigur für eine neue Generation französischer Kriminalautoren. Den Grund hierfür stellt Manchette mit seinem Roman "Westküstenblues" eindrucksvoll unter Beweis.

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Wertung

 

Gesamt:

(Gut)

Anspruch:

(Anspruchsvoll)

Spannung:

(Fesselnd)

Brutalität:

(Vertretbar)

 

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Infos

 

Sprache:

Deutsch

Ort:

Frankreich

Zeit:

70er Jahre

Autor:

Manchette, Jean-Patrick

Verlag:

Distel Literatur, Heilbronn

Erschienen:

Nov. 2002

Kritiker:

Claus Kerkhoff

ISBN:

3-923-20862-6

ISBN(13):

978-3-9232-086-3

EAN:

9783923208623

Typ:

Taschenbuch

 

Jean-Patrick Manchette

 

Der Name Jean-Patrick Manchette ist eng mit der Erneuerung des französischen Krimis verknüpft. Er gilt als Begründer des Neo-Polar, der französischen Antwort auf amerikanische hard boiled-Krimis. Seine Krimis zeichnen sich durch knappen Schreibstil, Sozialkritik und bitterbösen Humor aus [mehr]

 

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