 | Menschenfreunde Rezension von CK E-Learning, das sogenannte elektronisch unterstützte Lernen, ist en vogue. Damit lässt sich Geld verdienen, vor allem in den Zeiten von Hartz IV, 400€-Jobs und Betriebskostenreduzierungen. Denn die „Freigesetzten“ und das neue, alte Prekariat müssen, um in neue Jobs vermittelt werden zu können, erst für diese trainiert werden, müssen sich ständig weiterqualifizieren, am besten lebenslang – zur großen Freude solcher Firmen, die im Auftrage des Arbeitsamtes Medien für das computergestützte Lernen entwickeln. Die Saarbrückener Firma I & B ist so eine Firma und eine Tote im Wandschrank des Chefzimmers passt so gar nicht in das erfolgreiche Geschäftsmodell. Die Tote ist die Chefsekretärin Roswitha Brecher, und sie wurde erdrosselt. Für Hauptkommissarin Cornelia Bahlke ist der Firmenchef Kurt Zeilert der Hauptverdächtige. Er hatte ein Verhältnis mit der Toten und vielleicht hat Brecher ihn zu sehr unter Druck gesetzt, um eine Heirat zu erpressen. Zeilert bittet seinen Jugendfreund Matthias Lanhoff um Hilfe. Der ist Fußballtrainer des Vereins, den Zeilert als großer Mäzen aushält. Lanhoff kann sich seinen hassgeliebten Jugendfreund nicht als Mörder vorstellen und vermutet, dass eigentlich Zeilert das Mordopfer sein sollte und Brecher den Mörder überrascht hatte. Denn Zeilert hat viele Feinde. Mit Dumpingpreisen hat er andere Konkurrenten in den Ruin getrieben. Die weiteren Ereignisse scheinen Lanhoff Recht zu geben. Mitarbeiter von I & B werden Opfer von Autounfällen oder erhalten ein tickendes Postpaket. Und dann ist Zeilert verschwunden. Wurde er entführt? Wurde er ermordet und seine Leiche verscharrt? „Menschenfreunde“ ist der Debütroman von Dieter Paul Rudolph, wenn man einen 1989 im Eigenverlag erschienenen Roman nicht mitrechnet. Rudolph ist ein bekannter Krimikritiker (u.a. in seinem Blog Watching the Detectives), der sich auch als Herausgeber, u.a. der Krimijahrbücher im NordPark, einen Namen gemacht hat. „Menschenfreunde“ ist ein ungewöhnlicher Kriminalroman, denn die Arbeitswelt, insbesondere die der Multimedien, ist ein seltenes Thema in der Kriminalliteratur. Rudolph kennt sich mit dem multimedialen Lernen aus, im positiven wie im negativen Sinn. Er hat als Multimedia-Entwickler gearbeitet und ein Sachbuch über effizientes Multimedia-Engineering geschrieben. Er beschreibt kenntnisreich und überzeugend die Innenansicht dieser Arbeitswelt, zeigt wie Zeilert zuerst seine Konkurrenten in den Ruin treibt und anschließend diese als 400€-Kraft oder als Praktikanten (und dazu vom Arbeitsamt bezahlt!) wiedereinstellt. So wird verständlich, wie eine Firma trotz Dumpingpreise Gewinne erzielen kann. Manchmal ist Rudolph aber zu involviert, dann verliert er sich im Detail. Solche Passagen sind störend und (manchmal) überflüssig. Seinen großen Reiz bezieht der Roman aus dem Duell seiner beiden Protagonisten. Die Hauptkommissarin Cornelia Bahlke ist eine 40-jährige Frau, die ihren Job ohne Illusionen macht. Sie hat viel Schreckliches gesehen und ist darüber ein wenig abgestumpft. Sie vertraut ihrer Intuition und verwechselt diese manchmal mit Voreingenommenheiten. Matthias Lanhoff ist Fußballtrainer, ein sogenannter harter Hund, der seine Spieler bis aufs äußerste quält und reizt, weniger um aus ihnen die letzten Prozente ihres Potentials heraus zu kitzeln, sondern vielmehr, weil er seine Spieler im Grunde seines Herzens verachtet. Er ist ein verkappter Fußballhasser und im geheimen ein Liebhaber von Hochliteratur und Philosophie. Bahlke verachtet Lanhoff, sieht in ihm lediglich den Prolo und fühlt sich doch von ihm angezogen. Lanhoff sieht in Bahlke die frustrierte Frau, die ihre Unzufriedenheit und Frustration an ihren Mitmenschen auslässt. Zeilert ist von ihr als Tatverdächtiger auserkoren, weil sie ihm den Erfolg und die Tatsache, dass seine Sekretärinnen mit ihm sexuell verkehren mussten, übel nimmt. Beide umkreisen einander, wie Motten das Licht. Erst als sie zusammen arbeiten, kommen sie den Mördern auf die Spur. Da merkt man, dass Dieter Paul Rudolph seine Hammetts/Chandlers gelesen hat und - ohne zuviel zu verraten - gibt der Autor „den Mord jenen Leuten zurück, die ihn aus guten Gründen begehen“. „Menschenfreunde“ ist ein spannender Kriminalroman mit einem komplexen Plot und einem ungewöhnlichen Thema. Rudolph wechselt Schauplätze und Perspektiven, beschleunigt und bremst das Tempo, und führt am Ende diese Puzzleteile konsequent und überzeugend zusammen. Einzig der Epilog ist - gewollt - verstörend. Der Roman ist geschrieben in einer manchmal überbordenden, komplexen Sprache. Es ist vor allem der Erzählton, geprägt von Humor, Ironie und Sarkasmus, sowie die gelungenen Anspielungen auf den alltäglichen Wahnsinn der zwischenmenschlichen Beziehungen, die den Leser für diesen Roman einnehmen. Ein sehr vielversprechendes Debüt!
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