 | Die Seelen der Toten Rezension von Hyndara Aus der Reihe "John Rebus" John Rebus ist auf dem besten Wege abzubauen: Ohne Alkohol kann er nicht mehr einschlafen, da ihn sonst die Geister aus seiner Vergangenheit quälen, und im Dienst leistet er auch nicht mehr wirklich das, was er leisten soll - doch zumindest letzteres sieht er nicht ganz so: Statt einen Giftmörder im städtischen Zoo dingfest zu machen, hetzt Rebus einen verurteilten Kinderschänder in das Seelöwen-Gehege. Er geht sogar noch weiter: Nachdem er herausgefunden hat, wo der Mann wohnt, gibt er der Presse einen Tip. Und die läßt sich eine solche Story natürlich nicht durch die Lappen gehen. Eine Hexenjagd geht los. Und Rebus erkennt seinen Fehler zu spät. Dann gibt sein Chef ihm einen Auftrag, wie er leichter eigentlich nicht sein bräuchte: Der in den USA verurteilte Mörder Cary Oakes wurde aus der dortigen Haftanstalt entlassen und nach Groß Britannien abgeschoben - und die Londoner Kollegen hatten natürlich nichts eiligeres zu tun, als Oakes gleich in den nächsten Flieger nach Edinburgh zu setzen. Abschreckung heißt hier die Devise. Oakes soll wissen, daß die Polizei in auf dem Kieker hat und so schnell wie möglich Schottland verlassen. Kein Problem, so scheint es zunächst. Doch Oakes hat eigene Pläne, und beginnt ein Katz- und Maus-Spiel mit Rebus, das tödliche enden kann ... Autoren und ihre Charaktere haben ein zwiespältiges Verhältnis. Am Anfang ist eine Figur, noch dazu eine Hauptfigur, eine Art Kind für den Autoren. Stolz wie ein Elternteil sieht man sie heranwachsen - und dabei ist es gleich, ob die Figur bereits erwachsen war, als man sie erfand - und freut sich, wenn andere das ähnlich sehen. Elternliebe ... Aber es gibt auch andere Zeiten. Zeiten, in denen die Figur sich widersetzt, man ihrer überdrüssig ist, sie nicht mehr sehen kann. Je länger ein Autor bei einem Charakter bleibt, desto leichter geschieht dies. Und manchmal hat man sowohl als Autor als auch als Leser das Gefühl, die Figur habe inzwischen ein Eigenleben entwickelt und sträube sich ebenso wie ihr geistiger Vater/ihre geistige Mutter, in bestimmte Situationen gebracht zu werden. Man ist zu vertraut miteinander geworden, und wie ein altes Ehepaar können Autor und seine Figur sich auch schon mal streiten, ja, manchmal sogar trennen und nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Für Außenstehende wirkt eine solche „Beziehung“ ... merkwürdig. Da redet jemand über einen erfundenen Charakter, als sei er tatsächlich am Leben und habe vielleicht gerade das Zimmer verlassen. Ein Spagat zwischen Realität und Fiktion, der für manch einen nur schwer nachzufühlen ist. Dennoch aber bleibt die Figur immer das Geisteskind ihres Autoren, und der Autor so lange an die Figur gebunden, bis beide sich endgültig voneinander trennen, sei es, weil die Geschichte ihr absolutes Ende gefunden hat, sei es aus anderen Gründen. Warum ich das schreibe? Nun, in Ian Rankins neuem Inspector Rebus-Roman hat man als Leser über weite Strecken das Gefühl, Autor und Figur haben sich voneinander entfernt. Rebus´ gewohnter Witz ist dahin, er reagiert träge, die Handlung kommt nicht recht in Schwung. Und immer wieder beschleicht einem beim Lesen das Gefühl, der Autor habe seine Figur zu einer Handlung gezwungen, die ihr nicht liegt und gegen die sie rebelliert. Ian Rankin und sein John Rebus haben schon manches Riff umschifft, sind seit Jahren in der zwiespältigen Autor-Figur-Beziehung, über die ich oben schrieb. Daß irgendwann ein Hänger kommen würde, war klar. Kein Autor kann über so lange Zeit mit einem Charakter verbringen, ohne daß der Lack abgeschliffen wird. Und als Leser bemerkt man den Unterschied sehr schnell: Sobald die neue Oakes-Figur auftaucht, kommt Schwung in die Handlung, das Lesen macht wieder Spaß. Rankin kehrt zu Rebus zurück und man möchte das Buch am liebsten aus der Hand legen. Dann aber, im zweiten Teil des Romans, dreht Rankin plötzlich auf, läßt Rebus von der Leine. Und das Duell der Giganten kann beginnen. Rebus wirkt wie ausgewechselt. Wo vorher Lustlosig- und Kleingeistigkeit herrschte, wird er plötzlich wieder zum scharfen Hund, der die Verfolgung seines neuen Wildes aufnimmt. Rebus dominiert wieder, fährt zwar nicht ganz zur gewohnten Größe auf, kann Oakes aber dennoch allein durch seine Präsenz an die sprichwörtliche Wand spielen. Und das Lesen macht wieder Spaß. Ein eigenartiges Plädoyer, das ich hier gebe, doch ich stimme dafür, Rebus künftig öfter von der Leine zu lassen. Aus Erfahrung weiß ich, daß es der Figur-Autor-Beziehung nur guttun kann. Auf der anderen Seite besteht allerdings auch die Gefahr, daß Rebus sich dann ganz verabschiedet und Rankin sich einen neuen Helden suchen muß. Nun, warten wir ab, was die Zukunft dieses alten „Ehepaares“ bringen wird und hoffen auf noch viele spannende Romane. Herstellerinfo: Die Seelen der Toten lassen Detective Inspector John Rebus keine Ruhe: In seinen nächtlichen Träumen sucht ihn sein kürzlich verstorbener Freund heim, und während des Tages plagt ihn sein schlechtes Gewissen. Denn Rebus trägt maßgeblich Schuld daran, daß in einem Fall von Kindesmißbrauch der Täter bereits von der Presse vor dem Prozeß verurteilt worden ist - eine heikle Situation für die Edinburgher Polizei. Zudem soll er den soeben aus dem Gefängnis entlassenen Serienmörder Cary Oakes überwachen, damit nicht noch ein Mensch das Opfer der Öffentlichkeit wird. Doch Oakes setzt alles daran, sich Rebus zu entziehen, und beginnt mit ihm ein makaberes Versteckspiel ...
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